Champions League

Ein Deutscher in Englands kleinem EM-Finale

Von Christian Eichler, London

01. Mai 2008 Über die Lautsprecher im Old Trafford kam „From Russia with Love“. An der Stamford Bridge erklang „Kalinka“. Zum ersten Mal machen zwei Klubs von der Insel, Manchester United und der FC Chelsea, die größte Trophäe des Fußball-Kontinents unter sich aus: das Finale der Champions League als innerbetriebliche Angelegenheit der Premier League, am 21. Mai in Moskau. United-Trainer Alex Ferguson vermutete, dass „Abramowitsch dann alle Tickets kaufen wird“. Das war zwar im Scherz gesagt. Doch einem Mann, der in fünf Jahren rund 800 Millionen Euro in seinen Hobby-Klub gesteckt und nun endlich sein Finale bekommen hat, wäre sogar das zuzutrauen.

Nach dem 1:0-Sieg von Fergusons Team gegen den FC Barcelona (Siehe: Manchester schlägt Barcelona mit 1:0 - das Finale wird englisch) stand schon vor Chelseas packendem 3:2-Erfolg nach Verlängerung gegen Liverpool fest: Englands Fußball feiert in Moskau seine ganz eigene Europameisterschaft - 17 Tage vor der richtigen EM, bei der man zu Hause bleiben muss (Siehe auch: Champions League: Meisterstück von Markt-Designern).

„Eine Superwoche“ für Michael Ballack

Das Rätsel der Diskrepanz zwischen der Stärke der Klubteams und der Schwäche der Nationalelf bleibt. Denn die billigste Erklärung - die angebliche Dominanz ausländischer Stars - wird vom Personal der Finalisten widerlegt. Nicht die spanisch geprägte Liverpool-Elf, nicht die nahezu engländerfreie Kunstkicker-Truppe von Arsenal hat sich unter den „Big Four“ von Premier und Champions League durchgesetzt; sondern die einheimisch mitgeprägten Teams von United und Chelsea. So wird man aus den Aufstellungen des europäischen Finales wohl fast eine englische Nationalelf zusammenstellen können (nur keine Torhüter): mit Terry, Lampard, den beiden Coles, Ferdinand, Brown, Carrick, Hargreaves, Rooney.

Hinzuzählen muss man auch Paul Scholes, der zwar seinen Rücktritt aus dem Nationalteam erklärt hat, den Trainer Fabio Capello aber zur Rückkehr bewegen will. Der schweigsame Mittelfeldmann, seit 15 Jahren als United-Profi ein Muster an Passgenauigkeit und Schusspräzision, schlug Barcelona mit einem wunderbaren Winkeltreffer aus zwanzig Metern (14. Minute). Weil sein Team mit einer defensiv verankerten Taktik gegen das (abgesehen von einigen Messi-Soli) wirkungslose Barça-Ballkarrussell richtig lag, holte sich Scholes mit neun Jahren Verspätung sein persönliches Finale. Denn den legendären Erfolg 1999 gegen Bayern München hatte er wegen Sperre nicht im roten Trikot, sondern im grauen Anzug erlebt.

Michael Ballack kennt dieses Gefühl, seit er das WM-Finale 2002 wegen einer Gelben Karte verpasste. Kurz zuvor war er mit Bayer Leverkusen im Champions-League-Endspiel an Real Madrid gescheitert. Nun hat er die Chance, endlich sein erstes großes Finale zu gewinnen. „Es war eine Superwoche“, fand Ballack, der als letzter strahlend aus der Chelsea-Kabine kam. „Beide Tore gegen Manchester geschossen“, im Premier-League-Duell am Samstag, „und nun den entscheidenden Elfmeter herausgeholt.“ In der 98. Minute hatte Ballack ein Ungeschick des Verteidigers Sami Hyypiä dazu genutzt, ein Foul knapp innerhalb des Strafraums zu erzwingen. Das führte zum Sieg - und dazu, dass Ballack mindestens die ersten vier Tage der deutschen EM-Vorbereitung auf Mallorca verpassen wird. „Ich verzichte gern“, sagte er gutgelaunt.

Drogba: Mit Wut im Bauch und Triumph in den Augen

Die emotionalen Gesten lieferten andere. Didier Drogba etwa, dem Liverpool-Trainer Rafael Benitez vorgeworfen hatte, er „gehe zu leicht zu Boden“ - er tat das dann tatsächlich freiwillig, mit Wut im Bauch und Triumph in den Augen, als er nach seinem Treffer zum 1:0 (33.) in aggressiver Jubelpose breitbeinig Richtung Benitez rutschte. Oder Frank Lampard, der sich entschlossen hatte, trotz der Trauer über den Tod seiner Mutter zu spielen - und eine große Partie zeigte.

