Karlheinz Feldkamp im Gespräch

„Ich mache das nicht aus Leichtsinn“

19. Juli 2007 Karlheinz Feldkamp ist zurück im Geschäft. Der inzwischen 73 Jahre alte Fußballtrainer heuerte bei Galatasaray an. Gegenwärtig testet er seine Mannschaft gegen deutsche Teams. Gegen Zweitligaklub Köln (0:0) und Regionalligaverein Fortuna Düsseldorf (1:1) kam der türkische Rekordmeister aber jeweils nicht über Unentschieden hinaus. Feldkamp spricht im F.A.Z.-Interview über seine Rückkehr nach Istanbul, türkische Besonderheiten und seinen Spielmacher Lincoln.

Haben Sie es schon bereut, mit 73 noch einmal bei Galatasaray begonnen zu haben? Oder wirkt die Arbeit wie ein Jungbrunnen?

Wenn es ein Jungbrunnen wäre, wäre ich ja jetzt 72. Nein, ich denke darüber nach, ob irgendwann der Verschleiß einsetzt. Ob ich den Level, den ich habe, halten kann. Es ist wie bei einem Spieler: Im höheren Alter benötigt man längere Erholungsphasen, Verletzungen dauern länger. Ich werde darauf achten, dass ich mich richtig ernähre, werde auch mein Privatleben darauf abstellen, damit ich meine Substanz nicht verliere.

Wie fühlen Sie sich im Moment? Aufgekratzt wie ein altes Schlachtross vor dem Gefecht oder erfüllt von der Abgeklärtheit des Alters?

Lassen Sie die Militärsprache weg, die mag ich nicht. Ich habe das Gefühl, auf ein Ziel hinzuarbeiten. Bis jetzt ist es so verlaufen, dass ich denke, dass der Einstieg das Schwerste ist. Beim ersten Training hatte ich 36 Spieler, daraus soll ich in kürzester Zeit 24 machen, entscheiden, der ist gut, der kann weg. Dann haben wir die ersten fünf Heimspiele ohne Zuschauer (wegen Ausschreitungen in der letzten Saison, die Red.), das ist das Schlimmste. Da kann ich auch als erfahrener Trainer auf nichts zurückgreifen, das hatte ich noch nie. Wir werden auf jeden Fall ein paar Trainingsspiele ohne Zuschauer bestreiten, damit sich die Spieler an das Gefühl gewöhnen.

Nerven Sie die Fragen nach Ihrem Alter?

Ich bin nicht empfindlich. Ich frage mich nur, ob die Fragen aus Besorgnis oder Neid herrühren. Manchmal lache ich darüber.

Bei vielen wird es das blanke Interesse sein. Wieso tun Sie es sich noch mal an, nach acht Jahren Pause sich den Belastungen des Profifußballtrainers zu stellen?

Weil der Reiz da ist, noch mal etwas bewegen zu können. Ich mache das nicht aus Leichtsinn. Ich muss nicht mehr arbeiten, ich habe keine Existenzangst. Mit meiner Frau wog ich in Ruhe die Chancen und Risiken ab: Was kann ich eigentlich verlieren? Ich habe kürzlich einen Artikel über einen achtzigjährigen Dirigenten gelesen. Der stellt sich die Frage, ob er sich freiwillig in den Sarg legen oder eben das weitermachen soll, was er am besten kann. Er hat sich für die zweite Möglichkeit entschieden. So sehe ich das auch.

Mit welchem Argument hat Sie Galatasaray-Präsident Canaydin überzeugt, wieder anzufangen?

Sagen Sie nicht Präsident, sagen Sie Präsidium, es besteht aus 15 Personen. Elf waren für meine Verpflichtung, vier dagegen. Für mich waren die Ernsthaftigkeit und die Termintreue von Galatasaray entscheidend. Der Klub hat mir ganz offen Ende Februar seine Situation dargestellt und gefragt: In welcher Funktion könntest du dir vorstellen, bei uns zu arbeiten? Wie versprochen meldeten sie sich Ende März wieder und fragten: Was ist nun mit dir? Diese Konsequenz hat mir imponiert. Natürlich hatte ich mich in der Zwischenzeit über die Situation im Klub genauer informiert. Die Bedingungen sind sehr gut. Sie wurden in der vergangenen Saison als Dritter der Meisterschaft unter Wert geschlagen, da gibt es sehr gute Möglichkeiten für eine Verbesserung.

