Nachdem Margot Käßmann zurückgetreten war, musste sie in der Presse lesen, was anonym bleibende Mitarbeiter an ihrem Stil der Geschäftsführung auszusetzen hatten. Mit der Verfehlung, mit der sie ihren Rücktritt als Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland begründete, hatten ihre angeblichen Versäumnisse in der internen Kommunikation nichts zu tun. Sie war schlecht beraten gewesen, sich nach dem fröhlichen Abend im Bekanntenkreis ans Steuer ihres Dienstwagens zu setzen. Aber niemand konnte behaupten, nun sei ihre Beratungsresistenz offenkundig geworden. Im Sinne der englischen Redensart There, but for the grace of God, go I sagte fast jeder Führerscheinbesitzer in Deutschland: Das hätte mir auch passieren können.
Theo Zwanziger ist noch nicht zurückgetreten und muss trotzdem schon hinnehmen, dass in der Presse ausgebreitet wird, was man sich in der Frankfurter Zentrale des Deutschen Fußball-Bundes über das Benehmen des Präsidenten erzählt. Wenn er als jähzornig beschrieben wird, als unfähig zum Delegieren und selbstherrlich auch in Kleinigkeiten, so passt das nur zu gut zu den offenkundigen Fehlern des DFB in der Affäre um Vorwürfe sexueller Nötigung gegen den Schiedsrichteraufseher Manfred Amerell. Wie auch immer die Sache enden wird: Es liegt schon heute auf der Hand, dass Zwanziger sich mit seinen öffentlichen Kommentaren zu einem schwebenden Verfahren in unkluger Weise persönlich exponiert hat und dass der DFB in diesem Streit, in dem die moralische Existenz von Personen auf dem Spiel steht, die Sachlichkeit der Organisation vermissen lässt. Der Verband verhält sich selbst wie eine gekränkte, im Ressentiment zu Überreaktionen neigende Person.
Das Alarmsignal war die Stellungnahme des DFB zur Rücktrittserklärung Amerells vom 12. Februar. Amerell beteuerte seine Unschuld und machte zum Beleg eine E-Mail öffentlich, die er von Michael Kempter, seinem Bezichtiger, im Januar erhalten haben will. Dazu ließ der DFB verlauten: Ob die Äußerungen klug waren, möchten wir unkommentiert lassen. In der Rhetorik nennt man die Figur, etwas zu kommentieren, indem man sagt, man wolle es nicht kommentieren, Praeteritio, das Vorübergehen. Der Sprecher setzt mit diesem Mittel seine Selbstbeherrschung in Szene. In der alltäglichen Verwendung der Figur verrät sich oft das Gegenteil: Ein Gebot der Zurückhaltung, für das alle Klugheit spricht, wird im Affekt übertreten.
So auch hier. Ein leitender Mitarbeiter, dem der unehrenhafte Abschied nahegelegt worden ist, räumt seinen Posten. Als er wissen lässt, dass er um seine Ehre kämpfen wird, ruft der DFB ihm nach: Ob du dir damit einen Gefallen tust? Du wirst schon sehen, was du davon hast! Gelangten aus dem Vorstand eines Unternehmens im Zuge einer arbeitsrechtlichen Auseinandersetzung solche Sprüche nach draußen, würde man dem Chef raten, sich schleunigst einen Pressesprecher zuzulegen. Hier kam die Mitteilung aus der Pressestelle des DFB. Ein kommunikativer Kontrollverlust trat zutage, der das Schlimmste befürchten ließ. Und tatsächlich kam es immer schlimmer.
Ein rechtsstaatliches Verfahren beginnt damit, dass der Beschuldigte erfährt, was ihm vorgeworfen wird. Der DFB verweigerte Amerell Akteneinsicht mit der Begründung, da er freiwillig zurückgetreten sei, gebe es keine Maßregelung, gegen die er vorgehen könnte. Die bizarre Logik: Wo kein Richter, da kein Kläger. In den Worten des zuständigen Richters vom DFB-Sportgericht: Es gab kein Verfahren, also keine Akten, also keine Akteneinsicht. Nur für den DFB-Präsidenten gab es, wie Thomas Kistner und Christof Kneer in ihrer Chronik des Skandals in der Samstagsausgabe der Süddeutschen Zeitung notieren, offenbar doch ein Verfahren: Er erklärte es nämlich für abgeschlossen.
Vorher hatte Zwanziger den Lesern der Bild-Zeitung aus den vor dem Beschuldigten geheim gehaltenen Nicht-Akten berichtet, Amerell werde stark und intensiv belastet. Außerdem stellte er die Überlegung in den Raum, ob die Sache der Staatsanwaltschaft übergeben werden müsse. Für die Bewertung von Zwanzigers Handlungen ist erheblich, dass er promovierter Jurist ist, als Regierungspräsident Personalverantwortung getragen hat und nach seiner regionalpolitischen Karriere Richter am Oberverwaltungsgericht war. Er machte nicht nur die Aufklärung der Vorwürfe zur Chefsache, sondern auch die Kommunikation über den Fall. Höchstpersönlich korrigierte er die in der Öffentlichkeit umlaufende Zahl von vier angeblich von Amerell belästigten Schiedsrichtern nach oben. Und er ließ sich dazu hinreißen, die Gegenseite zur Zündung der nächsten Eskalationsstufe herauszufordern: Herr Rechtsanwalt, erheben Sie doch Klage!
