19. Dezember 2003 Fußballtrainer Bernd Stange im F.A.Z.-Sportgespräch über die Versäumnisse der Amerikaner und seine einzige Motivation, Nationaltrainer im Irak zu bleiben.
Vor einem Jahr galten Sie nicht nur in Deutschland noch als Helfer von Saddam Hussein, jetzt sind Sie vom Internationalen Fußball-Verband für Ihr Engagement als irakischer Nationaltrainer ausgezeichnet worden. Sind Sie erstaunt wie schnell die Welt ihre Meinung ändert?
Ich nehme die Veränderungen um mich herum wahr. Aber ich persönlich habe mich nicht verändert. Ich habe vor dem Krieg das gleiche getan wie jetzt - mit den gleichen Leuten, mit den gleichen Übungen, mit dem gleichen Programm. Nämlich mit dem Ziel, junge Leute auszubilden und zu erziehen, um sie zu Höchstleistungen zu bringen und ihnen die Einhaltung von Regeln zu vermitteln. Das war immer mein Job - und den habe ich auch konsequent durchgezogen. Ich habe auch nicht zurückgekeilt gegen Leute, die meinen Sport mit der Politik in Zusammenhang gebracht haben und mich als des Teufels Coach bezeichnet haben. Ich habe das hingenommen, weil ich gewußt habe, daß ich Fußballtrainer bin. Und nichts anderes. Aber die Auszeichnung hat mir moralisch geholfen, weil es eine kleine, gute Antwort auf die harsche Kritik ist, die auf mich niedergeprasselt ist.
Wie konnten Sie glauben, unter Saddam Hussein als unpolitischer Nationaltrainer angesehen zu werden?
Selbstverständlich wurde meine Tätigkeit politisch bewertet. Aber ich gebe zu bedenken, daß Fußball nicht nur in Westminster-Demokratien gespielt wird wie in England, Deutschland, Italien und Spanien. Sondern eben auch in Ländern wie Kuba, Nordkorea, dem Irak und afrikanischen Ländern, wo Amnesty International auch nicht unbedingt glücklich ist. Das ist eben die Stärke, die ich aus meiner Tätigkeit gezogen habe mit der Rückendeckung der FIFA. Aus diesem Grund konnte ich das relativ stabil und konsequent durchziehen, unbeeindruckt von den Attacken, die unter der Gürtellinie und zum Teil sehr unbegründet waren.
Welche Vorwürfe haben Sie als besonders unfair empfunden?
Daß ich Saddams Trainer bin und er mich zum Aids-Test geschickt hat. Der Vorwurf gegen mich lautete: Einmal schlecht, immer schlecht - der war schon in der DDR belastet, ein Mann von Honecker und der Stasi. Zu Beginn meiner Tätigkeit im Irak hat man alles in Verbindung mit Saddam Hussein gebracht. Es entstand der Eindruck, daß ich in seinem Vorzimmer sitze. Das war aber überhaupt nicht der Fall. Ich habe einen Vertrag abgeschlossen mit einem Mitgliedsland der FIFA. Die FIFA hatte zwei Monate eine Kommission im Irak, um die Gerüchte über Folterungen und Strafen für Spieler zu überprüfen. Die Kommission hat, kurz bevor ich den Vertrag unterschrieben habe, nichts in dieser Richtung gefunden. Ich habe vor dem Vertragsabschluß auch Kontakt mit der deutschen Botschaft in Bagdad aufgenommen. Ich habe mich vergewissert, daß ich nicht Dinge tue, die man als Deutscher nicht tun sollte. Mir ist beschieden worden, daß ich das als Privatperson machen kann, und dann habe ich den Vertrag unterschrieben und meine Arbeit aufgenommen.
Welche Kontakte hatten Sie denn zu Saddam Husseins Regime, wenn Sie nicht im Vorzimmer gesessen haben?
