Im Gespräch: Steffi Jones

„Ich bin überrascht, wie viele Väter ich habe“

23. April 2008 In der deutschen Fußballfamilie ist Steffi Jones für die einen eine Art Mutterfigur, für andere die ehrgeizige Tochter, der alles zu gelingen scheint. Sie wurde Meisterin, Pokalsiegerin, war Profi in den Vereinigten Staaten und Weltmeisterin mit der deutschen Auswahl. In ihrer richtigen Familie hat die frühere Spielerin der Nationalmannschaft und des 1. FFC Frankfurt schwere Rückschläge erlitten. Jetzt ist sie 35, viel beschäftigt und denkt dann und wann an eigene Kinder. Doch Ende des vergangenen Jahres wurde sie ausgewählt, dem Komitee zur Organisation der WM 2011 vorzustehen - eine Art Franz Beckenbauer des Frauenfußballs. Im Gespräch redet Steffi Jones im elften Teil der FAZ.NET-Serie „SOLO - Ein Thema, ein Interview“ über - Familie.

Wie viele Väter haben Sie eigentlich?

Ich habe nur einen Vater. Meine Brüder haben einen anderen Vater.

Und wenn es nicht nur um den biologischen Vater geht?

Dann ist es auch meine Mutter. Als mein leiblicher Vater uns verlassen hat, musste sie beide Elternrollen übernehmen. Meine Mutter war immer für mich da. Aber es gab auch eine Zeit, in der der Vater meines jüngeren Bruders sehr wichtig war - bis er in die Vereinigten Staaten gegangen ist. Ich war relativ jung schon sehr selbständig. Dadurch sah ich den damaligen Lebensgefährten meiner Mutter eher als Freund.

Sie sind ohne Ihren leiblichen Vater aufgewachsen. Haben Sie im Sport so etwas wie einen Ersatzvater gefunden?

Ja, den Dieter Hochgesand, der uns damals mit der SG Praunheim als Trainer in die Bundesliga gebracht hat. Er hatte einfach so etwas Väterliches, zu ihm habe ich aufgesehen, mit ihm habe ich viele Sorgen geteilt. Er konnte mal nicht zu einem unserer Punktspiele kommen und hat uns eine Audio-Cassette dagelassen. Die lief, und ich hätte stundenlang zuhören können, weil er so eine beruhigende Stimme hat. Ich wollte gar nicht raus auf den Platz.

Wie ist es mit Theo Zwanziger, dem Präsidenten des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), der hierzulande als Vater des Frauenfußballs gilt. Ist er auch ein bisschen zu Ihrem Vater geworden?

Er spricht ja immer von seinen Mädchen. Theo Zwanziger ist schon so ein typischer Papa. Er ist ein sehr offener Mensch - und da spielt es gar keine Rolle, ob wir uns nun privat oder beruflich begegnen. Theo Zwanziger bietet immer seine Hilfe an, und er tritt jedem mit sehr viel Respekt gegenüber.

Er wäre also auch ein gutes Familienmitglied?

Natürlich. Er gehört ja nun auch zu meiner Familie beim DFB. Ich bin jetzt selbst überrascht, wie viele Väter ich doch habe. Der Fußball ist für mich irgendwann eben zu einer zweiten Familie geworden, er war so eine Art Auffangbecken und hat mir zeitweise sehr geholfen. Er hat mir Selbstbewusstsein und Anerkennung gegeben. Also all das, was man für den Alltag und auch das Berufsleben braucht.

Wie konnte der Fußball zu einer Familie werden?

Ich wusste früh, dass das der einzige Sport ist, den ich will. Ich wollte jeden Tag, jede freie Minute Fußball spielen. Irgendwann entwickeln sich dort ja auch Freundschaften, und die Leute will man dann ja auch um sich haben.

Bei welchen Problemen des Lebens hat Ihnen der Fußball geholfen?

Das waren einige. Ich war manchmal einfach froh, dass ich Fußball spielen konnte, auch wenn das Training mal nicht so gut gelaufen ist. Der Fußball hat mich gut abgelenkt.

Wie war Ihre Kindheit?

