
Frauenfußball-Ikone Nia Künzer (l) und Matchwinnerin Conny Pohlers mit Pokal: egal, ob Platini kommt
25. Mai 2008 Um 16.25 Uhr hatte Tina Wunderlich nach einem merkwürdig langen Marsch bis hinauf zur Ehrenloge der Frankfurter WM-Arena den Uefa-Cup endlich in Händen. Die Spielführerin des 1. FFC Frankfurt stemmte den Pokal in die Höhe, den sich der deutsche beste deutsche Frauenfußball-Klub in den vorangegangenen 90 Minuten mit einem 3:2(1:0)-Sieg im Final-Rückspiel (Hinspiel 1:1) gegen den schwedischen Meister Umeå IK verdiente.
Von wem sie das edle Metallstück in die Arme gedrückt bekam, dürfte der 30 Jahre alten Spielerin, die bei allen drei bisherigen Siegen ihres Klubs im einzigen internationalen Wettbewerb des Frauen-Vereinsfußballs auf dem Feld stand, reichlich egal gewesen sein. Es war Gerhard Mayer-Vorfelder, der den Pott als Mitglied des Exekutivkomitees der Uefa übergab, und eben nicht der tagelang angekündigte Michel Platini. Der Uefa-Präsident sagte seinen Besuch in Frankfurt kurzfristig ab und setzte damit ausgerechnet beim mit 27.640 Zuschauern bestbesuchten Vereinsduell der Frauenfußballgeschichte im perfekten Rahmen der Frankfurter WM-Arena ein deutliches Zeichen für die noch immer ausbaufähige Wertschätzung des Wettbewerbs von Seiten des europäischen Fußballverbands.
Ein bisschen wie die beste Vereinsmannschaft der Welt
Platini verpasste deshalb ein intensives und spannendes Duell der beiden wohl besten Vereinsmannschaften der Welt. Die Frankfurterinnen wie ihre Gegnerinnen vom Polarkreis hatten den Uefa-Cup in seiner bislang sieben Jahre währenden Geschichte je zwei Mal gewonnen, nun liegt Frankfurt in dem inoffiziellen Wettbewerb der beiden Klubs in Führung. Wir fühlen uns jetzt auf jeden Fall ein bisschen wie die beste Vereinsmannschaft der Welt, sagte Matchwinnerin Conny Pohlers nach dem Spiel.
Die Nationalspielerin hatte in der 7. und 56. Minute katastrophale Abwehrschnitzer der schwedischen Innenverteidigung ausgenutzt und den Frankfurterinnen somit den entscheidenden Vorteil verschafft. Den dritten Treffer für den FFC, der zur Halbzeit die verletzte Stammtorhüterin Silke Rottenberg durch Stephanie Ullrich ersetzen musste, erzielte Petra Wimbersky mit einem direkt verwandelten Freistoß in der 72. Minute. Lisa Dahlqvist (72.) und Frida Östberg (84.) brachten die Gäste aus Umeå zwei Mal bis auf einen Treffer an den Pokal heran, in der Nachspielzeit hatten sie großes Pech, als Madelaine Edlund und die brasilianische Weltfußballerin Marta je einmal die Latte trafen.
Marta wurde zum Feindbild erkoren
Für Marta wäre der titelbringende Ausgleich eine besondere Genugtuung gewesen. Die Spielführerin der brasilianischen Nationalmannschaft wurde während des gesamten Spiels vom Frankfurter Publikum zum Feindbild erkoren, vermutlich das Schicksal der einzig auch einer breiteren Öffentlichkeit bekannten ausländischen Spielerin.
Es ist bedauernswert und passt nicht in diesen wundervollen Rahmen dieses Endspiels, wenn die weltbeste Spielerin während des gesamten Spiels ausgepfiffen wird, beschwerte sich Umeås Trainer Andrée Jeglertz nach dem Spiel und eröffnete damit eine brisante Debatte. Frankfurts Übungsleiter Hans-Jürgen Tritschoks erwiderte die Aussagen seines Kollegen mit Verweis auf angeblich provokatives Auftreten Martas. Marta ist eine exzellente Spielerin, dürfte aber in meinen Augen nicht zur Weltfußballerin gekürt werden, weil sie kein Vorbild ist, so wie sie sich im Spiel verhält.
