Kommentar

Hat mit Fußball doch zu tun

Von Michael Horeni

Wurfgeschoß auf Schiedsrichter: Hat mit Fußball nichts zu tun?

Wurfgeschoß auf Schiedsrichter: Hat mit Fußball nichts zu tun?

26. Oktober 2006 Die Reaktionen auf das Skandalspiel von Stuttgart gehorchen der Routine. Die Polizei hat einen Verdächtigen festgenommen, der Deutsche Fußball-Bund (DFB) ermittelt sportrechtlich, die Justiz strafrechtlich, und die Stuttgarter Kickers als Ausrichter und jener Klub, aus dessen Fangruppe heraus das Wurfgeschoß den Schiedsrichterassistenten offensichtlich traf, geben sich tief betroffen - nicht zuletzt angesichts des Schadens, der ihnen finanziell droht.

Das Image hat ohnehin schon ordentlich was abbekommen, nachdem in der 86. Minute des DFB-Pokalspiels gegen Hertha BSC Berlin Linienrichter Voss zu Boden ging, weil ihn ein unerwünschtes Flugobjekt von der Tribüne aus traf. Der Satz, daß der Pokal seine eigenen Gesetze habe, trifft in diesem Ermittlungsfall in ganz eigener Weise zu.

Probleme werden vergesellschaftet

Es ist noch nicht oft vorgekommen im deutschen Profifußball, daß eine Begegnung abgebrochen werden mußte. Der Präsident der Kickers und der Trainer sprechen von einer „Katastrophe“ für den Verein. Sie distanzieren sich auf eine solch entschiedene Weise von diesem Einzelfall in ihrem Publikum, daß man kaum glauben mag, daß der Regionalligaklub in Sicherheitsfragen schon vorbelastet ist. Das Punktspiel gegen den 1. FC Saarbrücken vor einem Monat hatte zwei Mal unterbrochen werden müssen, weil Fans des Gegners Feuerwerkskörper gezündet und andere Zuschauer bedroht hatten. Die Kickers, denen auch mangelnder Schutz des Schiedsrichtergespanns angelastet wurde, mußten 3000 Euro Strafe zahlen.

Der frühere DFB-Präsident Gerhard Mayer-Vorfelder, der als Zuschauer in Stuttgart dabei war, hat den Täter in der hierfür im Profifußball üblichen Kategorie einsortiert: „Ein Vollidiot.“ Mit Fußball, so der floskelhafte Tenor auch nach dem Spielabbruch in Stuttgart, habe das alles nichts zu tun. Aber bitte, womit dann?

Für die Unbelehrbaren verantwortlich

Die Distanzierungsrituale sind nur zu bekannt. Rassistische Schmähungen, die zuletzt auch wieder in deutschen Stadion zu hören waren - hat mit Fußball nichts zu tun. Die seit Jahren bei Auswärtsspielen der Nationalmannschaft rassistischen und nazistischen Parolen der Glatzenträger - hat mit Fußball nichts zu tun. Die Probleme im Fußball, so die gängige Praxis, werden vergesellschaftet; die positiven Seiten privatisiert. Die Begeisterung in den Stadien jedenfalls hat noch kein Fußballfunktionär als gesellschaftliches Phänomen zu deuten versucht.

Die Probleme auf den Rängen wären natürlich noch keineswegs gelöst, wenn sich der deutsche Volkssport auch zu denen bekennen würde, die in seinem Namen Schaden anrichten. Kickers-Präsident Kullen hat jetzt angekündigt, mit den eigenen Fans „hart ins Gericht“ zu gehen. Das ist aber nur ein Teil des Weges. Es gehört auch dazu, die Existenz der Unbelehrbaren und Schwererziehbaren in den eigenen Reihen zu akzeptieren und sich für sie verantwortlich zu fühlen. Das schafft zwar noch keine Ruhe im Stadion - aber es stärkt die Glaubwürdigkeit in diesem Kampf ungemein.

Text: F.A.Z. vom 27. Oktober 2006
Bildmaterial: ddp

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