Trainer Feldkamp bei Galatasaray

„Kaahli“ und wie er die Welt sieht

Von Alex Westhoff, Istanbul

13. Februar 2008 „Helfen, Ümit, helfen!“ „Kein Foul, kein Foul, Hakan!“ Der kleine, in zwei Winterjacken eingepackte Mann am Mittelkreis rudert mit den Armen. Aus der Ferne rollt der Ruf des Muezzin heran. Man spricht Deutsch im Übungsbetrieb bei Galatasaray Istanbul. Der Trainer Karl-Heinz, genannt Kalli Feldkamp, scheint hier nicht nur Fußball zu lehren. „Manchmal rutschen mir die deutschen Worte einfach raus“, sagt der Dreiundsiebzigjährige.

Kommandos wie „Komm“ oder „Press“ hätten auch die türkischen Spieler schon lange verinnerlicht. Für alles andere müssen seine Co-Trainer und Dolmetscher Burak Dilmen und Ahmet Akcan, mit dem er schon 1992 bei Galatasaray zusammenarbeitete, einspringen. Aber oft, sagt Feldkamp, sei ja ein Spieler, der Deutsch spricht, beteiligt. Das sind immerhin acht im Kader von Galatasaray, darunter Lincoln, der divenhafte Brasilianer, der vor der Saison aus Schalke an den Bosporus kam. „Wann warst du gestern Abend zu Hause?“, ruft Lincoln dem Kollegen Hakan Balta, der in Berlin aufgewachsen ist, zur Begrüßung zu. Das ist wahrscheinlich mehr, als er in seiner gesamten Schalker Zeit auf Deutsch herausgebracht hat.

„Ich spreche von Berufsauffassung“

„Kaahli“ hat sehr viel Erfahrung, achtet sehr auf Disziplin im Team, ist aber manchmal sehr hart, sagen die türkischen Journalisten am Spielfeldrand. Auch sie hätten es mit ihm oft nicht leicht. Hat sich Feldkamp im Alter wieder auf seine Feldwebelmentalität besonnen, mit der er bei seinen frühen Trainerstationen in Deutschland regelmäßig aneckte? „Das Wort Disziplin gebrauche ich nicht“, sagt das „Kind des Ruhrgebiets“ Feldkamp, „ich spreche von Berufsauffassung. Von solch hochbezahlten Leuten erwarte ich einfach, dass am Ende Leistung herauskommt.“

Feldwebel Feldkamp: „Das Wort Disziplin gebrauche ich nicht” „Wenn du Meister wirst, hast du ein Boot, wenn du Zweiter wirst, musst du dur... Trainer Feldkamp: Er lehrt nicht nur Fußball Seine Stimme ist nicht mehr so durchdringend wie früher: „Manchmal rutschen m... Übungsleiter beim Stadtrivalen Besiktas 1999: anhaltende Herz-Kreislauf-Besch... Sage niemals nie: „Den Trainer Feldkamp wird es nie mehr geben”

In der Liga führt Feldkamps junges Team das Tableau nach 21 Spieltagen mit einem Zähler vor dem Stadtrivalen Fenerbahce an, im Uefa-Cup überstand Galatasaray mit viel Dusel die Gruppenphase und empfängt in der ersten K.-o.-Runde an diesem Mittwoch Bayer Leverkusen. „Wenn du Meister wirst, hast du ein Boot, wenn du Zweiter wirst, musst du durch den Bosporus schwimmen“, weiß der Essener um die seit Jahr und Tag unveränderte Erwartungshaltung bei der türkischen Fußballgroßmacht.

Acht Jahre Altersruhesitz nahe Marbella

Feldkamp hat mittlerweile das Gesicht eines Großvaters, aber Augen so wach, als ob er gerade von der Trainerakademie komme. Seinen alten Spitznamen „Beyaz Tilki“ (weißer Fuchs) haben sie in Istanbul nach seiner Ankunft direkt wieder recycelt - zumal sein meist unter einem Käppi verborgener Schopf schlohweiß ist. Der Respekt vor „Kaahli“ ist allerorten zu spüren, fällt in Stadt, Stadion oder Taxi das Gespräch auf Galatasaray.