Die war trotz allem sehr schön. Sie war spannend, und ich habe viel Schabernack mit meinen Freunden getrieben. Ich habe immer nur mit Jungs gespielt und hatte nur eine Freundin. Puppen fand ich blöd. In meiner Pubertät haben mich alle Jungs nur als die fußballspielende Steffi gesehen - und eben nicht als das Mädchen Steffi. Es war eine schöne Zeit. Ich bin zwar in der Nähe eines sogenannten sozialen Brennpunktes aufgewachsen, und wir hatten damals nicht viel Geld, aber meine Mutter hat alles getan, um uns unsere Wünsche zu erfüllen. Sie hat sich aufgeopfert und für sich auf vieles verzichtet. Ihre große Hilfsbereitschaft hat sie trotz der schwierigen Umstände nie verloren, das bewundere ich sehr.

In welchen Phasen hat Ihnen der Vater gefehlt?

Ich habe manchmal gehofft, einen Vater zu haben, der einfach mal mitkommt zu meinen Fußballspielen. Oder in den Kindergarten und die Schule. Ich bin immer nur mit der Mama gekommen, und die hatte auch wenig Zeit. Sie hat Tag und Nacht gearbeitet. Aber ich hätte damals auch gern jemanden gehabt, der mich beschützt - das, was ich dann von meinem älteren Bruder wollte. Deshalb wollte ich immer mit ihm gehen. Er hat sicher darunter gelitten, dass ich ihm diese Vaterrolle zugesprochen habe und ich immer alles mit ihm besprechen wollte. Er war ja gerade einmal drei Jahre älter.

Wie war der Kontakt zu Ihrem leiblichen Vater?

An meinen Geburtstagen hat er oft angerufen und irgendwelche Sachen versprochen, die er aber nie eingehalten hat. Im Lauf der Zeit habe ich gelernt, mit dieser Enttäuschung umzugehen. Die Wut, verlassen worden zu sein und dass er die Mama im Stich gelassen hat, hat sich irgendwann aufgelöst. Dadurch wurde unser Verhältnis immer distanzierter und kühlte ab.

Als Sie 2002 nach Washington in die amerikanische Profiliga gewechselt sind, haben Sie Ihren Vater dann wiedergesehen.

Ich habe ihn vorher schon mal kurz getroffen. Da war ich 19 Jahre alt. Für drei Tage war ich bei ihm in Amerika. Er hatte einen schweren Unfall und musste das Laufen wieder lernen. Schließlich heiratete er jene Krankenschwester, die ihm die ganze Zeit viel Mut zugesprochen hatte. Der erste Augenblick des Wiedersehens war komisch. Ich kannte ihn nur vom Bild, darauf war er jung und sah gut aus. Und dann stand plötzlich ein ganz anderer Mann vor mir und sagte: Hallo, mein Schatz. Darauf wusste ich nichts zu sagen. Ich hatte überhaupt keinen Bezug zu ihm, wusste gar nicht, worüber wir reden sollten. Seine Frau hat dann zwischen uns vermittelt. Wir haben Fotoalben geschaut, er hat mir gesagt, wie stolz er auf mich ist und wie sehr er bereue, meine Mutter und mich verlassen zu haben.

Und wie ist das Verhältnis heute?

Er war zuletzt wieder sehr krank. Ich habe deshalb kurz wieder Kontakt aufgenommen, aber der besteht inzwischen nicht mehr. Aber ich würde gerne noch einmal mit ihm sprechen, um mich zu versöhnen. Ich fände es schade, wenn wir uns nicht noch einmal aussprechen könnten.

Ihr Halbbruder wurde im Irak-Krieg verletzt. Was hat das innerhalb der Familie ausgelöst?

Auch die Geschwister meiner Mutter waren sehr betroffen, die haben angerufen und ihre Hilfe angeboten. Vielleicht sind beide Familienteile dadurch enger zusammengewachsen. Mein älterer Bruder aber kam mit dem Anschlag im Irak überhaupt nicht so gut klar. Da er sich während dieser Zeit im Methadon-Programm befand, war die Gefahr groß, dass er wieder rückfällig wird. Meine Mutter und ich standen uns schon immer sehr nah, die Verletzung meines Bruders hat das noch vertieft. Anfangs wussten wir beide gar nicht, wie wir großartig helfen können. Das war schwer, er hatte seine Beine verloren, und man konnte das durch nichts wiedergutmachen. Das war sehr bitter. Alles schien nur noch nebensächlich. Dieser Augenblick hat unser Leben völlig verändert.

