Deutschland gegen Schweiz

„Brücken schlagen über Gräben von Hass und Schmerz“

Von Thomas Klemm

26. März 2008 An diesem Mittwoch (20.45 Uhr / Live im ZDF und im FAZ.NET-Liveticker) ist der Deutsche Fußball-Bund (DFB) wieder zu Gast bei Freunden. Zum fünfzigsten Male treffen in Basel eine deutsche und eine Schweizer Mannschaft aufeinander, wichtiger aber als die Masse ist die Klasse, die das Verhältnis der beiden Verbände kennzeichnet. Wann immer es darauf ankommt, kann sich der DFB auf den Nachbarn verlassen: Die Schweizer sind vor hundert Jahren die ersten Gegner gewesen und seither vielfach die treuesten Verbündeten.

Nach jedem Weltkrieg brachen sie die internationale Blockade gegen verhasste Deutsche, zudem kamen sie im Dezember 1990 nach Stuttgart zum „Wiedervereinigungsspiel“ und im April 2000 nach Kaiserslautern zum Jubiläumsspiel anlässlich des hundertjährigen DFB-Bestehens. Am wichtigsten waren aber drei andere Begegnungen, die für eine wunderbare Fußballfreundschaft stehen:

5. April 1908: Schwache Premiere, fidele Feier

Erst acht Jahre nach seiner Gründung hatte sich der DFB zu einem Länderspiel durchringen können. Doch stritten sich die Landesverbände bis zuletzt, welche Spieler aus welchen Regionen berufen werden sollten. Die ausgewählten Akteure erfuhren kurz vor der Abreise von ihrer Nominierung; die meisten von ihnen lernten sich auf der Bahnfahrt nach Basel kennen, andere erst im Hotel. Einen Bundestrainer gab es nicht, die Taktik bestimmte der Pforzheimer Kapitän Arthur Hiller. Obwohl die „Fußlümmelei“ einen schlechten Ruf hatte und es am Spieltag regnete, kamen 4000 Zuschauer zum Sportplatz Landhof; Frauen erhielten zur Begrüßung eine Tafel Schokolade.

Nach fünf Minuten erzielte der Frankfurter Fritz Becker das erste deutsche Länderspieltor, doch trotz weiterer Treffer durch den Karlsruher Fritz Förderer und abermals Becker unterlag die DFB-Auswahl der Schweiz 3:5. Während der aus Hamburg mitgereiste Spielausschussvorsitzende Hugo Kubaseck die Stürmer schriftlich rügte, lobte er die Stimmung beim Bankett, für das jeder Spieler einen Smoking hatte einpacken müssen, als „fabelhaft und fidel“. Die Schweizer feierten indes ihren ersten Sieg im dritten Länderspiel: „Nach schwerem Kampfe hart und heiß weht stolz das Banner Rot und Weiß“, endete ein Gedicht im Verbandsorgan.

27. Juni 1920: DFB-Elf im diplomatischen Dienst

Schiedsrichter Balint staunte nicht schlecht: Gerade einmal zwei Fouls hatte die deutsche Elf in neunzig Minuten begangen! „Eine solch vornehme Mannschaft“ habe er noch nie spielen sehen, sagte der Unparteiische aus Ungarn, der wie die 8000 Zuschauer auf dem Züricher Utogrund nicht wissen konnte, dass die DFB-Elf so fair tat wie befohlen. Weil dem Reich daran gelegen war, die nach dem Ersten Weltkrieg abgebrochenen Beziehungen zu anderen Staaten wiederaufzunehmen, setzte sie auf Sportwettkämpfe als diplomatische Lösungen.

„Aus propagandistischen Gründen“ unterstützte die Regierung die Reise der DFB-Elf mit 14.000 Reichsmark. Im Schweizer Verband hätte die Bereitschaft, sich gegen die kurz zuvor noch kriegerischen Deutschen sportlich zu messen, fast zum Zerwürfnis geführt. Die frankophonen Westschweizer beriefen sich, wie die Versailler Sieger, darauf, dass erst die politischen Beziehungen zum Nachbarn geregelt werden müssten. Nachdem die deutsche Elf ihre diplomatische Mission tadellos hinter sich gebracht hatte, durfte die 1:4-Niederlage wie ein Sieg gefeiert werden.

22. November 1950: Mit gutem Willen und Zitronen

Wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit während des Zweiten Weltkrieges hatte der Internationale Fußballverband die Deutschen 1946 ausgeschlossen. Die Ersten, die das Fifa-Verbot, mit dem geächteten Volk einen Spielbetrieb aufzunehmen, unterliefen, waren die Schweizer. Ihre Kicker reisten 1948 zu Freundschaftsspielen ins Nachbarland, 1949 kam es zu Städtevergleichen wie in Stuttgart, wo ein Züricher Klub vor dem Spiel Zitronen unter den Zuschauern verteilte.

Der gute Wille der Schweizer ging so weit, dass sie sich früh für die Aufnahme der jungen Bundesrepublik in die Fifa einsetzten; aber erst im September 1950 war der Widerstand anderer Mitglieder gebrochen. Zwei Monate später strömten 103.000 Zuschauer ins Stuttgarter Neckarstadion, wo sie den deutschen 1:0-Sieg durch Herbert Burdenskis Elfmetertor sahen. Als „ein großes, bewegendes Erlebnis“ bezeichnete DFB-Präsident Peco Bauwens das Spiel. Die Schweizer Zeitung „Sport“ schrieb, ein neutrales Land habe die Pflicht, „Brücken über Gräben von Hass und Schmerz zu schlagen“.



Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 23.03.2008, Nr. 12 / Seite 19
Bildmaterial: dpa

 
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