Fußball

Rücke vor bis zur Anfield Road

Von Christian Eichler

15. Februar 2007 Noch hat ihn kein Verleger herausgebracht. Das liegt wohl daran, dass er nur eine bescheidene Auflage erreichen dürfte. Aber eine sehr zahlungskräftige Leserschaft. Es ist der Ratgeber der Stunde: „Wie kaufe ich einen Fußballklub? Und was ich dabei falsch machen kann“. Mögliche Autoren: George Gillett und Tom Hicks. Die beiden Amerikaner haben im Kampf um den FC Liverpool einen der reichsten Clans der Welt ausgestochen, die Maktoum-Familie mit ihrer Dubai International Capital. Bisher haben sie fast alles richtig gemacht.

Regel 1: Finanziere die Übernahme nicht mit neuen Schulden für den Klub. So tat es der Amerikaner Malcolm Glazer 2005 bei Manchester United und wurde zur Unperson bei vielen Fans. Er kann sich immer noch nicht gefahrlos im Old Trafford blicken lassen.

Regel 2: Fordere erst mal nichts, versprich lieber was. Ein neues Stadion, aber stabile Ticketpreise. Und natürlich neue Stars.

Regel 3: Widerstehe der Versuchung, als uralter Fan des Klubs daherzukommen. Die, die es wirklich sind, glauben das sowieso nicht.

Regel 4: Widerstehe der schlimmeren Versuchung, als kalter Investor aufzutreten. Nach BBC-Informationen scheiterte der Deal mit Dubai an einem siebenseitigen Dokument namens „Project Oslo“, in dem die Araber ihre Sicht des FC Liverpool aufführten: als reines „Investment“, das pro Jahr 25 Prozent Rendite abwerfen und nach sieben oder acht Jahren abgestoßen werden sollte. Nach Bekanntwerden des internen Schriftstücks, so die BBC, „überlegte es sich die Braut kurz vor dem Altar anders“. Und gab den Amerikanern ihre Hand.

Regel 5: Widerstehe der allerschlimmsten Versuchung: als Kolonialherr aufzutreten. Das Gefühl, unter amerikanischer Kontrolle zu sein, ist in England nicht sehr populär in den späten Tagen von Tony Blair, dem letzten Freund von George W. Bush.

Regel 6: Achte auf deine Worte. Einmal war Gillett unvorsichtig und nannte Liverpool ein „Franchise“, was sich nach McDonald's anhört und bei Fans nicht gut ankam; ebenso wenig wie sein Versprecher „Liverpool Reds“ (richtig: „Liverpool“ oder „Reds“, nie beides). Geschäftsführer Rick Parry konnte die Sache noch ausbügeln; es seien „linguistische Fehler“, wie sie halt so passieren in einem fremden Land. Sprachlich weiter ist Gilletts Landsmann Randy Lerner, der Aston Villa kaufte. Er pries die „spirituelle Komponente“ daran.

Gemästet von Sponsorengeldern und TV-Milliarden

Wer all das beachtet, hat die Karten in der Hand. Rücke vor bis Old Trafford: Im guten alten Fußball-Monopoly herrscht Goldgräberstimmung. Liverpool ist bereits der vierte Premier-League-Klub der Saison, der in ausländische Hände wechselt (nach Portsmouth, Villa und West Ham); der siebte insgesamt. Seit Roman Abramowitsch 2003 Chelsea erwarb und mit Spielern für über eine halbe Milliarde Euro versorgte, steckt so viel frisches Geld in der Liga, gemästet von Sponsorengeldern und TV-Milliarden, dass das globale Kapital hier eine neue Spielwiese fand.

Als nächste übernahmereife Kandidaten gelten Manchester City und Newcastle. An Everton hat sich bereits der Amerikaner Robert Earl, Besitzer der Restaurantkette Planet Hollywood, beteiligt. Bei Reading, dem Aufsteiger der Saison, deutet Besitzer John Madejski Verkaufsbereitschaft an. Gerüchte gibt es auch um Tottenham, Fulham und vor allem Arsenal - dort sollen die in Liverpool verschmähten Scheichs aus Dubai angeklopft haben.

Traumrenditen für Klub-Verkäufer

Wer übernimmt da wen? Und wer übernimmt sich? Lange Zeit galt ein Fußballklub in England als Spinnerei für Reiche. Die Renditen, die nun dafür erzielt werden, zeigen ein anderes Bild. Es ist die Zeit der Kassemacher, der Altbesitzer und Hauptanteilseigner, die das richtige Näschen hatten und nun eine goldene Nase haben. Sie stiegen früh ein, schon vor Gründung der Premier League 1992 oder kurz danach - nun wird kassiert.

Ken Bates kaufte Chelsea für eine Million Pfund und verkaufte für 17 Millionen. Martin Edwards kaufte sich bei ManU für 100.000 Pfund ein und verkaufte für 90 Millionen. Traumrenditen, wie sie auch Milan Mandaric (Portsmouth, 5 Millionen/32 Millionen), Doug Ellis (Aston Villa, 500.000/23 Millionen), Terry Brown (West Ham, 2 Millionen/33,4 Millionen) oder David Moores (Liverpool, 8 Millionen/89,6 Millionen) erzielten.

„Globales Markenkonzept“

Solche Tausendprozenter winken den heutigen Käufern nicht mehr. Dafür drehen sie ein größeres Rad. Vor allem den Amerikanern, deren eigener Sportmarkt kaum noch wächst, verspricht England ein Sprungbrett nach Asien, wo die Premier League populär ist. Die neuen Bosse in Liverpool haben für die nächsten Sommer bereits Gastspiele im Fernen Osten verkündet. Gillett, der auch das Eishockeyteam Montreal Canadiens besitzt, spricht von einem „globalen Markenkonzept“: „Wenn man sich die neuen Sponsoren der letzten fünf Jahre in der Premier League ansieht, dann kommt mehr als ein Drittel aus Asien.“Fußball, das Gleitmittel der Globalisierung?

Die Frage führt zur siebten und letzten Regel für Klubkäufer: Lerne das Spiel. Liebe es. Kapiere, wie es Herzen öffnet. Erst dann auch die Brieftaschen.



Text: F.A.Z., 15.02.2007, Nr. 39 / Seite 30
Bildmaterial: AFP, AP, dpa, picture-alliance / dpa/dpaweb, picture-alliance/ dpa/dpaweb

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