Ihren älteren Bruder haben Sie oft gesucht in den Nächten.

Das stimmt. Vorwiegend in Zeiten wie Weihnachten. Draußen war es kalt, er hatte kaum Geld. Wenn er dann angerufen hat und wir ihm helfen sollten, kam der Anruf so unerwartet und plötzlich, dass wir sofort reagieren mussten. Das war manchmal sehr dramatisch.

Hat sich Ihre Position innerhalb der Familie durch den rasanten öffentlichen Aufstieg verändert?

Nein, eigentlich nicht. Ich bin ja immer noch die gleiche Tochter und die gleiche Schwester wie vorher. In unserer Familie geht es auch nicht um Positionen. Meine Familie ist es gewohnt, dass ich in der Öffentlichkeit stehe, wenn auch jetzt etwas mehr als bisher. Ich rufe meine Mutter noch immer jeden Tag an und frage, ob es ihr auch wirklich gut geht.

Welchen Stellenwert hat Familie für Sie?

Es gibt für mich nichts Wichtigeres. Familie steht für mich für Liebe, Zusammenhalt und Vertrauen. Wenn es jemandem aus meiner Familie schlechtgeht, dann lasse ich alles stehen und liegen.

Sollte die Bedeutung der Familie durch Ihre Buchveröffentlichung noch einmal hervorgehoben werden?

Ich habe ja schon immer offen darüber gesprochen. Das Buch war noch einmal die Möglichkeit, vieles zu erklären. Wenn ich irgendwohin gekommen bin, dann haben die Leute gesagt: Dein Bruder ist doch drogensüchtig. Ich habe daraus nie ein Geheimnis gemacht und mich den Fragen über meinen Bruder immer gestellt. Aber keiner wusste, wie es dazu gekommen ist, wie es ihm eigentlich ging mit mir als jüngerer Schwester, die schnell erfolgreich war. Mein Erfolg war für meine beiden Brüder nicht immer so einfach. Dass ich dafür hart arbeiten musste, das haben auch sie mittlerweile verstanden.

Warum haben Sie immer darüber geredet? Viele behalten solche Geschichten lieber für sich.

Man muss ja nicht immer mit der Sonnenseite des Lebens prahlen, man kann doch auch mal diese negative Seite zeigen. Es sind halt alles Ereignisse, die das Leben so mit sich bringen kann. Viele können sich vielleicht darin wiederfinden. Ich möchte kein Mitleid. Ich bin der Meinung, dass man sich Situationen, auch wenn sie unangenehm sind, stellen sollte.

Würden Sie trotzdem etwas nicht öffentlich machen?

Ja, mein Privatleben. Darum ziehe ich einen Schutzschild.

Wann sind Sie von zu Hause ausgezogen?

Mit neunzehn oder zwanzig. Ich bin damals für dreieinhalb Jahre nach Karlsruhe gezogen. Das war sehr cool. Ich hatte damals das Gefühl von Unabhängigkeit und konnte meine Ideen in meiner Wohnung ausleben. Ich konnte das aufstellen, was mir gefiel, Poster aufhängen, was auch immer. Bevor ich in die Vereinigten Staaten gegangen bin, habe ich für einige Zeit bei meiner Mutter gewohnt. Meine eigenen vier Wände fehlten mir da schon ein wenig. Denn auf einmal war ich nicht mehr alleine, und wir mussten uns wegen Kleinigkeiten absprechen wie: Wer geht wann ins Bad?

Gab es im Elternhaus klare Regeln?

Ich hatte immer das Glück, dass meine Mutter sehr großes Vertrauen zu mir hatte - was ich nie ausgenutzt habe. Meine Kumpels haben mich immer nach Hause gebracht, sie musste also nie Angst um mich haben. Selbst mit vierzehn oder fünfzehn durfte ich ab und zu etwas später nach Hause kommen.

