02. Januar 2007 Der 15. Dezember des abgelaufenen Jahres war wieder einer dieser Tage, an denen im Senatssaal der Deutschen Sporthochschule in Köln schöne Reden geschwungen wurden. Schließlich galt es, 28 frischdiplomierte Fußballlehrer zu ehren, die während der Weltmeisterschaft mit ihrem Lehrgang begonnen hatten.
So wie immer zeichnete Erich Rutemöller, der Chefausbilder des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), die Absolventen aus. Er wünschte ihnen viel Glück und ermunterte sie, weiterhin eifrig an sich selbst zu arbeiten. Wie immer waren alle Teilnehmer, die den Kurs ein halbes Jahr vorher begonnen hatten, am Ende mit Erfolg durch die Prüfungen gekommen. Sehr wahrscheinlich hat jeder Einzelne der Jungtrainer den Abschluss wirklich verdient, doch ein wenig erinnerte die über Jahrzehnte eingespielte Vergabepraxis mit der Hundert-Prozent-Quote an die Selbstgefälligkeit des deutschen Fußballs und einen alten Grundsatz: Alles bleibt so, wie es ist, weil es immer so war.
Nur noch mit der Klinsmann-Philosophie
Die Wirklichkeit am Fußballstandort Deutschland hat sich jedoch verändert. Seit im WM-Jahr 2006 für alle sichtbar wurde, dass die drastischen Veränderungsprozesse in der Nationalmannschaft unter Klinsmann und Co. zu erfolgversprechenden Resultaten geführt haben und als Blaupause dienen können für einen weitaus breiter angelegten Systemwechsel, hat sich der Druck erhöht auf die Verwalter der bestehenden Strukturen.
Nun zum Jahresausklang mahnte DFB-Präsident Theo Zwanziger nochmals Verbandsbasis und Funktionäre in einer Internetbotschaft an, "neue Entwicklungen voranzutreiben". Schon während des WM-Turniers hatte der Verbandschef die neue Orientierung vorgegeben: "Es geht heute nur noch mit der Klinsmann-Philosophie."
Leistungsbereitschaft und Willenskraft
Aber was ist von den Reformen des ehemaligen Bundestrainers wirklich geblieben? Was wird weitergetragen hinein in die Vereine und dort angenommen? Wo halten sich die alten Vorbehalte? Joachim Löw, Klinsmanns Nachfolger als Bundestrainer, hat dazu eine Meinung. Man spüre in Gesprächen, dass die Arbeit in der Nationalelf positiv ankomme. "Einige Trainer, Assistenztrainer und Konditionstrainer haben nach der WM bei uns angefragt und sich informiert über die Vorbereitung", sagt er. Es scheint, als löste sich langsam auf, was unlängst noch mit dem Begriff der fußballerischen Parallelwelt gekennzeichnet war. Also eine Bundesliga, die das Zukunftsprojekt Nationalmannschaft nicht zum Vorbild nehmen wollte. Ein ignorantes Nebenher der Fußballblöcke, wie es eine Zeitlang unter Klinsmann die Kräfte bis fast zum Kollaps strapazierte.
Der eigenwillige Reformer setzte auf jugendliche Frische und Offensivgeist, krempelte den Betreuerstab der Nationalmannschaft um, engagierte Spezialisten wie Konditionstrainer und Sportpsychologen, führte Leistungstests ein, förderte die Eigenverantwortung der Spieler, ließ diese diskutieren mit Gästen wie einem Extremkletterer und einem bekannten Unternehmensberater über Leistungsbereitschaft und Willenskraft.
Können nicht so tun, als ob nichts passiert wäre
Ein Leistungspaket, welches das deutsche Fußball-Establishment herausforderte, weil es so ungewöhnlich war und von Klinsmann so selbstbewusst vertreten wurde. Provokant seine Art, legendär sein Tonfall. Man müsse "den ganzen Laden auseinandernehmen", dies richtete er an die Adresse des DFB. Klinsmanns Basisarbeit, seine Ideen und Analysen, die nun von Löws Mitstreitern auf ruhigeren Sohlen fortentwickelt werden, haben ihre Abnehmer dort gefunden, wo sie einst belächelt und bekämpft wurden. Dem nach Kalifornien zurückgekehrten Bundestrainer müssten jüngste Äußerungen aus der Bundesliga in den Ohren klingeln.
Klinsmanns Vorgänger Rudi Völler, sonst eher bekannt als Schönredner und keinesfalls als Kritiker der bestehenden Verhältnisse im Ligaalltag, sagte vor Weihnachten: "Ich glaube, dass die Entwicklung nicht in die richtige Richtung geht. Wir müssen darauf achten, dass die Qualität wieder besser wird, dass wir mehr auf taktische Dinge achten." Also mehr arbeiten, mehr Leistung, höhere Ansprüche - findet der Sportdirektor von Bayer Leverkusen. Dass die Bundesliga im Gegensatz zur explosionsartig verbesserten Nationalelf immer mehr durchhängt, mag die Ligabosse hektischer über Veränderungen nachdenken lassen. "Wir können nicht so tun, als ob nichts passiert wäre. Wir müssen untersuchen, woran es liegt, dass wir international kontinuierlich an Boden verlieren", sagt Ligapräsident Werner Hackmann. "Am fehlenden Geld kann es nicht liegen, wenn man sieht, gegen welche Vereine wir ausscheiden."