Jetzt muß ich sagen: Glücklicherweise hatte ich überhaupt keinen Kontakt zu Saddam und auch nicht zu seinen Söhnen. Ich habe sie nicht mal aus der Ferne gesehen. Alles, was ich jetzt über sie weiß, habe ich aus den Medien erfahren. Beispielsweise auch die Aussagen von Spielern, die gefoltert und bestraft worden sind, oder daß derjenige, der einen Elfmeter verschoß, Schläge auf die Fußsohlen bekam oder in das Gefängnis gesteckt wurde (siehe F.A.Z. vom 28. Februar 2003). In dieser Richtung konnte ich aber während meiner Tätigkeit nichts feststellen. Das stand im Widerspruch zu der Tatsache, daß sich, wenn ich gefragt habe, wer einen Elfmeter schießen will, immer sechs Mann gemeldet haben. Daraus habe ich gefolgert, daß diese Dinge länger zurücklagen. Erst nach dem Sturz von Saddam, während unseres Deutschland-Aufenthalts, habe ich manches Detail von unseren Spielern gehört. Aber bis heute gibt es eine Scheu aller Spieler, über diese Dinge zu reden. Das hängt sicher auch damit zusammen, daß diese bösen Geister noch immer ihr Unwesen im Irak treiben.
Erwarten Sie, daß nach der Festnahme von Saddam Hussein offener über die Vergangenheit gesprochen wird?
Ich glaube nicht. Die Festnahme Saddam Husseins wird propagandistisch ausgeschlachtet, und das ganz zu Recht. Das Festsetzen von Diktatoren hat immer auch einen psychologischen Aspekt. Aber der Haß und die Aversion gegen die Amerikaner sitzen so tief im irakischen Volk, daß ich nicht glaube, daß es durch Saddam Husseins Festnahme prinzipielle Änderungen geben wird. Änderungen wird es erst an dem Tag geben - und zwar schlagartig -, wenn die Amerikaner die Macht an die Iraker übertragen. Eher wird sich nichts tun. Ich hege aber den Verdacht, weil ich auf seiten der Iraker lebe und arbeite, daß auch in zehn Jahren noch eine McDonald's-Bude mit Bomben unterlegt wird.
Was macht Sie da so sicher?
Das Leben mit den Irakern und deren tiefsitzender Haß gegen die Amerikaner, der sicher auch über Jahrzehnte in das Volk hineingepreßt worden ist. Das zeigt sich an den immer wiederkehrenden Äußerungen der Verantwortlichen, der Sportler, ihrer Familienangehörigen. Das zeigt sich immer wieder im täglichen Leben. Es ist für mich als Deutschen schwierig, das nachzuvollziehen, weil man im Unterbewußtsein spürt, daß etwas Gutes gewollt ist für den Irak. Unmittelbar nach dem Krieg, als ich wieder in den Irak zurückgekehrt bin, gab es eine spürbare Verbesserung, vor allem im Leben auf der Straße. Aber ich spüre in den letzten zwei Monaten in erschreckender Art und Weise Zunahme von Gewalt und mangelnder Sicherheit. Im August und September konnte ich mich relativ frei bewegen auf den Straßen Bagdads. Ich hatte keine Angst. Aber seit die Hilfsorganisationen, die UN und das Rote Kreuz, sowie die irakischen Polizeistationen immer mehr Zielscheibe wurden, hat auch mich die blanke Angst gepackt. Als alle - aber auch wirklich alle - den Irak verlassen haben, habe ich mich in den letzten Wochen und Monaten relativ einsam gefühlt.
Wie schützen Sie sich im Irak?
Ich kann mich nicht schützen. Ich habe einen Bodyguard, das ist ein ausgebildeter Karatekämpfer, ein knallharter Junge. Aber er ist vor vier Wochen, als er mich abgesetzt hatte, angeschossen worden. Er hat zwei Steckschüsse im Oberschenkel und einen Kopfschuß und einen Durchschuß durch die Hand. Iraker hatten ihn gestoppt und überfallen. Sie wollten offensichtlich sein Auto. Er ist durchgedreht und geflüchtet. Da haben ihn die Schüsse erwischt. Die Einschläge sind auch für mich relativ nah. Ich habe auch die Einschläge in der sogenannten "green zone" von meinem Hotel miterlebt. Ich habe auch einen Angriff auf eine Polizeistation in Faludschja unmittelbar miterlebt. Ich war 200 Meter entfernt. Diese kriegsähnliche Gewalt mitzuerleben war erschütternd. Ich bin schon unmittelbar betroffen. Ich kann mich nicht schützen. Ich mache mir Gedanken um meine Sicherheit, und zwar zunehmend.