Als Liverpool, zunächst deutlich unterlegen, durch Fernando Torres (65.) ausgeglichen und die Verlängerung erzwungen hatte - das 2:3 durch Babel (117.) veränderte nichts mehr -, schien das Duell zu kippen. Doch Chelseas Führungsfiguren stemmten sich dagegen, allen voran Lampard und Drogba mit ihren Treffern zum 2:1 und 3:1 (105.). Beim Elfmeterpfiff griff sich Lampard mit düsterer Entschlossenheit den Ball. Er verwandelte sicher, küsste die schwarze Binde an seinem Arm und schickte mit todtrauriger Miene einen Gruß zum Himmel.

„Ein ganz besonderer Tag“ für Chelsea-Trainer Grant

„Er ist ein tapferer Mann“, lobte ihn Trainer Avram Grant, der mit diesem Sieg wohl aus dem Schatten von José Mourinho getreten ist. Als dessen ungeliebter Nachfolger war er ein halbes Jahr lang von vielen als überforderte Notlösung verhöhnt worden. Nun hat er geschafft, was Mourinho dem großen Boss Abramowitsch nicht liefern konnte: das Finale der Champions League. Grant hat die Schmähungen lange stoisch ertragen, doch seit ein paar Wochen wehrt er sich. Sein neues Selbstbewusstsein zeigte auch seine Kritik an Mourinho, die er geschickt in einem Lob für Benitez versteckte. Er habe großen Respekt vor dem Spanier, dessen Taktik es ihm schwergemacht habe. Nun wisse er, „warum wir in den beiden vorherigen Halbfinals gegen Liverpool verloren haben“.

Dass es für Grant „ein ganz besonderer Tag“ war, hatte aber andere Gründe. Nach dem Schlusspfiff kniete er, eine schwarze Binde am Oberarm, auf dem Rasen nieder und betete - im Gedenken an seine Familienmitglieder, die in Konzentrationslagern starben. In seiner israelischen Heimat war am Mittwoch der Gedenktag des Holocaust. „Ich dachte an meinen Vater, der meinen Großvater mit seinen eigenen Händen begrub“, sagte Grant, der am Tag nach dem Spiel zum Gedenken nach Auschwitz reiste. „Ich bin sehr stolz auf das, was wir erreicht haben.“ Es war der bisher größte Tag seiner Trainerlaufbahn. Aber in diesem Moment redete Avram Grant nicht über Fußball.

Fünfjahreswertung: England nun vorne, Deutschland rückt auf

Dank des Siegeszugs seiner Klubs in der Champions League hat England die achtjährige Dominanz Spaniens beendet und erstmals seit 1985 wieder die Führung in der Fünfjahreswertung der Europäischen Fußball-Union (Uefa) übernommen. Nach dem Einzug von Manchester United und des FC Chelsea in das Endspiel der Königsklasse am 21. Mai in Moskau führt England das Ranking, nach dem die Zahl der Starter in den Europapokal-Wettbewerben bestimmt wird, mit 75,499 Punkten vor Spanien (75,266) und Italien (60,285) an. Unabhängig vom weiteren Abschneiden Bayern Münchens im laufenden Uefa-Cup wird Deutschland zur Saison 2008/09 auf Rang vier vorrücken.



FC Chelsea - FC Liverpool 3:2 n.V. (1:1,1:0)
FC Chelsea: Cech - Essien, Ricardo Carvalho, Terry, Ashley Cole - Makelele - Joe Cole (91. Anelka), Ballack, Lampard (119. Schewtschenko), Kalou (70. Malouda) - Drogba
FC Liverpool: Reina - Arbeloa, Carragher, Skrtel (22. Hyypiä), Riise - Xabi Alonso, Mascherano, Kuyt, Gerrard, Benayoun (78. Pennant) - Torres (98. Babel)
Schiedsrichter: Rosetti (Italien)
Zuschauer: 42.000 (ausverkauft)
Tore: 1:0 Drogba (33.), 1:1 Torres (64.), 2:1 Lampard (98./Foulelfmeter), 3:1 Drogba (105.), 3:2 Babel (117.)
Gelbe Karten: - / Arbeloa, Xabi Alonso



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP, AP, dpa, REUTERS

 
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