Populistische Schwachsinnsaussagen
Zur Aufarbeitung der schwachen Europapokalbilanz kündigt Hackmann deshalb an, eine Expertengruppe zu bilden. Wie sich die Zeiten doch ändern: Ihr angehören soll der frühere Hockey-Bundestrainer Bernhard Peters, der im vergangenen Jahr, als sich herausstellte, dass Klinsmann ihn als Sportdirektor des DFB vorgesehen hatte, von einem Teil der Branche und dessen Boulevard-Sprachrohr als Nobody verhöhnt wurde. Nun die Kehrtwendung und das Eingeständnis der Liga und deren Klubs, etwas an ihrer Philosophie ändern zu müssen. Hackmann gibt unumwunden zu, dass der Fußball sich mehr den anderen Disziplinen öffnen müsse. "Da gibt es Dinge, die wir gut übernehmen können." Und der Ligachef glaubt, "dass die Bundesliga durch Klinsmann zum Nachdenken angeregt worden ist".
Erste Eingeständnisse, der deutsche Vereinsfußball sei nach dem Muster der Nationalmannschaft reformbedürftig, hatte es schon kurz nach der WM gegeben, als auch die Verantwortlichen des Rekordmeisters FC Bayern München dem Projekt Lob zollten und den Druck auf den eigenen Trainer erhöhten. "Ich appelliere an das Team, dass wir unseren Stil verändern müssen", sagte damals nach dem Sommermärchen der Vorstandsvorsitzende der Münchner, Karl-Heinz Rummenigge. Wie heikel das Verhältnis zwischen Liga und Nationalmannschaft selbst gegen Ende der WM aber noch war, zeigte sich nach dem deutlichen Achtelfinalsieg gegen Schweden. Als Nationalmannschaftsmanager Oliver Bierhoff nochmals die Qualität des Vereinsfußballs monierte und Veränderungen von der Liga einforderte, löste dies empörte Reaktionen aus. Peter Neururer, damals noch Trainer bei Hannover 96 und heute arbeitsuchend, sprach von "populistischen Schwachsinnsaussagen". Bayern-Trainer Felix Magath meinte distanziert, jeder könne seine Arbeit verkaufen, wie er wolle - und auch bei Matthias Sammer, schon als DFB-Sportdirektor berufen, war das alte Denkschema der Bundesliga gut zu erkennen: Die Nationalmannschaft profitiere doch erst von der Vereinsarbeit, sagte er.
Löw: Müssen die Anforderungen erhöhen
Ins Jahr 2007 geht der deutsche Fußball mit einer von Grund auf anderen Gemengelage. Die Nationalmannschaft verkörpert das Erfolgsprojekt und setzt die Trends. Eine Mannschaft wie Bremen, die ebenso steht für attraktiven und erfolgreichen Fußball, nimmt in der öffentlichen Wahrnehmung eine ähnlich vorbildhafte Rolle ein. Woanders ist zu sehen, dass die Reformbereitschaft wächst, dass jahrelange Standards überdacht werden und Ressentiments abgebaut werden. Dass die derzeit erfolglosen Bundesligatrainer Thomas Doll (Hamburg) und Jürgen Klopp (Mainz) nicht von der Häme des alteingesessenen Establishments getroffen werden, zeigt, dass sich an der allgemeinen Einschätzung etwas geändert haben muss; beide jungen Fußballlehrer stehen seit einigen Jahren mit selbstbewusster Attitüde für den mutig-forschen Offensivstil, wie ihn die Nationalmannschaft praktiziert. Vor vielen Jahren noch war ein Jungtrainer namens Ralf Rangnick von der Branche verbal zerrissen worden, nachdem er in einem Fernsehinterview seine andersartige Sicht auf Technik und Taktik im Fußball propagiert hatte. Lange schlug er sich mit dem Anhängsel "Professor" herum, was ihm heute wohl nicht mehr viel ausmachen wird. Rangnick sitzt als Trainer beim Regionalligaklub TV Hoffenheim, wo der Software-Milliardär Dietmar Hopp ein beispielloses Aufstiegsprogramm nach modernsten Maßstäben finanziert. Mit von der Partie sind - Hockey-Mann Bernhard Peters und der Sportpsychologe der Nationalmannschaft, Hans-Dieter Hermann. Hier schließt sich ein Kreis.
Bundestrainer Löw nimmt die vielen Entwicklungsschritte wohl mit Genugtuung zur Kenntnis, ohne jedoch eine Grundskepsis gegenüber dem Veränderungswillen der konservativen Kräfte aufzugeben. Oder weshalb werden weiterhin Fitnesstests vorgenommen bei der Nationalmannschaft? Hier und da deutet er vorsichtig Handlungsbedarf an. Wie bei der Ausbildung der Fußballlehrer, ohne zu kritisieren, dass der Leistungsgedanke bei einer Durchfallquote von null eigentlich in Frage steht. "Klar ist aber, dass wir die Anforderungen erhöhen müssen", so Löw.
Die Zeit scheint reif zu sein für die nächsten Reformschritte, während der DFB dieser Tage erkennen kann, was eine offensive Auseinandersetzung mit der Zukunft auch ganz unten am Ende der Organisation bewirken kann. Die Fußballvereine in Deutschland haben bei den Anmeldungen unter Jugendlichen einen Zuwachs von dreißig Prozent zu verzeichnen. Das ist Verpflichtung genug, nicht zur alten Selbstgefälligkeit zurückzukehren.
Text: F.A.Z., 02.01.2007, Nr. 1 / Seite 34
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