Wie lange wollen Sie sich der Gefahr noch aussetzen?
Es schlagen zwei Seelen in meiner Brust. Die erste Seele sagt, diesen einmal eingeschlagenen und unglaublich erfolgreichen Weg mit den Irakern weiterzugehen. Wir haben uns in der Weltrangliste von Platz 70 auf 44 verbessert. Das ist die beste Plazierung des Iraks in den vergangenen fünfzehn Jahren. Das haben wir nach dem Krieg erreicht, und nur mit Auswärtsspielen, denn im Irak ist an Fußball nicht zu denken, nicht mal an Freundschaftsspiele. Trotzdem ist es mein großes Ziel, beim Asien-Cup im Sommer 2004 erfolgreich abzuschneiden und bei der Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland dabeizusein. Das ist meine einzige Motivation, im Irak zu bleiben. Die zweite Seele wägt dazu die eigene Sicherheit und die Sorgen meiner Familie ab. Ich bin ein "soft target". Ich fühle mich auch nicht sicherer, weil ich mich so in die Herzen der Iraker gespielt habe mit den Ergebnissen der Nationalmannschaft und dem Wiederaufbau des irakischen Fußballs. Das macht mich nicht sicherer, im Gegenteil, es macht mich noch gefährdeter. Die zunehmende Popularität lockt auch Leute an, die nichts Gutes im Schilde führen. Die Verherrlichung meiner Person äußert sich mittlerweile darin, daß ich keinen Schritt gehen kann, ohne daß mich Menschenscharen umringen, daß die Leute mich küssen wollen. Das macht mir Sorgen. Es hilft mir auch nicht, wenn die Leute sagen, daß all diejenigen ermordet werden, die mir etwas antun wollen. Das Rachegefühl ist im Islam so tief verankert, und das alles ist höchst beunruhigend für mich.
Wenn Sie gewußt hätten, daß im Irak Krieg ausbricht, hätten Sie den Vertrag erst gar nicht unterschrieben?
Absolut korrekt. Ich hatte bis einen Monat vor dem Krieg nicht geglaubt, daß ein Land Krieg führen kann ohne die Einwilligung von Frankreich, Deutschland, Rußland und China. Als politisch denkender Mensch habe ich das nicht für möglich gehalten. das war mein fundamentaler Irrtum. Es war ja nicht so, daß ich keine anderen Möglichkeiten gehabt hätte - aber es war meine einzige Möglichkeit zum Ende meiner dreißigjährigen Karriere noch einmal zu einer WM zu kommen.
Was muß geschehen, damit Sie sich entscheiden, den Irak zu verlassen?
Ich sage es ganz eindeutig und klar: Ich möchte meine Arbeit als Nationaltrainer fortsetzen und den Irak zur WM 2006 bringen. Ich verlasse mich auf meine irakischen Leute, die sagen, ich sei nicht in Gefahr. Ich habe zum Beispiel im Hotel Sheraton gewohnt. Ich bin von den Irakern mehrfach aufgefordert worden, mein Hotel zu verlassen. Dem Ratschlag bin ich nicht gefolgt, weil die Amerikaner mir gesagt haben, daß ich nirgendwo in Bagdad so sicher bin wie in diesem Hotel, das von Betonmauern umgeben, mit dreifachem Stacheldraht gesichert ist und wo Kontrollen wie am Flughafen vorgenommen werden. Die Iraker aber haben mich energisch aufgefordert, das Hotel zu verlassen. Ich habe es nicht getan. Aber als ich in Australien im Trainingslager war, habe ich erfahren, daß zwei Missiles in dem Hotel eingeschlagen sind. Da habe ich mir schon Gedanken gemacht. Ich bin jetzt ausgezogen an einen unbekannten Ort. Wenn andere einen besseren Überblick haben als diejenigen, die mich vor dem Krieg aus dem Irak zurückgeholt haben, dann würde ich dem auch folgen.
Wie bewältigen Sie unter diesen Bedingungen den Alltag im Irak?
