06. Februar 2008 Zur Gemütslage der Wiener vor dem großen Fußballfest dieses Sommers hat die Universität der Stadt gerade einige Erkenntnisse zusammengetragen – und dabei nicht nur Vorfreude erkannt. Viele Bürger, heißt es in der Studie, sähen eher die negativen Seiten der Europameisterschaft und verbänden mit dem Massenansturm vor allem überfüllte Verkehrsmittel, Probleme mit Alkoholisierten, Müll und Stau.
Am meisten fürchteten sich die Wiener laut der Umfrage aber vor einer anderen Gefahr: englischen Hooligans. In dieser Hinsicht ließen sich die Bedenken schnell zerstreuen, hat sich doch die englische Nationalmannschaft gar nicht für die Endrunde qualifizieren können. Zur wilden Randale neigende Besucher von der Insel werden wohl deshalb irgendwo anders ihre Sommerferien verbringen – kaum vor den Zapfhähnen der Brauhäuser in Österreichs Hauptstadt.
Heute kommen bloß 1500 Deutsche in den Prater
Etwas realitätsnäher erscheinen andere Unsicherheiten, welche auch in den Vorbereitungen der Organisatoren eine zentrale Rolle spielen. So malte der Kolumnist eines Boulevardblatts zum gestrigen Länderspiel gegen die deutsche Nationalmannschaft ein düsteres Bild davon, was auf die Österreicher im ungleichen Bruderkampf zukommen könnte. Heute kommen bloß 1500 Deutsche in den Prater – am 16. Juni werden die Fans des Favoriten das ihnen zustehende Kontingent (10.000) mit zig Tricks noch kräftig überziehen.
An diesem Tag werden im letzten EM-Gruppenspiel die beiden Teams womöglich gegeneinander um den Einzug ins Viertelfinale kämpfen. Vielleicht also ein echter Showdown, in jedem Fall ein Risikospiel für die Polizei, die sich schon auf einen Massenansturm aus dem Nachbarland und das Szenario gewaltbereiter deutscher Fans im Sommer vorbereitet.
Werden die Gastgeber Zweiter, müssen sie reisen
Österreich ist zum Start der EM nicht nur in Austria-Hand, sondern auch deutsches Fußball-Land. Obwohl die Elf von Bundestrainer Joachim Löw in der weit entfernten Idylle des Schweizer Tessins ihr Basislager aufschlagen wird, finden erst einmal alle ihre Gruppenspiele in Klagenfurt (Polen, Kroatien) und Wien (Österreich) statt.
Gehen die Deutschen aus diesen Partien als Gruppensieger hervor, würden sie im Viertelfinale abermals in der österreichischen Hauptstadt antreten – die ja auch Spielort des Finales ist. Skurril: Kämen die beiden Teams der EM-Ausrichter Schweiz und Österreich als Zweite weiter, müssten sie im Viertelfinale im jeweiligen Nachbarland spielen.
Was bedeuten 70.000 bis 150.000 zusätzliche Fans?
Österreichs Innenminister Günther Platter mahnte vor wenigen Tagen, die Sicherheitsfrage mit aller Konsequenz zu verfolgen: Wir dürfen nicht blauäugig sein. Gerade im kleinen Klagenfurt am Wörthersee wächst die Angst vor Hooligans und unkontrollierbaren Menschenmassen, Auseinandersetzungen zwischen Störern aus Deutschland, Polen und Kroatien. Was bedeuten 70.000 bis 150.000 zusätzliche Fans?, fragt man sich in der Hauptstadt Kärntens.
Dort wird gerade geplant, die Public-Viewing-Zonen auszuweiten, um das angereiste Fußballvolk, das bei der Ticketvergabe leer ausgegangen ist, gut zu unterhalten und damit milde zu stimmen. Unterstützung erhält die Polizei in Österreich von erfahrenen Fanbegleitern aus den Teilnehmerländern. 850 Polizisten aus Deutschland – die meisten aus Bayern – werden ihren Dienst auf der anderen Seite der Grenze verrichten. Zivil oder mit Uniform, sie haben alle Befugnisse, die auch den österreichischen Polizisten üblicherweise zustehen.
Stellen Sie sich vor: Grölende Fans und viel Lärm
Die Kontrollen an den Schengen-Grenzen werden bei der EM wieder eingeführt, um Risikofans schon bei der Einreise zu stoppen. Der Projektleiter für die Sicherheit bei der EM hat darauf hingewiesen, dass bei der WM in Deutschland 2006 nicht weniger als 8700 Personen festgenommen, 862 verletzt und 7200 Straftaten begangen wurden.
Bei diesen Aussichten denkt so mancher Österreicher nur noch an die Flucht. Der Direktor des berühmten Wiener Burgtheaters kündigte an, die Aufführungen während der EM zu unterbrechen und mit seiner Truppe auf Reisen gehen zu wollen. Stellen Sie sich vor: Grölende Fans und viel Lärm. Das wäre ein unzumutbarer Zustand für unser Haus, sagte Klaus Bachler. Hier kommen Sport und Kultur mal nicht zusammen.
Text: F.A.Z.
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