Das heißt, es gab keine Verbote?

Sicherlich gab es die. Aber ich habe die immer als selbstverständlich angesehen. Ich hätte mir nie erlaubt wegzubleiben, ohne jemandem Bescheid zu geben. Das gab es für mich einfach nicht. Um mich musste sich meine Mutter eigentlich nie Sorgen machen.

Haben Sie nie für Ärger gesorgt?

Doch. Wenn ich irgendeinen Ball gegen eine Scheibe geschossen oder einem Kumpel die Uhr kaputtgemacht habe. Ich verlor damals auch oft meinen Turnbeutel. Einmal habe ich mich verlaufen, dann hat mich die Polizei nach Hause gefahren. Aber ansonsten war ich immer sehr artig.

Gibt es innerhalb einer Fußball-Mannschaft eine Hierarchie, so dass einer für den väterlichen Rat und einer für die mütterliche Fürsorge zuständig ist?

Natürlich muss es das geben. Es ist sinnvoll, dass die Jungen von den Älteren integriert werden, dass wir ihnen helfen, wenn sie Sorgen haben. Es geht dabei nicht immer nur um Probleme auf dem Platz. Dass man sich auch in solchen Situationen hilft, macht einen Mannschaftssport aus. Und unterschiedliche Charaktere gibt es überall, das macht das Leben ja spannend. Trotzdem spielen alle für ein Ziel, man trainiert zusammen - das hat schon etwas Familiäres.

Welche Rolle hatten Sie dort?

Ich war eine Vertrauensperson, vielleicht sogar so eine Art Mutter. Ich bin es sicher heute noch für einige Spielerinnen.

War Ihnen das manchmal zu viel?

Nein. Es entscheidet ja jeder, wie viel er von sich gibt.

War der Fußballplatz im Stadtteil Bonames damals auch ein Ort, an dem eine Ihrer Familien zusammengekommen ist?

Da war so ein alter Hartplatz. Drumherum standen die Väter und haben ihren Söhnen zugebrüllt: Spiel nicht ab, geh allein! Meine Mutter hat das gehasst, die konnte das niemals leiden. Deshalb nannte sie es auch immer einen Proleten-Sport.

Noch heute gibt es solche Väter. Nerven die Sie eigentlich?

Manchmal schon. Dass Kinder von außen beeinflusst werden, finde ich nicht gut. Auf dem Platz hat der Trainer das Sagen. Kinder sollten auch nie diesen Druck ihrer Eltern spüren. Man holt viel mehr aus Kindern heraus, wenn sie losgelöst agieren können.

Haben Sie einen großen Freundeskreis?

Durch den Sport sind meine Freunde sicher zu kurz gekommen. Ich habe jeden Tag trainiert, musste auch jahrelang Vollzeit arbeiten, bis ich in die Profiliga gewechselt bin. Darunter musste der Freundeskreis leiden. Einige Freundschaften verlieren sich auch über die Jahre. Zu alten Schulfreunden bekomme ich erst jetzt wieder Kontakt. Die sagen: Steffi, dass du mal OK-Präsidentin wirst, hätten wir nie gedacht. Das ist wirklich lustig.

Sie sind 35 Jahre alt, haben viel Zeit mit Fußball verbracht. Glauben Sie, dass Sie Ihre eigene Familienplanung manchmal aus den Augen verloren haben?

Mit dreißig habe ich mal lachend an meine biologische Uhr gedacht. Meine neue Aufgabe ist für mich jetzt und die nächsten drei Jahre eine große Herausforderung, die ich engagiert und mit Ehrgeiz erfüllen möchte. Ich liebe Kinder zwar über alles, aber ich bin mir auch darüber im Klaren, dass ich in den nächsten dreieinhalb Jahren immer unterwegs sein werde. Von daher stellt sich die Kinderfrage für mich zur Zeit nicht. Nach 2011 kann man das vielleicht noch mal ins Auge fassen. Ich habe immer gesagt: Ein Junge und ein Mädchen wären toll.

Das Gespräch führten Ralf Weitbrecht und Michael Wittershagen.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: F.A.Z. - Helmut Fricke

 

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