Man weiß nie, wann etwas passiert. Man weiß nie, wo etwas passiert. Alles geschieht für mich völlig unerwartet, und man sieht in jedem alten Auto, wo nur einer drinsitzt, einen potentiellen Selbstmordattentäter. Ich habe Angst, auf die Straße zu gehen. Ich habe auch Angst, mit dem Auto an den endlosen Warteschlangen an den Tankstellen vorbeizufahren, wo sich die Aggressionen nur so stauen. Dort gibt es ständig Auseinandersetzungen und Gewalt. Ich scheue mich, in Vororte zu gehen, die ohnehin von Milizen oder Räuberbanden beherrscht werden. Das wird nur gestoppt, wenn sich die Amerikaner dort mit schwerem Gerät durchbewegen. Ansonsten sind die Stadtviertel nach wie vor in den Händen von Kriminellen und Paramilizen.
Wie drücken die fußballbegeisterten Iraker in dieser schwierigen Zeit Ihre Freude über Fußball noch aus?
Der Sieg des Iraks in Teheran gegen den Erzfeind Iran oder die geglückte Qualifikation für den Asien-Cup mit 5:1-Kantersiegen über Bahrein und Malaysia haben in Bagdad zu Freudenschießereien geführt. Ganz Bagdad war ein Feuerwerk. Dieses Feuerwerk hat die amerikanische Armee in Alarmbereitschaft versetzt. Die haben nicht gewußt, daß die Iraker auf diese Weise ihrer Freude über großartige Fußballsiege oder bei Hochzeiten Ausdruck verleihen. Die gehen eben auf die Straße und schießen, daß alles wackelt.
Als Sie mit Ihrer Arbeit im Irak begonnen haben, hieß es, der Fußball und Sie stellten sich in den Dienst Saddam Husseins. Jetzt gilt der Fußball als eine Instrument, um dem Land Zuversicht zu vermitteln. Wie werden Sie dabei von den Amerikanern unterstützt?
Ich muß zunächst sagen, daß ich ganz massiv mit dem Wiederaufbau des irakischen Fußballs beschäftigt bin. Der Fußball im Irak ist tot. Es gibt keine Meisterschaft, keine Freundschaftsspiele, die Plätze sind zerstört, Tornetze sind weg. Es gibt ein paar Ziegenwiesen, auf denen wir üben wollen. Es gibt erste Versuche, Freundschaftsspiele durchzuführen, die wir abblasen mußten, weil wir die ausufernde Gewalt auf den Rängen nicht beherrschen können. Man muß dort um sein Leben fürchten. Ich bin also nicht nur Fußballehrer, sondern ich baue hier den irakischen Fußball völlig neu auf - die Klubs, die Auswahlmannschaften des Verbandes, die Strukturen, alles. Die Vereine sind angehalten worden, wieder ihre Arbeit aufzunehmen. Das haben sie auch getan. Aber es mangelt ihnen an allem, an Fußballschuhen, an Bällen. Es sieht nicht gut aus. Es ist ein Zeitpunkt erreicht, wo ich mich sehr ausgepowert fühle. Die Hoffnung der Vereine und der Spieler, die sie mit mir verbinden, kann ich nicht erfüllen. Jeder sieht in mir den Hoffnungsschimmer. Jeder glaubt, daß ich weitere Ausrüstung für die Nationalmannschaften in Deutschland organisieren kann, daß ich Bälle für die Jugend bringe, und jeder fragt mich, ob ich nicht helfen kann, daß er sein Fahrgeld bekommt. Aber für meine Arbeit benötige ich Unterstützung. Und ich spüre sechs Monate nach dem Krieg, daß ich keine Unterstützung bekommen habe. Die Unterstützung der Amerikaner als Herrscher im Irak war gleich null. Es gipfelte darin, daß es nicht mal einen Anruf oder einen Glückwunsch gab für die sensationellen Ergebnisse und das Erreichen des Asien-Cups. Das hat mich verbittert. Ich habe alles nur durch persönliche Freundschaften bewältigen können. Dazu zählt ein dreiwöchiges Trainingslager in Deutschland mit Übernahme aller Kosten. Dazu gehört eine Ausrüstung meiner Nationalmannschaft, damit wir überhaupt spielen können, die wir in Deutschland durch Jako erhalten haben. Diese kleine Familienfirma war als einzige dazu bereit, die Großen haben abgewinkt. Auch über persönliche Beziehungen nach Australien, wo ich drei Jahre Trainer war, habe ich meine Mannschaft am Leben gehalten: Trainingslager organisiert, mich um Kleidung gekümmert, die Visa organisiert, das Taschengeld organisiert - das alles lastete auf meinen Schultern. Ich bin auch mal in der englischen Botschaft gewesen, und habe um Unterstützung gebeten. Es ist nichts geschehen. Ich mußte alles allein machen.
