Von Christian Eichler
23. April 2008 Ein paar Ballumdrehungen führen manchmal zu unglaublichen Metamorphosen. Aus einem betonumbauten Rasenrechteck machen sie einen Ort von biblischer Bedeutung. Manchester United erreicht das gelobte Land!, rief der Reporter des englischen Fernsehens am späten Abend des 26. Mai 1999.
Das war Sekunden nachdem Ole-Gunnar Solskjaer in der Nachspielzeit des Champions-League-Finales gegen Bayern München die verrückteste Wende der Europacup-Geschichte geschafft hatte. Die Deutschen hatten nach 90 Minuten geführt, nach 93 Minuten aber stand es 2:1 für die Engländer. Angesichts der Unerklärlichkeit des Augenblicks fand Trainer Alex Ferguson in seinem ruppigen Glasgower Arbeiterenglisch einen so unübersetzbaren wie ewig gültigen Kommentar: Football, bloody hell.
Lächerlich, dass ManU nur zwei Mal die Königklasse gewann
An diesem Mittwoch, neun Jahre danach, kehrt Manchester United zum ersten Mal ins gelobte Land von 1999 zurück, ins Stadion Camp Nou, zum Halbfinalhinspiel beim FC Barcelona (20.45 Uhr / Live bei Premiere, Sat.1 und im FAZ.NET-Liveticker). Auch Ferguson, nach dem Sieg zu Sir Alex geadelt, ist noch da, obwohl er damals von der Erfüllung seiner Karriere sprach, vom Gipfel des Strebens. Er hatte mit 57 Jahren alles erreicht und wollte mit 60 aufhören, Zeit mit der Familie verbringen, die Welt sehen.
Heute, mit 66, nach 22 Jahren United, ist er immer noch da. Und will immer noch mehr. Fast schon gewohnheitsmäßig hat der Klub am Montag Zeitungsberichte dementiert, wonach der Chef beschlossen habe, 2009 aufzuhören. Ferguson behauptet, es sei kein persönlicher Ehrgeiz mehr. Es gehe ihm darum, die Bilanz zu korrigieren. Er nennt es lächerlich, dass Manchester nur zweimal Europas wichtigste Trophäe gewonnen hat, 1968 und 1999.
Ferguson will Liverpool endgültig vom Sockel holen
Wie Nottingham Forest, so singen Liverpool-Fans United-Anhängern schmähend entgegen, ihr habt zweimal gewonnen. Liverpool gewann fünfmal den Europacup. Diese Differenz wird Ferguson nicht mehr ganz aufholen. Aber in der englischen Liga glaubt er daran, Rekordmeister Liverpool abzulösen, den er, wie er einmal sagte, schon längst vom Sockel geholt hat. United hat den 17. Meistertitel (den zehnten unter Ferguson) vor Augen. Liverpool steht seit 1990 bei 18 Titeln. 1999 hat Ferguson erlebt, dass es am Ende einer harten Saison oft nicht die ersten elf eines Teams sind, die über den Gewinn von Meisterschaft und Champions League entscheiden, sondern die dahinter.
Im Finale war sein überragendes Zentralduo Keane und Scholes gesperrt, und der torgefährlichste Sturm der Saison, Yorke und Cole, blieb gegen Bayern wirkungslos. So waren es mehrere Ersatzspieler, die die Partie offen hielten, und die Einwechselspieler Sheringham und Solskjaer, die sie in der Nachspielzeit gewannen. Doch jahrelang erreichte Manchester trotz hoher Ausgaben nie mehr ganz die kompakte Stärke des 99erKaders.
Über hundert Millionen Euro vier neue, frische Spieler
Nachdem im letztjährigen Halbfinale gegen AC Mailand einigen Stars die Frische gefehlt und der Kader keine passenden Alternativen geboten hatte, legte Ferguson nach und kaufte für über hundert Millionen Euro vier Spieler. Alle vier sind nun frisch, formstark und bieten in der entscheidenden Saisonphase glänzende Spielmöglichkeiten: Carlos Tevez, der neben Cristiano Ronaldo und Wayne Rooney Torgefahr schafft, die vielseitigen Mittelfeldarbeiter Anderson und Owen Hargreaves und der unberechenbare Dribbler Nani, wie überhaupt Ferguson fürs Kreative mehr und mehr die portugiesische Karte ausspielt.
Hier profitiert er von seiner Entscheidung, einen starken Assistenten neben sich zu dulden, Carlos Queiroz - einen ehemaligen Cheftrainer von Real Madrid, der den sturen Chef auch bei allen Interviews mit der BBC vertritt, mit der Ferguson seit Jahren nicht mehr redet.
Fünfzehnmal allein vor dem Torwart gestanden
Der portugiesische Assistent gilt als Türöffner für den portugiesischen (und auch den brasilianischen) Talentemarkt, wobei Sporting Lissabon eine Art Farm-Team für United zu werden scheint. Schon Cristiano Ronaldo und Nani kamen von Sporting, und die Daily Mail meldet, dass Ferguson dort für über dreißig Millionen Pfund nun die Mittelfeld-Jungstars Miguel Veloso und João Moutinho kaufen wolle.
Gegenwart glänzend, Zukunft verlockend, doch da gibt es trotz allem Dinge aus grauer Vergangenheit, die wohl auch dazu beitragen, dass Ferguson immer weitermacht. Vor allem dieses Halbfinaltrauma - es ist das fünfte Mal, dass er mit United im Halbfinale steht, nur einmal, 1999, überstanden sie es. Darunter sind zwei Niederlagen, die wie kaum eine andere an Ferguson nagen, wie er zugibt: 1997 gegen Borussia Dortmund, als seine Spieler nach Addition des Trainers fünfzehnmal allein vor dem Torwart standen - und doch zweimal 0:1 verloren. Und 2002 gegen Bayer Leverkusen, das unterlegen schien, aber seine Chancen nutzte. Daran, dass Sir Alex nicht aufhören kann, sind auch die Deutschen schuld.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP, AP, dpa, picture-alliance / dpa, REUTERS
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