Wie einst heißblütig verehrt wird er aber nicht mehr von den Fans. Der Gewinn des Doubles 1993 - nachdem er zuvor den 1. FC Kaiserslautern zu Meisterehren führte - ist zwar nicht vergessen, aber allein davon zehren kann Feldkamp nicht mehr. Die Fußballwelt hat sich weiter gedreht, ohne Kalli Feldkamp in der ersten Reihe, nachdem er 1999 bei Besiktas Istanbul wegen anhaltender Herz-Kreislauf-Beschwerden („Den Trainer Feldkamp wird es nie mehr geben“) zurücktrat und acht Jahre lang seinen Altersruhesitz nahe Marbella ausprobierte. Als die Galatasaray-Führung ihm im Frühjahr 2007 anbot, zurückzukehren, egal in welcher Position, sagte er: Ach ja, warum eigentlich nicht als Trainer.

Präsidium mit 15 machtbewussten Mitgliedern

Die Vorbehalte gegen sein hohes Alter und die lange Zeit, die er aus dem Geschäft war, schimmern in Istanbul immer wieder deutlich durch - je nach Stimmungslage im Mikrokosmos Galatasaray, der von mehr als zehn Tageszeitungen und täglich erscheinenden Sportgazetten rund um die Uhr ausgeleuchtet wird. Kürzlich hat sich die Mannschaft in der von einem starken Leistungsgefälle geprägten türkischen Liga mal zwei Auswärtsunentschieden nacheinander geleistet.

Im Angesicht der „Krise“ stand sofort ein Vorstandsmitglied in der Kabine. „Das machen die noch einmal, dann bin ich weg“, sagt Feldkamp. Die Rücktrittsdrohung gegenüber einem Präsidium mit 15 machtbewussten Mitgliedern scheint in seinen Augen ein probates Mittel zu sein. Das Geld sitzt nicht mehr so locker bei Galatasaray, nachdem die Verantwortlichen im Hochgefühl des Uefa-Cup-Siegs 2000 reichlich Mittel verpulverten.

Ein bisschen laufen, ein bisschen stretchen

Zu Zeiten von Feldkamps Vorgänger Eric Gerets blieb der Verein, der Millionen Anhänger in der gesamten Türkei hat, seinen Angestellten zeitweise die Gehälter schuldig. Auch während der Winterpause, als Feldkamps Wünsche auf dem Transfermarkt kaum erfüllt wurden, habe er mit dem Gedanken gespielt, aufzuhören: „Eigentlich, habe ich zu Ahmed Akcan gesagt, müssten wir jetzt die Brocken hinwerfen. Aber dann wäre hier einiges den Bach runtergegangen.“ Sein untrügliches Selbstvertrauen hat der frühere pfälzische Meistermacher über die Jahre jedenfalls nicht eingebüßt.

Das Abschlusstraining der „Löwen“, wie das Galatasaray-Team genannt wird, vor dem Ligaheimspiel gegen Manisaspor erinnerte ein wenig an das einer Hobbymannschaft: ein bisschen laufen, ein bisschen stretchen, Ball in die Mitte, Spielchen.

Seine Stimme ist nicht mehr so durchdringend

Später sitzt Feldkamp in seinem geräumigen Büro mit großer Fensterfront zum Trainingsplatz. Sein Kräutertee ist schon serviert, mundgerecht geschnippeltes Obst ist auch schon da. Ein Herr im Vereinstrainingsanzug hängt vier gebügelte Hemden in seinen Schrank. „Ich bin fit“, sagt Feldkamp streng, wohl um der Frage nach seinem Gesundheitszustand zuvorzukommen. Gleich holt ihn Assistent Akcan zum Strandspaziergang ab, wie vor jedem Heimspiel. „Ahmet hat das mal eingeführt, ich trappel einfach mit.“

Der Wind peitscht dicke Regentropfen gegen die Scheibe. „Wir haben das auch schon bei schlechterem Wetter gemacht.“ 24 Stunden später steht Feldkamp breitbeinig an der Seitenlinie im Ali-Sami-Yen-Stadion, rudert mit den Armen. Seine Stimme ist nicht mehr so durchdringend wie früher. Galatasaray siegt 6:3, der ewige Stürmerstar und „Elder Statesman“ im Kader, Hakan Sükür, erzielt drei Treffer.



Text: F.A.Z., 13.02.2008, Nr. 37 / Seite 30
Bildmaterial: picture-alliance / dpa, picture-alliance/ dpa, REUTERS

 
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