Ist Ihr Trainerjob zur Berufung geworden?
Emotional ist das eine sehr bewegende Geschichte. Das ist ein ganz anderer Job als Profitrainer. Ich fühle mich manchmal wie ein Politiker, Repräsentant und Medienberater. Und als Fußballtrainer habe ich zuvor auch noch nie stundenlang in Botschaften rumgesessen und Visa für meine Spieler durchgepeitscht, zum Teil mit Reisepässen, wo man beide Augen zudrücken mußte. Oder die Nächte auf Flughäfen, wo wir in den Qualifikationsspielen bei unseren Reisen auf dem Gang geschlafen haben, weil wir kein Geld für das Hotel hatten - trotzdem wurden wir Erster. Wir sind eine verschworene Gemeinschaft, die mich an das Wunder von Bern erinnert. Aber ich weiß nicht, wie lange man das durchhalten kann. Vor einem Monat habe ich dann in einer Medienkonferenz die Wahrheit gesagt und betont, wie ich mir das alles vorstelle. Jetzt gab es von seiten der Amerikaner Bemühungen, mit mir zusammenzukommen und offene Fragen zu debattieren. Das hat mittlerweile stattgefunden, mit einem ersten, aber unzureichenden Ergebnis. Es sind so viele Probleme: Jetzt beginnt die WM-Qualifikation, die Vorbereitung auf die Asien-Spiele. Es ist noch kein Pfennig Geld da für die Flugtickets, die Hotels, die Vorbereitung. Ich bin jetzt auf dem Weg, um mit den Amerikanern über Budgets zu sprechen. Ich wollte jedem Klub 100000 Dollar geben, um wieder anfangen zu können. Bei 25 Profivereinen sind das 2,5 Millionen, 600000 wurden uns bewilligt.
Wie erklären Sie sich die lange Mißachtung durch die Amerikaner?
Ich muß unterstellen, daß sie unter dem Druck der Belastungen die sogenannte unwichtige Sache Fußball erst einmal zurückgestellt haben. Dieser Druck und die Tatsache, daß sie sich selbst schützen müssen, daß sie wichtigere, existentielle Aufgaben zu bewältigen haben, hat sie die Rolle des Fußballs nicht erkennen lassen. Ich will meinen Fußball nicht an eine Stelle befördern, wo er nicht hingehört. Aber er ist ein sehr wichtiger Teil des irakischen Lebens. Früher waren die Punktspiele mit 55000 Zuschauern ausverkauft. Man nimmt den Irakern seit einem Jahr den Fußball weg. Wenn man den Amerikanern ein Jahr Football und Basketball wegnehmen würde, fehlte ihnen auch etwas. Wenn die Amerikaner die Bedeutung des Fußballs erkannt hätten, hätten sie uns längst einen Rasenplatz für das Training gegeben. Sie hätten den Rasen, den sie nach der Frauen-Weltmeisterschaft serienweise verschenkt und weggeworfen haben, weil ihn niemand mehr wollte, nach Bagdad transportiert. Es muß doch einfach möglich sein, wenn man tonnenschwere Panzer nach Bagdad bringt, auch ein paar Rollen Rasen mitzunehmen. Das wäre mit ein klein wenig Engagement und Herz möglich gewesen. Ich kann den Amerikanern nur raten, daß sie auf solche Dinge achten müssen, wenn sie die Herzen der Menschen im Irak erreichen wollen. Sie könnten damit viel mehr gewinnen als mit der Militärmaschinerie.
Das Gespräch führte Michael Horeni.
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung
Bildmaterial: AP