Adidas-Chef Hainer im Gespräch

„Der DFB hat mich verblüfft“

02. Februar 2007 Herbert Hainer, der Vorstandschef des Sportartikelkonzerns Adidas, hat in diesen Tagen seine Sorgen mit den Amerikanern. Zum einen ist da der Weltmarktführer Nike, der Adidas auf dem Heimatrevier angreift. Nike will Adidas den Sponsorenvertrag mit der deutschen Fußball-Nationalmannschaften wegschnappen. Die Amerikaner wollen von 2011 an für acht Jahre Ausrüster der deutschen Teams werden - und dafür 500 Millionen Euro an den Deutschen Fußball-Bund (DFB) bezahlen.

Das wäre im Jahr rund ein Sechsfaches dessen, was Adidas ausgibt. Adidas und der DFB sind sich uneins, ob sie einen Vertrag über 2011 hinaus haben oder nicht. Sorgen macht Adidas auch die eigene amerikanische Tochtergesellschaft Reebok. Vor fast genau einem Jahr hat Adidas die Übernahme von Reebok für 3,1 Milliarden Euro abgeschlossen. Die Geschäfte bei Reebok laufen aber schlecht, vor allem in Amerika. Und seit der Übernahme hat sich die Lage zugespitzt.

Herr Hainer, waren Sie überrascht, als der DFB auf einmal das Angebot von Nike als Ausrüster für die Nationalmannschaft aus dem Hut zauberte?

Ich war verblüfft. Nach meiner festen Überzeugung haben wir einen gültigen Vertrag mit dem DFB. Ich selbst und DFB-Präsident Theo Zwanziger waren dabei, als das abgemacht wurde, und einen Tag später haben wir eine Pressemitteilung herausgegeben. Danach sollten - so wie das üblich ist - die Anwälte beider Seiten die schriftlichen Verträge ausarbeiten. In diesen Prozess ist Nike hineingeplatzt.

Reicht das, um von einem gültigen Vertrag zu sprechen?

Gehen Sie davon aus, dass wir uns von Rechtsexperten beraten lassen, bevor wir eine Meinung in der Öffentlichkeit abgeben. Und unsere Meinung ist, wir haben einen Vertrag.

Das Rechtsgutachten des DFB kommt zu einer anderen Auffassung ...

... und wir werden uns jetzt dieses Gutachten genauer ansehen und in den nächsten beiden Wochen eine Antwort geben.

Und wenn Sie zu einem anderen Schluss kommen als das Gutachten?

Dann gibt es ein Schiedsverfahren.

Stockt Adidas das DFB-Angebot auf?

Das ist im Moment nicht das Thema.

Glauben Sie, dass Nike Sie nur zu einem höheren Angebot treiben will?

Es gibt solche Spekulationen. Aber wenn die ein Angebot machen, müssen sie natürlich auch damit rechnen, das Geld am Ende auf den Tisch legen zu müssen.

Ihr Neuerwerb Reebok kommt nicht auf die Beine. Haben Sie die Schwierigkeiten hier unterschätzt?

Wir haben von vornherein gewusst, dass Reebok in manchen Ländern wie Amerika nicht die beste Reputation hat. Dann kam aber die Schwäche in einigen Bereichen hinzu, die für Reebok besonders wichtig sind: Basketball- und Freizeitschuhe zum Beispiel. Das war nicht vorherzusehen, und das kann sich auch wieder drehen.

Würden Sie Reebok noch mal kaufen?

Ich würde Reebok absolut wieder haben wollen. Ich bin fest davon überzeugt, dass die Marke Potential hat. Auch Adidas steckte in den neunziger Jahren in einer schweren Krise, und sehen Sie sich an, wo wir heute stehen. Es gibt keinen Grund, warum Reebok nicht genauso eine Wende schaffen sollte. Beim Preis ist es müßig zurückzublicken. Die Gelegenheit hat sich nun einmal zu diesem Zeitpunkt und zu diesem Preis geboten.

Wann geht es wieder aufwärts?

Ich denke, im ersten Halbjahr 2007 wird es noch einen Umsatzrückgang geben, im zweiten Halbjahr wird es aber ins Plus drehen. Insgesamt sollten wir am Ende einen kleinen Umsatzzuwachs schaffen. Das gilt weltweit. In Amerika werden wir wohl erst 2008 auf den Wachstumskurs zurückkehren. Erst bis dahin können wir die Produktpalette von Reebok richtig umkrempeln.

Sie haben eine Kampagne vorgestellt, die klar auf den Breitensport und damit ein Massenpublikum abzielt. Das scheint nicht gerade ein Weg, Reebok zu einer begehrteren Marke zu machen.

Aber nicht einmal eine Marke in der Größenordnung von Adidas kommt daran vorbei, die Masse zu bedienen. Lassen Sie mich den Unterschied so ausdrücken: Die Marke Adidas steht für Leute, die eine Goldmedaille wollen, bei Reebok ist das Teilnehmen das Wichtigste. Adidas wird immer einen Schuh mit der neuesten Technik haben, der die Menschen noch schneller werden lässt. Bei Reebok ist es eher egal, wie schnell man mit den Schuhen ist.

Das klingt nicht nach Sex-Appeal ...

... es ist aber nicht unbedingt etwas Schlechtes. Wenn sich Reebok-Schuhe vor allem dadurch auszeichnen, dass sie gut passen und beim Laufen bequem sind, dann ist auch das etwas, wofür Leute mehr Geld bezahlen.

Aber hatte Reebok als Marke früher nicht einmal größere Ambitionen?

Das mag schon sein, aber diese Ansprüche haben sich eben nicht erfüllt. Reebok ist mit seiner Strategie früher zu sehr hin- und hergesprungen. Einmal haben sie sich im Fußball engagiert, dann wieder nicht. Es gab kein einheitliches Bild beim Verbraucher.

Reebok ist also ein Massenschuh, aber ohne Billigimage. Welche Preise stellen Sie sich denn künftig bei Reebok vor?

In Amerika sollten wir uns vor allem im Korridor zwischen 50 und 100 Dollar bewegen. Deshalb werden wir trotzdem auch Schuhe für 39 Dollar im Programm haben, aber auch welche für mehr als 100 Dollar. Im Moment verkaufen wir einen Großteil unserer Schuhe für 29 Dollar. Das muss aufhören.

Wann werden Sie zum ersten Mal stolz von Ihrem Neuerwerb Reebok sprechen können?

Ich denke im Jahr 2008 werden viele Leute sagen, sie hätten nicht gedacht, dass Reebok so schnell so gut dasteht.

Reebok droht also nicht das gleiche Schicksal wie dem Wintersportausrüster Salomon, den Sie ein paar Jahre nach der Übernahme wieder verkauft haben?

Auf keinen Fall. Im Übrigen will ich darauf hinweisen, dass wir nur die Wintersportaktivitäten wieder verkauft haben und nicht das ganze Unternehmen Salomon. Die damals mitübernommene Golfmarke Taylor Made haben wir behalten, und die läuft gut. Reebok ist ein völlig anderer Fall als Salomon. Der Wintersport war nicht unser Metier, und ich persönlich hatte nie einen großen Glauben daran. Reebok dagegen ist genau das Geschäft, das wir bei Adidas seit Jahrzehnten machen. Hier kennen wir uns aus.

Das Gespräch führte Roland Lindner.



Text: F.A.Z., 03.02.2007, Nr. 29 / Seite 14
Bildmaterial: ddp

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