Magath und viele andere bringen die Assistenten ihres Vertrauens mit, Sie übernehmen den Trainerstab. Wieso?

Ich habe auch schon früher keine Assistenten mitgenommen, sondern immer die alten übernommen. Wenn es nicht funktionierte, habe ich nach sechs Wochen ausgetauscht. Bei Galatasaray habe ich unter den 15 türkischen Trainern, die schon da waren, die ausgesucht, für die es ein Aufstieg bedeutete, mit mir zu arbeiten. Wenn ich schon Probleme mit der Sprache habe, müssen sie die Physios, der Assistent und der Torwarttrainer nicht auch noch haben. Ich habe lieber ein Problem als vier Probleme. Meinen Co-Trainer Ahmet Akcam kenne ich seit Jahren, ihm habe ich schon vor langem angeboten, „Kalli“ zu mir zu sagen. Aber er bringt es nicht über die Lippen, für ihn bin ich eine Respektsperson.

Hat Sie die Mannschaft wegen Ihres Alters und Ihrer langen Arbeitspause mit Skepsis empfangen, sozusagen als zweitbeste Lösung?

Zweitbester Trainer? Die Formulierung nehme ich gar nicht an. Ich frage sie nicht danach, und sie müssen mich auch nicht fragen. Egal, ob Fußballprofis den jüngsten oder den ältesten Trainer bekommen, sie sind neugierig auf ihn. Sie suchen ihren Vorteil bei ihm und testen, wie sie ihn kriegen: durch Worte oder mit ihrem Fußballspiel.

Was war Ihre erste Maßnahme bei Galatasaray?

Wenn ein neuer Trainer kommt und einige neue Profis, bei deren Verpflichtung er schon mitgewirkt hat, fürchten die Spieler, die schon da waren, um ihren Platz. Deshalb habe ich als Erstes mit den türkischen Spielern eine längere Sitzung gehabt, ihnen erklärt, worauf ich baue und was ich erwarte. Ich habe ihnen gesagt, dass sie den Vorteil gegenüber den Neuen haben, den Verein, den Platz und die Liga zu kennen. Und ich habe ihnen gesagt, wenn ihr besser seid als im letzten Jahr, haben die Neuen keine Chance, euch zu verdrängen. Notfalls schicke ich die Neuen sogar nach Hause zurück.

Wieso wollten Sie nur in der Türkei einen Neuanfang wagen?

Weil ich mich im Gegensatz zu Italien im türkischen Fußball über Jahre bewegt habe. Ich habe Kolumnen für eine Zeitung geschrieben und ständig Spiele beobachtet, unter anderem acht EM-Qualifikationsspiele der Nationalmannschaft. Ich kenne die Infrastruktur, die Schiedsrichter, die Vereine, die Gesetze des Verbandes.

Wieso reizt Sie die Bundesliga nicht mehr?

Weil ich da alles erreicht habe. Ich will den positiven Eindruck, den ich dort hinterlassen habe, in mein Leben nach dem Fußball hinübernehmen.

Sind türkische Mannschaften leichter zu trainieren als deutsche?

Nein, nein, nein, es herrscht die gleiche Mentalität. Es herrscht großer Ehrgeiz, eine wahnsinnige Rivalität untereinander.

Passen Sie mit Ihrer unbequem offenen Art überhaupt in die Türkei? Die Spieler sollen leicht beleidigt sein.