Als Rechtsanwalt Jürgen Langer der Einladung gefolgt war, erklärte Zwanziger vor Journalisten: Der Ausgang des Verfahrens vor dem Münchner Landgericht kann uns egal sein. Ein Josef Ackermann wurde einst zum Buhmann, weil er im Gericht etwas zu deutlich seine Siegeszuversicht bekundete. Hier nun verkündete der Beklagte, dass ihn die Niederlage nicht jucken werde. Wer ist der Zyniker? Tage später Zwanzigers Kehrtwende: Falls der DFB in München verliere, werde er sofort zurücktreten. Dieses Junktim zwischen dem persönlichen Schicksal und einem Richterspruch erster Instanz rief die Erinnerung an die Maßlosigkeit wach, mit der Zwanziger gegen den Blogger Jens Weinreich vorgegangen war, der ihn einen unglaublichen Demagogen genannt hatte. Durch mehrere Instanzen hatte der DFB-Präsident den freien Journalisten gejagt, und schon damals hatte er für den Fall des Unterliegens seinen Rücktritt angedroht. Eine außergerichtliche Einigung ersparte ihm die Konsequenz.
Auch mit Amerell ist ein Vergleich geschlossen worden. Der Klage auf Akteneinsicht hatte der DFB widersprochen, um die Namen der Schiedsrichter nicht preisgeben zu müssen, die gegen Zusicherung der Anonymität Kempters Anklagen bestätigt hatten. Durch den Vergleich werden die Akten nun Amerell zugänglich, der unverzüglich angekündigt hat, die Belastungszeugen zu verklagen. Ludger Schulze fasste im Kommentar der Süddeutschen Zeitung zusammen: Wer sich dem Präsidenten des größten Sportverbandes der Welt in einer überaus delikaten Angelegenheit mit der Bitte um Schweigen anvertraut, muss demnach damit rechnen, dass sein Name in die Öffentlichkeit gezerrt wird. Der vollmundig propagierte Vorrang des Persönlichkeitsschutzes ist geopfert worden, damit der Präsident und sein Verband ihr Gesicht wahren können.
Markus Merk, der mit dem Menschenführungswissen, das man als Schiedsrichter erwerben kann, ein reicher Mann geworden ist, hat Michael Kempter seine Anteilnahme ausgesprochen: Er muss ja unter Realitätsverlust gelitten haben, wenn er vorher nicht gewusst hat, was auf ihn zurollt. Mit ungleich größerem Recht muss man Zwanziger diese Diagnose stellen. Wenn ein erwachsener Mann einen Vorgesetzten sexueller Übergriffe beschuldigt, dann kann, selbst wenn alle Vorwürfe zutreffen, die Geschichte in den Einzelheiten so kompliziert sein, dass ihre öffentliche Erörterung auch das Opfer ruiniert. Hat man beim DFB Kempter denn nicht gefragt, ob Amerell Material besitzt, das ihn kompromittieren könnte? Jetzt diktiert Amerell den Boulevardreportern den Witz, Kempter - im Januar zum Fifa-Schiedsrichter befördert, aber noch ohne internationalen Einsatz - werde sich das Fifa-Abzeichen nur auf den Schlafanzug nähen können.
Als Bundesverteidigungsminister Manfred Wörner 1983 den stellvertretenden Nato-Oberbefehlshaber Günter Kießling entlassen wollte, der in den Verdacht der Homosexualität geraten war, überredete er Kießling dazu, dass gegenüber der Öffentlichkeit gesundheitliche Gründe für den Abschied vorgeschoben werden sollten. Nach demselben Muster wollte der DFB den Fall Amerell lösen. Am 9. Februar verbreiteten die Nachrichtenagenturen, Amerell wolle sich aus Gesundheitsgründen aus dem Schiedsrichterausschuss zurückziehen. Einen Tag später enthüllte die Frankfurter Rundschau den wahren Grund.
Als Kießling sich gegen den Rufmord zur Wehr setzte, schaltete sich Wörner persönlich in die Ermittlungen ein, mutiert zum Selbstverteidigungsminister. Wörner zerstörte den Rest seiner Autorität, indem er Zeugen aus dem Strichermilieu im Ministerbüro einvernahm. In ähnlich unappetitliche Bereiche hat sich Zwanziger begeben, der nun abwarten muss, wie der Streit zweier Männer ausgeht, die einander wechselseitig vorwerfen, wegen des Übergangs zur Elektrobriefschlussformel Liebe Grüße beleidigt gewesen zu sein. Dass Manfred Wörner nicht zurücktrat, ist das Schulbuchbeispiel für den Verfall des Amtsethos in der Epoche von Helmut Kohl.
Die Inhaber von Spitzenämtern sehen sich gerne als Vorbilder. Vom preisgekrönten Toleranzapostel Zwanziger, der den Pressefotografen gerne den ersten schwulen Bekenner im Profifußball präsentiert hätte, muss nicht mehr die Rede sein. Es genügt festzuhalten, dass Spitzenfunktionäre durch ihr Verhalten Vorgaben für die gesamte Organisation setzen. Der DFB hat 6,7 Millionen Mitglieder und setzt 80.000 Schiedsrichter ein. In jeder Klasse und jedem Verein können die Verantwortlichen mit Bezichtigungen konfrontiert werden, die so entschiedene wie diskrete Aufklärung fordern. Margot Käßmann ist wegen einer Gesetzesübertretung im Privatleben zurückgetreten, die im Sündenregister nicht vorkommt. Wer wird aus der Hand von Theo Zwanziger noch einen Fairplay-Pokal entgegennehmen?
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: REUTERS