Von Jürgen Kalwa, New York
13. Juli 2008 Für so gut wie alles, was David Beckham so macht, gibt es auch ein Publikum. Sobald er sich in der Unterhosenwerbung der italienischen Firma Emporio Armani räkelt, reagieren die Fernsehstationen in Los Angeles und bringen das Bild in den Abendnachrichten. Wenn ihn irgendein Paparazzo auf einem Boulevard in Beverly Hills am Steuer seines 400.000 Dollar teuren schwarzen Rolls-Royce Cabrio entdeckt, feiern die Promi-Seiten im Internet ein kleines Fest.
Und wenn er hin und wieder ein attraktives Tor erzielt, dann kommt bei YouTube der Zentralcomputer in Schwung. So wie Ende Mai, als zwei Millionen Menschen innerhalb weniger Tage das Video mit dem Distanzschuss des Spielmachers der Los Angeles Galaxy anklickten: Noch in der eigene Hälfte übernimmt Beckham den Ball, überlegt kurz und zieht dann aus 65 Meter Entfernung einfach ab.
Was gibt es Besseres, als diese Kultur zu genießen?
Dass der Keeper der Kansas City Wizards das Tor verlassen hatte, um als elfter Stürmer mit auf den Ausgleich zu drängen, war den meisten egal. Der Treffer wirkte wie der lange ausstehende Beleg dafür, dass der mit Abstand beste Spieler der amerikanischen Profiliga noch immer das viele Geld wert ist, das er verdient. Es ist tatsächlich so: Das Phänomen David Beckham löst selbst ein Jahr nach dem Umzug in das fußballsportliche Entwicklungsland Amerika noch immer Reflexe aus.
Von seiner Strahlkraft jedenfalls hat der berühmteste Fußballspieler der Welt, der im Jahr mehr als 60 Millionen Dollar (inklusive Werbeauftritten) verdient, nichts eingebüßt. Das sieht man bei den Heimspielen seiner Mannschaft im Home Depot Center in Carson. Die sind mit 28.000 Zuschauern restlos ausverkauft, während die Ortsrivalen Chivas USA froh sein können, wenn bei ihren Begegnungen halb so viele Besucher kommen.
Es hilft natürlich, dass der 33 Jahre alte Beckham anders als im letzten Jahr nicht verletzt ist; dass die Begehrlichkeiten in England abgeklungen sind, nachdem sich die Nationalmannschaft nicht für die Europameisterschaft qualifizieren konnte; und dass Los Angeles Galaxy nach sechzehn Begegnungen der laufenden Saison - zuletzt einem 1:1 im Derby gegen die punktgleichen Chivas - ganz oben an der Tabelle im Westen steht. So hatte Beckham auch hinreichend Zeit, zu den meisten Play-off-Spielen der Los Angeles Lakers im Basketball zu gehen. Das war eine großartige Erfahrung, sagte er vor ein paar Tagen nach dem Morgentraining auf der Anlage, die sich der Club mit Chivas USA teilt. Diese Sportart bewundere ich schon seit Jahren. Was gibt es Besseres, als in L.A. zu leben und diese Kultur zu genießen und zu den Lakers zu gehen?
Beckham gibt pro Woche nur einmal Audienz
Wer sich als Journalist etwas länger mit dem Mann mit der Rückennummer 23 unterhalten und über Basketball, Werbekampagnen, Autos, das Leben in den Vereigten Staaten und seine Kunststückchen am Ball plaudern will, muss sich allerdings kurzfassen können. Beckham gibt pro Woche nur einmal Audienz. Wenn es hoch kommt, steht er dann zehn Minuten bereit hinter einer improvisierten Absperrung. Einzelinterviews gibt er nicht.
Vermutlich denkt Galaxy-Manager Alexi Lalas an solche Verhaltensmuster, wenn er beschreiben soll, was er im letzten Jahr mit der Verpflichtung eines echten Superstars angezettelt hat. Der Klub habe mit einem Wirbelsturm fertig werden müssen. Fast 99,9 Prozent sind positiv. Aber da sind bestimmte Dinge, bei denen wir uns umstellen mussten, um seinen Wünschen gerecht zu werden.
Ruud Gullit war nicht billig zu haben
Zu den Umstellungen gehörte unter anderem auch ein Wechsel im Trainerstab. Den alten Coach Frank Yallop, der den gestiegenen Anforderungen nicht gewachsen war, ließ man im November am Ende einer enttäuschenden Saison gerne ziehen. Aber die Suche nach einem Nachfolger von Rang und Namen war nicht leicht. Nachdem Jürgen Klinsmann, der bis zu seinem Wechsel nach München im nahen Huntington Beach wohnte und auf dem Papier wie ein guter Schachzug wirkte, abgewinkt hatte, fand sich schließlich in Europa eine passende Figur: Ruud Gullit, der in England Chelsea und Newcastle trainiert hatte und zuletzt bei Sky Sports als Fernsehkommentator arbeitete.
Der ehemalige niederländischen Nationalstürmer war nicht billig zu haben: Der Dreijahresvertrag ist Zeitungsberichten zufolge mit zehn Millionen Dollar dotiert und erhöht die Lohnkosten für das Team, das bereits pro Jahr mehr als fünf Millionen Dollar an David Beckham ausschüttet, um ein erhebliches Maß.
Ein Abstecher nach Europa?
Doch vom Mythos Beckham allein kann der Klub auf Dauer auch wirtschaftlich nicht zehren. Der reichte zwar zuletzt für gutbezahlte Reisen nach Australien und Neuseeland. Aber Manager Lalas weiß, dass sein Geschäftsmodell mit den teuren Investitionen nur funktioniert, wenn die Mannschaft auf Reisen außerhalb der Vereinigten Staaten Geld einspielt. Die Kosten sind riesig, sagt er. Die Marke ,Los Angeles Galaxy' international zu promoten, um irgendwann zumindest optisch auf einem Niveau zu agieren wie Manchester United, Barcelona oder Bayern München, hängt allerdings vor allem davon ab, ob Mannschaft respektablen Fußball spielt oder nicht und sich irgendwann im direkten Vergleich mit den europäischen Eliteklubs messen wird.
Die unterschiedlichen Spielpläne - in den Vereinigten Staaten läuft die Saison von April bis Oktober - macht die Aufgabe nicht leichter. Wir werden einen Weg finden, dass Galaxy irgendwann Abstecher nach Europa machen wird, sagt Lalas. Wir haben noch immer einen weiten Weg vor uns, um uns mit der Premier League, der Bundesliga und Serie A zu messen.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP, AP, picture-alliance/ dpa