Da wurde ich falsch zitiert. Ich sagte, sie sind im Umfeld leicht verwöhnt. Wenn ihre Badelatschen zwei Meter entfernt liegen, dann würden sie sie nie selbst holen, sondern den Zeugwart rufen. Sie sind alle wirtschaftlich abgesichert, haben hervorragende Verträge. Und die Presse macht sie noch schneller als in Deutschland nach drei, vier guten Leistungen zu europäischen Spitzenfußballern. Die Substanz ist da, um in der europäischen Spitze mitzuspielen. Aber sie wird nicht richtig ausgenutzt. Das enttäuscht mich. Im Training zeigen die Spieler alle Veranlagungen. Aber sie freuen sich auch über eine tolle Aktion. Egal, ob es was gebracht hat oder nicht. Das ist eine Mentalitätsfrage, das müssen wir abstellen. Im Spiel gibt es oft Szenen, die spektakulär aussehen, aber der Mannschaft nicht weiterhelfen. Die Fans applaudieren trotzdem. Wer in Deutschland einen Fehlpass fabriziert, wird ausgebuht. Hier wird vielleicht sogar noch gejubelt, weil der Ball mit der Hacke gespielt wurde. Wie soll der Spieler da erkennen, dass er etwas falsch gemacht hat? Da muss ich ansetzen. Das ist meine Aufgabe.

Worin unterscheidet sich der Trainer Feldkamp mit 73 von dem mit 53 oder 63?

Ich habe gelernt, einige Dinge zu delegieren. Ich stehe zwar bei jeder Übung auf dem Platz und sehe sie mir an. Aber vieles lasse ich meine Assistenten vormachen. Ich zeige nicht mehr, wie der Flugkopfball geht oder gehe nicht mehr in den Mann, um das richtige Stellungsspiel im Zweikampf zu demonstrieren. Das machen die jungen Leute. Am Abend sage ich dann, danke schön, das habt ihr gut gemacht oder ich korrigiere sie. Ich höre auch aufmerksamer hin, was die Ärzte und Physios sagen. Wenn du dich nicht weiterbilden willst, akzeptieren dich nicht mal die Enkelkinder. Wenn ich in Marbella Tennis gegen meinen 16 Jahre alten Enkel spiele, habe ich keine Chance mehr. Aber 1:1 auf einem kleinen Fußballfeld mit kleinen Toren, da muss er immer noch aufpassen.

Sie galten schon in den Neunzigern als Verfechter altmodischer Methoden. Befürchten Sie, nach acht Jahren Pause nicht mehr auf dem letzten Stand der Trainingslehre zu sein?

Was heißt altmodisch? Ich habe zusammen mit Erich Ribbeck als Erster das Auslaufen nach dem Spiel eingeführt. Otto Rehhagel wirkt mit seiner Methodik auf manche altmodisch, aber zeigen Sie mir den jungen Trainer, der größere Erfolge als er gefeiert hat. Ich lasse mich in kein Klischee pressen. Ich bin offen für Neues, aber an ein paar Grundsätzen wird keiner rütteln können. Für mich fängt das Fußballspiel an, wenn ich den Ball habe. Also kann ich ohne Zweikämpfe kein Spiel gewinnen. Ich werde nur schwer davon zu überzeugen sein, dass dies von einem System ersetzt werden kann. Wenn ich so ein Angebot wie von Galatasaray nach Abschluss der Laufbahn noch einmal kriege, dann kann ich nicht so falschliegen. Dann muss ich mir was erarbeitet haben, worauf ich stolz sein kann.

Sie bezeichnen als einer von wenigen Ihren von Schalke verpflichteten Spielmacher Lincoln als tollen Typ. Sind Sie blauäugig, oder irren sich die anderen, die ihn als kapriziös bezeichnen?

Ich bin nicht blauäugig, da hat man einen Satz aus dem Zusammenhang gerissen. Ich sagte: Er ist ein toller Typ, so wie er sich in den ersten Wochen verhalten hat. Auf den Hinweis eines Journalisten, Lincoln habe noch in jedem Verein nach spätestens zwei Jahren Schwierigkeiten gemacht, habe ich geantwortet: Dann lasst uns die zwei Jahre genießen. Lincoln ist ein großartiger Spieler, er hat Kaiserslautern mit geführt und Schalke bis sechs Wochen vor der Meisterschaft mit geprägt. Wenn Lincoln und ich nach zwei Jahren immer noch in Istanbul sind, dann haben wir erfolgreich gearbeitet.

Das Gespräch führte Peter Heß.



Text: F.A.Z., 19.07.2007, Nr. 165 / Seite 30
Bildmaterial: dpa, picture-alliance/ dpa

 
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