Michael Ballack im Gespräch

„Das Wort WM-Held kann ich nicht mehr hören“

23. März 2008 Über das Schulterklopfen nach der Weltmeisterschaft, die Gefahren bei der EM und Klinsmann in München: Michael Ballack im Gespräch mit der Sonntagszeitung.

Sie wurden zuletzt in der Champions League mit einer Laufleistung von mehr als 6200 Metern in einer Halbzeit gemessen und waren aktiver und auffälliger als alle anderen Kollegen beim FC Chelsea. Ist es gut für die Nationalmannschaft, dass ihr 31 Jahre alter Kapitän durch die lange Verletzungspause frischer als sonst in ein wichtiges Turnier gehen wird?

Ich habe meinen guten körperlichen Zustand in einem Turnier auch immer dann unter Beweis gestellt, wenn ich ohne größere Verletzungen durch die Saison gekommen war. Aber es ist richtig: Ich bin mit meiner momentanen körperlichen Verfassung zufrieden.

Auslands-Profi Ballack: „Leichter für Deutschland zu spielen, als im jeweilig... Mit Bundestrainer Löw: „Ich denke, wir sind insgesamt auf einem guten Weg” Der Kapitän: „Wenn ich schon diesen Vornamen „WM-Held“ höre...” Mit Torwart Lehmann: “Halte Jens als Stammtorwart für unverzichtbar“ Mit Teamchef Klinsmann: „Jürgen ist sehr geradlinig und verfügt über eine sta... Unser Mann in London: „20, 22 Topspieler nahezu auf einem ähnlichen Niveau”

Die Erwartungen an die Nationalelf sind hoch. Bleibt das in den nächsten Monaten so, oder wird es sich noch relativieren müssen?

Das liegt an uns. Wir müssen jetzt versuchen, am Mittwoch in der Schweiz noch mal ein richtig gutes Spiel gegen einen guten Gegner hinzulegen. Denn danach sind erst mal zwei Monate Pause, bevor wir in die direkte Vorbereitung auf die Europameisterschaft gehen.

Hält man sich an kritische Aussagen von Bundestrainer Löw oder Manager Oliver Bierhoff, dann befindet sich die Nationalmannschaft im Abschwung. Stimmt das?

Ich denke, wir sind insgesamt auf einem guten Weg. Wir müssen aber versuchen, wieder an unsere sehr guten Leistungen vom letzten Jahr anzuknüpfen, und dies insbesondere in den nächsten Spielen bestätigen.

Noch einmal zurück zur Kritik an den vergangenen Leistungen: Haben aus Ihrer Sicht nicht alle Spieler in der Nationalmannschaft verstanden, worum es geht bei dieser Europameisterschaft?

Das Schulterklopfen nach dem dritten Platz bei der WM hat sehr lange angehalten. Aber diese Zeit ist vorbei. Die Leistung 2006 im eigenen Land war okay, und die Mannschaft hat sich danach zweifellos weiterentwickelt. Ab jetzt gibt es ein neues Turnier – das schwierigste überhaupt –, bei dem man sich von den alten Verdiensten nichts mehr kaufen kann. Es reicht eben nicht aus, sagen zu können: „Ich war doch schon bei der WM 2006 dabei, als wir Dritter wurden.“

Meinen Sie damit, es gibt in der Nationalmannschaft noch zu viele Spieler, die sich auf diesem WM-Helden-Bonus ausruhen?

Wenn ich schon diesen Vornamen „WM-Held“ höre ... Dann frage ich mich, wer denn eigentlich 2006 Weltmeister geworden ist.

Seitens der Nationalmannschaftsführung gibt es neuerdings vermehrt Ansagen, der eine oder andere „WM-Held“ dürfe sich einer EM-Nominierung nicht sicher sein. Glauben Sie an Überraschungen bei der Nominierung?

Es ist doch völlig normal, dass viele Spieler um ihren Platz kämpfen müssen, und das ist nicht nur bei der Nationalmannschaft so. Aber ich glaube, die Vergabe der Plätze war lange nicht mehr so offen wie im Moment.

Bundestrainer Löw hat betont, das Leistungsprinzip zum Auswahlkriterium erheben zu wollen. Finden Sie nicht, auch Jens Lehmann müsste sich auf der Torhüterposition an diesem Standard messen lassen? Er sitzt im Verein bei Arsenal London weiterhin auf der Bank.

Nein, finde ich nicht. Aufgrund seiner Klasse und seiner Erfahrung halte ich Jens als Stammtorwart für unverzichtbar.

Auch auf der Innenverteidigerposition gibt es neben Per Mertesacker ein Problem, weil sein Stammpartner Christoph Metzelder in der nächsten Zeit wieder einmal langfristig verletzungsbedingt ausfällt. Er wird sich wohl erst kurz vor EM-Beginn ohne größere Spielpraxis gesund melden.

