Von Michael Eder, Manchester
14. Mai 2008 Wenn Trainer Dick Advocaat vom Einzug seines Klubs Zenit St. Petersburg ins Uefa-Cup-Finale in Manchester spricht (an diesem Mittwoch von 20.45 Uhr an bei Sat.1, Premiere und im FAZ.NET-Liveticker), dann fallen zuverlässig große Worte: Es ist ein Wunder, sagt der Sechzigjährige. Für Advocaat aber dürfte sich das Endspiel an diesem Mittwoch weniger wie ein Wunder anfühlen denn wie ein Triumph. Der kleine General, wie sie Advocaat in Holland ein wenig despektierlich nennen, genießt den Respekt, der ihm in diesen Tagen, vor allem nach dem 4:0 im Halbfinale gegen den FC Bayern München, entgegengebracht wird; er hat ihn nicht allzu oft erfahren, zumindest nicht in einem Maß, wie er es für angemessen hielte.
Dem unterkühlten Niederländer attestierte Trainerlegende Ernst Happel einst den Adrenalinspiegel eines Holsteiner Kaltblutes. Advocaat gilt als verschlossen bis verschroben, als großspurig bis herablassend, und wie in seiner bescheidenen Karriere als Spieler ist er auch in seinem Auftreten als Trainer ein Spezialist der Abwehrarbeit geblieben, warm wird mit ihm kaum jemand. Er war Assistent und Cheftrainer der niederländischen Nationalmannschaft, er gewann mit dem PSV Eindhoven Meisterschaft und Pokal, doch zu Beliebtheit hat er es in seinem Heimatland nie gebracht.
In Holland wie in Mönchengladbach hinterließ Advocaat viele Kritiker
Vielleicht zog er deshalb immer wieder aus, um Glück und Anerkennung anderswo zu suchen. 1998 ging er zu den Glasgow Rangers, an diesem Mittwoch ausgerechnet der Finalgegner von Zenit, auch mit den Schotten gewann er Meisterschaft und Pokal. 2004 wechselte er in die Bundesliga zu Borussia Mönchengladbach, wo er in großem Stil scheiterte und, wie in Holland, viele Kritiker hinterließ.
Die Borussia steckte damals jede Menge Geld in die Mannschaft, und Advocaat gab es gern und reichlich aus. Stars wie Elber und Sonck kamen, doch als der Trainer nach dem 29. Spieltag gehen musste, zitterte Gladbach knapp vor der Abstiegszone. Advocaat verabschiedete sich aus der Bundesliga in die große weite Fußball-Welt, ging als Nationaltrainer in die Vereinigten Arabischen Emirate, dann nach Südkorea. Er führte die Asiaten zur WM nach Deutschland, wo er beachtliche Ergebnisse erzielte: ein Sieg gegen Togo, ein Unentschieden gegen Frankreich und nur eine Niederlage gegen die Schweiz. Die Südkoreaner schieden unglücklich nach der Vorrunde aus.
Uefa-Cup-Finale als Schritt in die goldene Zukunft
Advocaats nächste Station sollte Australien werden, wieder Nationaltrainer. Doch er entschied sich für eine Rückkehr in den Vereinsfußball. St. Petersburg lockte mit anfangs 2,5, später angeblich mit vier Millionen Euro Jahressalär, außerdem mit einem hübschen Investitionsbudget, das Sponsor Gasprom garantierte. Es wird die Zeit kommen, sagt Advocaat, da werden die Spitzenspieler nicht mehr nach Italien, Frankreich oder England wechseln, sondern in die russische Liga.
Diese Zeit will er in St. Petersburg mit den Gasprom-Millionen und der Unterstützung der herrschenden Klasse um Staatspräsident Medwedjew einläuten. Im vergangenen Jahr gewann er mit Zenit die russische Meisterschaft, damit war die jahrzehntelange Vorherrschaft der Moskauer Vereine gebrochen. Wir wollen erst eine Macht in Russland werden, sagt Advocaat, und dann in Europa. Das Erreichen des Uefa-Cup-Finals sieht er als ersten Schritt in eine goldene Zukunft des russischen Fußballs. Er habe Siegermentalität zu Zenit gebracht, sagt Advocaat in aller Bescheidenheit. Und: Wenn man schon einmal im Finale steht, dann muss man es auch gewinnen.
100.000 Schotten gegen 15 Millionen Russen und einen Präsidenten
Für eine optimale Vorbereitung hat Advocaat gleich mehrere Spiele der russischen Meisterschaft verlegen lassen, am Samstag trat Zenit statt in der heimischen Liga zu einem Testspiel beim holländischen Ehrendivisionär AZ Alkmaar (2:2) an, wo Advocaat vor allem probte, wie der gegen die Rangers gesperrte Stürmer Pawel Pogrebnyak (zehn Tore im laufenden Wettbewerb) zu ersetzen sei. Alkmaars Trainer Louis van Gaal ließ sein Team auf Bitte von Advocaat als Glasgow-Double extrem defensiv spielen. Zenit stürmte phasenweise mit drei Stürmern: mit Fatih Tekke, Alejandro Dominguez und dem von europäischen Topvereinen umworbenen Andrei Arschawin.
Advocaat setzt gegen die Rangers offenbar auf Angriff, auch wenn Glasgow im Stadion von Manchester City ein Heimspiel haben wird - von 100.000 Schotten ist die Rede, die sich auf den Weg zum Finale gemacht hätten. Aber auch die angekündigte Invasion der Rangers-Fans schreckt Advocaat nicht. Uns unterstützen daheim 15 Millionen Russen, sagte er. Und der Präsident noch dazu.
Advocaat wirkt nicht, als zweifele er an sich
Der Zenit-Trainer machte am Dienstag nicht den Eindruck, als leide er unter Selbstzweifeln. Man drängt meine Mannschaft in die Favoritenrolle, sagte er. Gut, ich mag das. Sein persönlicher Triumphzug durch Europa - mit den bisherigen Stationen Villarreal, Marseille, Leverkusen und München - soll noch nicht zu Ende sein.
Der erste internationale Titel mit einer Vereinsmannschaft - das ist sein Traum. Auch die schärfsten Kritiker seines Stils müssten dann einräumen, was sich bei Advocaats Erfolgsbilanz ohnehin kaum noch bezweifeln lässt: Der kleine General hat das Zeug zu einem großen Trainer.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP, dpa, picture-alliance / dpa/dpaweb, picture-alliance/ dpa/dpaweb, REUTERS
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