Kein Preisgeld für die Uefa-Cup-Sieger
Während auf Frankfurter Seite trotz dieser unnötigen Diskussion am Ende im Glanze des nach einem Jahr Pause wieder für die eigene Vitrine zurückeroberten Uefa-Pokals eitel Sonnenschein herrschte, kritisierte Umeås Manager Roland Arnqvist die Uefa für den Stillstand bei der angestrebten Aufwertung des Wettbewerbs. Denn in der Zentrale in Nyon fristet der weltweit aufstrebende Frauenfußball noch immer ein - durch Platinis Absage mal wieder bestätigtes - Schattendasein, was der Verband auch mit weiteren Indizien belegt: Beim Bemühen um eine Aufwertung des Uefa-Pokal-Wettbewerbs, für den es bislang überhaupt kein Preisgeld gibt, ist der sonst gerne mal reformfreudige Verband in den Startlöchern stecken geblieben.
Wir sind in der Diskussionsphase, ließ Anne King, Frauenfußballbeauftragte der Uefa am Rande des Endspiels in Frankfurt wissen. Solche Trägheit stört Roland Arnqvist, den Manager vom weltweit erfolgreichsten Frauenfußballklub Umeå IK.
Charakter der Beiläufigkeit
Nicht nur in Deutschland, wo Franz Beckenbauer den Uefa-Pokal-Wettbewerb mit seinem Bonmot vom Cup der Verlierer in nachhaltigen Misskredit brachte, hat der Name den Charakter der Beiläufigkeit. Arnqvist, der sich nach der laufeden Saison von Umeå IK trennt, geht in seinen Forderungen indes noch viel weiter, wenn er ähnlich wie bei den Männern mehr Startplätze für die starken Ligen aus Deutschland, Schweden oder England fordert. Bislang bekommen nur die Landesmeisterinnen und die Titelverteidigerinnen einen Platz im Starterfeld. Für die sportliche wie wirtschaftliche Entwicklung des Frauenvereinsfußballs brauchen wir da mehr starke Teams.
Arnqvists Frankfurter Pendant Siegfried Dietrich, der sich gerne gut stellt mit den Großen unter den Fußballfunktionären und im Jubel lieber auf das von ihm tatsächlich großartig gestaltete Ambiente rund ums Endspiel verwies, gibt sich unterdessen deutlich zurückhaltender. Der Uefa-Cup ist ein junger Wettbewerb, da brauchen wir noch Geduld, sagt der Uli Hoeneß des deutschen Frauenfußballs. Außerdem wäre ein ausgedehnter Uefa-Cup wirtschaftlich wegen der zusätzlichen Auswärtsreisen noch gar nicht finanzierbar.
Lokale Autohäuser statt Global Player
Tatsächlich steckt die Vermarktung des Uefa-Cups noch in den Kinderschuhen. Auf den Sponsoren-Stellwänden der Uefa für das Finalrückspiel in Frankfurt standen Namen von regionalen Energieversorgern und Verkehrsbetrieben sowie lokaler Autohäuser, wo bei den Männern stets die Global Player Geld in die Vereinskassen spülen.
Bislang scheint die Uefa kein sonderliches Interesse daran zu haben, den ein oder anderen Sponsor aus dem Männerwettbewerb auch für das schwache Geschlecht zu begeistern. Dabei könnte die Uefa mit einem winzigen Bruchteil aus den Gewinnen des Männerwettbewerbs den gesamten Frauenwettbewerb finanzieren, sagt Umeås Manager Arnqvist. Der Weg zu einer Königinnenklasse mit dem Charakter der Champions League scheint da noch sehr weit.
Text: FAZ.NET
Bildmaterial: AP, dpa, REUTERS