Christoph hatte bisher viel Pech mit seinen Verletzungen. Ich hoffe, er kann sich schnell erholen und wieder auf den Platz zurückkehren. Denn Fitness und Spieleinsätze sind für jeden von uns eine wichtige Grundvoraussetzung in einem so herausfordernden Turnier wie der EM.

Im Fall des diesmal gegen die Schweiz nicht berücksichtigten Bremer Mittelfeldspielers Tim Borowski, auch einer der sogenannten WM-Helden, merkte Joachim Löw an, er müsse erst mal sechs, sieben Spiele in Folge bei seinem Klub machen, bevor er wieder zum Thema in der Nationalelf werden könnte. Zeugt es nicht von fehlendem Realitätssinn, wenn derselbe Spieler unlängst nach Veröffentlichung seines bevorstehenden Wechsels zum FC Bayern verkündet, mit seinen 28 Jahren noch besser werden zu wollen als Ballack?

Grundsätzlich ist es natürlich schön, wenn sich Spieler an mir orientieren und mir nacheifern wollen. Allerdings ist die Situation für den einen oder anderen in der Nationalmannschaft derzeit so, dass es leichter ist, für Deutschland zu spielen als im jeweiligen Verein. Früher war die Nationalmannschaft eine Auszeichnung für die besten deutschen Spieler.

Was heißt das für Borowski und andere Spieler konkret?

Ich finde es gut, dass er die Herausforderung beim FC Bayern sucht. Aber unabhängig von ihm reicht es eben nicht, zu sagen, ich bin jetzt beim FC Bayern. Gerade dort musst du dich durchsetzen, spielen und dir deinen Status erarbeiten.

Wie ist das für Sie beim FC Chelsea?

Man braucht in Chelsea doch auf dem Trainingsplatz nur nach links und rechts zu schauen, dann weiß man, was hier los ist. Es gibt Mannschaften, die stellen sich wie von selbst auf. Bei Chelsea ist das nicht der Fall, weil hier 20, 22 Topspieler nahezu auf einem ähnlichen Niveau spielen. Jeder will vorankommen und seinen Status erhalten oder ausbauen. Dazu kommen der Druck der Medien, die Erwartungshaltung des Publikums und die Zielsetzung von Chelsea selbst – das macht das Arbeiten hier nicht einfacher, aber interessanter.

Auch Sie sind unter dem neuen Trainer Avram Grant schon mal auf der Bank gelandet.

Wir haben hier so viele ausgezeichnete Spieler und einen vollen Spielkalender. Da ist es völlig normal, dass auch mal rotiert werden muss.

Wie sieht es denn zwischen Ihnen und Chelsea vertraglich aus?

Ich bin mit dem Gedanken zu Chelsea gekommen, hier meine Karriere beenden zu wollen. Das kann ich mir auch weiterhin vorstellen.

Mit welchem Interesse verfolgen Sie die Entwicklung beim neuen FC Bayern mit Jürgen Klinsmann?

Für mich als Außenstehenden ist diese Konstellation natürlich sehr interessant – auch durch meine Erfahrung mit Jürgen Klinsmann bei der Nationalmannschaft.

Was erwarten Sie von ihm in München?

Jürgen ist sehr geradlinig und verfügt über eine starke Persönlichkeit. Er ist ein Trainer, der zwar auf einen kleinen Kreis von Vertrauten hört, aber vor allem seine Meinung durchsetzt. Das finde ich gut. Er bleibt seiner Linie treu. Diese Geradlinigkeit findet man nicht mehr so häufig in diesem Geschäft, weil doch viele unter dem Druck von Medien, Öffentlichkeit, Vereinsverantwortlichen und auch Spielern ins Wanken geraten. Es wird immer schwerer für einen Trainer, ruhig etwas aufzubauen. Spätestens bei der zweiten Niederlage wird doch alles wieder in Frage gestellt.

Glauben Sie, Jürgen Klinsmann könnte sich für Ihre Rückkehr nach München interessieren?

Ich kenne seine Vorstellungen nicht, deswegen muss ich mich damit auch nicht beschäftigen.

Aber man könnte sich doch vorstellen, die Bayern holen zusammen mit dem gemeinsamen Sponsor Adidas den Kapitän der Nationalmannschaft zum Abschluss seiner Karriere für das Klinsmann-Projekt zurück nach München. Ist das keine aufregende Vorstellung?

Es ist für jeden deutschen Spieler interessant, mal beim FC Bayern München gespielt zu haben. Aber ich war schon dort und hätte natürlich damals auch gerne mit einem Ausnahmespieler wie Franck Ribéry zusammengespielt. Leider hat das zu meiner Zeit noch nicht geklappt.

Das Gespräch führte Michael Ashelm



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP, dpa, REUTERS

 

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