Von Frank Heike, Wolfsburg
27. Februar 2008 Seit Tagen schon hatte Marcelinho davon gesprochen, wie viel es ihm bedeuten würde, mit dem VfL Wolfsburg das Pokalfinale in Berlin zu erreichen. Dorthin also zurückzukehren, wo er fünf Jahre für Hertha BSC Berlin gespielt hat. Nun ist Marcelinho mit Wolfsburg nur noch ein Spiel vom Finale im April entfernt. Dank seines Tores in der 109. Minute gewann der VfL Wolfsburg am Mittwochabend 2:1 gegen den Hamburger SV und hat das Halbfinale des Pokalwettbewerbs erreicht. Ich bin heilfroh, dass wir in der Verlängerung das Tor gemacht haben, denn wir wollten auf keinen Fall gegen einen Torhüter wie Frank Rost ins Elfmeterschießen, sagte Wolfsburgs Trainer Felix Magath.
In einer umkämpften Partie schlug Wolfsburg in der Verlängerung zu, nachdem zuvor der HSV mehr Spielanteile gehabt hatte. Lange rannten die Hamburger dem 1:0 des VfL durch Grafite in der 17. Minute per Foulelfmeter hinterher. Erst in der 70. Minute glich Rafael van der Vaart aus. Danach erspielten sich die Hamburger die besseren Möglichkeiten, trafen unter anderem die Latte durch Trochowski, doch am Ende fehlten auch die Kräfte, um sich von dem Tiefschlag von Marcelinho wieder zu erholen.
Kein hochklassiges, aber ein intensives Pokalspiel
Zählt man Eckbälle und Ballbesitz, hätte der HSV zur Pause nicht 0:1 in Rückstand liegen dürfen. Doch die Fakten sprachen für den in diesem Jahr noch unbesiegten VfL Wolfsburg. Denn Grafite war in der 17. Minute in einem Duell mit Joris Mathijsen im Strafraum gefallen und bekam den angepeilten Elfmeter. Cool verwandelte Grafite den Strafstoß. Es stand 1:0 für den VfL. Ich habe die Situation, die zum Elfmeter geführt hat, anders gesehen als der Schiedsrichter. Ich denke, dass es eine Schwalbe war, meinte Hamburgs Coach Huub Stevens. Der HSV bemühte sich, den Ball gefährlich vor das Wolfsburger Tor zu bringen, doch das Ganze war oft zu unstrukturiert.
Allerdings hätte Angreifer Guerrero den Ausgleich erzielen müssen, als er den Wolfsburger Torwart Diego Benaglio in der 21. Minute schon ausgespielt hatte, den Ball dann aber über das Tor setzte. Wolfsburg erholte sich von dieser Szene, stand im Mittelfeld gestützt auf Josué und den Japaner Hasebe kompakt und ließ den HSV zwar spielen, aber auch wenig zu. So kennt man die Mannschaft von Felix Magath im Jahr 2008. Bekannt ist auch, dass Huub Stevens' Hamburger Mühe haben, aus Ballbesitz und Überlegenheit Chancen zu kreieren. So war es auch an diesem Abend in Niedersachsen in einem zwar nicht hochklassigen, aber intensiven Pokalspiel, an dem fast 30.000 Zuschauer in der Wolfsburger Arena ihre Freude hatten.
Van der Vaarts Traumtor als verdienter HSV-Lohn
In einer packenden zweiten Halbzeit spielte der HSV, als wolle er alles nachholen, was er im ersten Durchgang versäumt hatte. Vor allem Torwart Frank Rost machte das Spiel schnell, manchmal sogar zu schnell für seine Kollegen. Nicht jeder Abschlag oder Abwurf wäre nötig gewesen, doch die Eile Rosts zeigte auf jeden Fall, dass der HSV in die nächste Runde wollte. Bei all der Hektik kam das geordnete Spiel natürlich zu kurz, und man hätte drauf wetten können, dass - wenn überhaupt - eine Einzelaktion für Gefahr würde sorgen können. So war es dann auch, als van der Vaarts Freistoß aus 20 Metern an die Latte des Wolfsburger Tores prallte (50. Minute).
25 Minuten hielt Wolfsburg dem ungeordneten Hamburger Ansturm stand, doch dann wurde ein Eckball des HSV zu kurz abgewehrt, und der Ball flog Rafael van der Vaart vor die Füße - per Dropkick schoss der Hamburger Regisseur den Ball ins Wolfsburger Tor. Das 1:1 in der 70. Minute war der Lohn für das Bemühen, und der HSV war nun keinesfalls gewillt nachzugeben. Er rannte weiter an, ließ allenfalls Konter der Wolfsburger zu, die aber durch den wuchtigen Brasilianer Grafite immer gefährlich waren. Doch zu richtig guten Chancen kam der HSV nicht mehr, und zum Ende der regulären Spielzeit fand der VfL wieder etwas besser in die umkämpfte und schnelle Partie.
Aus dem Nichts kommt das Aus der Hamburger
Stevens hatte da schon Zidan eingewechselt und Trochowski für den nur eine Woche nach seinem Bänderriss noch geschwächten van der Vaart gebracht. Zidan sah man das Bemühen an, allein fehlt ihm die Form vom Africa Cup. Und mit laufender Spielzeit schien doch das einzutreffen, was Magath erhofft hatte - dass die Kräfte beim HSV nur drei Tage nach dem hart erkämpften Remis bei Bayern München schwinden würden. So kam der eingewechselte Dzeko für die Wolfsburger zu einer großen Chance, nachdem Trochowski Sekunden zuvor für den HSV einen Freistoß gegen die Latte geknallt hatte.
Wolfsburg wirkte frischer und stand hinten auch gut, weil die Innenverteidiger Madlung und Simunek konzentriert blieben und viele Bälle abliefen. Dem HSV fehlte ohne van der Vaart erst recht der Spritzer Genialität, um zu zwingenden Chancen zu kommen. Aus dem Nichts kam dann das Aus für die Hamburger. Marcelinho drang in der 109. Minute in den Strafraum ein, hatte das Ziel schon vor Augen, Mathijsen grätschte noch dazwischen, doch der Ball hob sich zum Siegtreffer ins Hamburger Tor. Der Jubel bei Marcelinho war riesig - nun könnte sein Traum vom Finale in Berlin doch noch wahr werden.
VfL Wolfsburg - Hamburger SV 2:1 (1:1, 1:0) n.V.
Wolfsburg: Benaglio - Riether (66. Simunek), Ricardo Costa, Madlung, Schäfer - Gentner, Hasebe (95. Krzynowek), Josue - Marcelinho - Dejagah (66. Dzeko), Grafite. - Trainer: Magath
Hamburg: Rost - Demel, Reinhardt, Mathijsen, Benjamin - Kompany, de Jong - Jarolim (63. Trochowski), van der Vaart (81. Boateng), Olic - Guerrero (54. Zidan). - Trainer: Stevens
Schiedsrichter: Dr. Fleischer (Sigmertshausen)
Tore: 1:0 Grafite (17., Foulelfmeter), 1:1 van der Vaart (70. ), 2:1 Marcelinho (109.)
Zuschauer: 29.086
Gelbe Karten: Zidan, Kompany
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP, ddp, dpa, REUTERS
