DFB-Pokal-Kommentar

Bayerns Extradosis Erfolgsbesessenheit

Von Roland Zorn

20. April 2008 Der FC Bayern München ist ein geübter Grenzgänger im internationalen und nationalen Fußball. Es macht einen Teil seines Mythos aus, dass sich dieser Klub auch unter größtem Druck oft genug aus schwierigsten Lagen befreien konnte oder aber unter heroischen Umständen scheiterte. Last-Minute-Erfolge und Niederlagen im letzten Moment wohnt etwas Schicksalhaftes inne, und so haben sich die Münchner ihren vom Neid der Konkurrenz mitgeprägten Ruf der „Dusel-Bayern“ oder des großen Verlierers hart verdient.

Wer die Champions League 2001 im Elfmeterschießen gegen den FC Valencia erobert, zwei Jahre zuvor im Kampf um die höchste Klubtrophäe auf den letzten Metern von Manchester United überholt wird, zuletzt in Getafe einen aussichtslosen Rückstand zu seinem Glück noch egalisiert, der weiß mit den im Fußball entscheidenden Momenten aus Erfahrung meist besser umzugehen als andere.

Die Kraft, an schwächeren Tagen Stärke zu zeigen

Dem ersten von drei möglichen Titelgewinnen des deutschen Rekordmeisters und Rekordpokalsiegers haftete am Samstag in Berlin nicht das Aroma von Delikatessfußball an, dafür wirkten die Bayern bei ihrem in der Verlängerung sichergestellten 2:1-Erfolg über Borussia Dortmund insgesamt nicht frisch und einfallsreich genug. Was das finale Pokalduell mit dem großen Rivalen der neunziger Jahre auszeichnete, war aber die Intensität im Schlussbogen dieser Partie.

Wieder einmal mussten die Münchner ein Tor in der von Oliver Kahn so genannten „ominösen neunzigsten Minute“ schlucken, und wieder einmal schlugen sie dann doch Kapital aus ihrer mentalen Kraft, auch an schwächeren Tagen Stärke zeigen zu können. Wie eine Mannschaft aus Europas De-Luxe-Klasse wirkten die Münchner am Samstag gegen einen fast gleichwertigen Gegner beileibe nicht. Sie bewiesen aber Standfestigkeit und zweifelten nicht an ihrer Überzeugung, sich in jeder Lage durchsetzen zu können.

Ribérys schwaches Spiel zeigt, dass Klinsmann noch viel verbessern muss

So wurden zwar noch keine Zeichen für die bevorstehende Rückkehr in die europäische Liga der Besten gesetzt, die die Konkurrenz in England oder Spanien beunruhigen könnten, doch für den Hausgebrauch reichte die Extradosis Erfolgsbesessenheit, personifiziert durch Oliver Kahn und Luca Toni, allemal aus. Wie fragil diese Konstruktion sein kann, deutete sich aber auch an. Ist Franck Ribéry, der zweite neue Star neben Toni, in Durchschnittsform wie am Samstag, kommt gleich das ganze Bayern-Spiel ins Stocken. Dass Toni einmal wochenlang nicht trifft, will man sich erst gar nicht ausmalen. Dass Kahn am Saisonende Schluss macht, wird ein Vakuum hinterlassen, war doch der Kapitän über Jahre die Persönlichkeit und Konstante der verschiedenen Bayern-Mannschaften.

Den Münchnern wie ihrem scheidenden Trainer Ottmar Hitzfeld dürfte mit dem fast sicheren Gewinn der 21. deutschen Meisterschaft und dem möglichen Erfolg im Uefa-Pokal ein wunderbarer Jahresabschluss bevorstehen. Dann kommt die Zäsur. Herbeiführen soll sie Jürgen Klinsmann, der neue Trainer, der für Aufbruch und Reformen steht. Er wird ein schweres Erbe, aber auch eine überaus reizvolle Aufgabe übernehmen, da in diesem Bayern-Ensemble noch viel zu entwickeln und viel zu verbessern ist. Auch das war in Berlin am Samstag deutlich zu sehen.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: REUTERS

 
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