08. Februar 2007 Das neue Jahr hat für die deutsche Fußball-Nationalmannschaft verheißungsvoll angefangen. Gegen die Schweiz glückte am Mittwoch in Düsseldorf ein über weite Strecken überzeugend herausgespielter 3:1-Erfolg durch Kopfballtreffer des Rückkehrers Kevin Kuranyi (8. Minute) und des Debütanten Mario Gomez (30.) sowie ein Freistoßtor von Torsten Frings (66.). Für die Schweiz war Streller (71.) erfolgreich.
Das schwäbische Sturmduo überzeugte bei seinem ersten gemeinsamen Auftritt wie Kapitän Michael Ballack, der nur eine Halbzeit dabei war, Frings und sein Bremer Kollege Clemens Fritz. (Siehe auch: Spieler in der Einzelkritik: Ballack stark - Kuranyi gefährlich) Die deutsche Abwehr, erstmals wieder in der WM-Formation aufgeboten, leistete sich beim Schweizer Gegentor indes Schnitzer. Mit dem Schwung von 2006 haben wir jetzt auch wieder begonnen. Die ersten 60 Minuten haben wir Vieles sehr gut gemacht, danach hat man aber gemerkt, dass die Spieler noch nicht ganz in ihrem Rhythmus sind, sagte Bundestrainer Joachim Löw.
Überzeugende Schwaben
Ein Jahr vor dem nächsten großen Sommerfest des Fußballs gegen einen der beiden Gastgeber der EM-Endrunde 2008 zu spielen, das hat immer seinen Reiz. Zumal der schweizerische Verbandstrainer Jakob Kuhn oft hervorgehoben hat, dass er und seine Eidgenossen, die mit zunächst vier Bundesliga-Profis begannen, dann den Titel erobern wollen. Im 49. Duell der beiden Nachbarn am Mittwochabend vor 51 000 Zuschauern in der ausverkauften Düsseldorfer Arena waren aber die Deutschen wie fast immer der Favorit in dieser Begegnung unter Vertrauten.
Das heimische Publikum konzentrierte sich vor allem auf die Bewährungsprobe des zweiten Sturms. Podolski gesperrt, Klose wegen einer Daumenverletzung abgereist, da blieb genug Platz für zwei Schwaben: Rückkehrer Kevin Kuranyi war nach 15 Monaten Nationalmannschaftspause mal wieder erste Wahl; neben dem 24 Jahre alten Schalker griff Mario Gomez, sein 21 Jahre alter Nachfolger beim VfB Stuttgart, bei seiner Premiere an. Ein Déjà-vu-Erlebnis für die Fans gab es mit den beiden bewährten Innenverteidigern der Weltmeisterschaft. Löw konnte endlich wieder Per Mertesacker und Christoph Metzelder, der eine nach der WM kürzer, der andere länger verletzt, vertrauen. Verzichten musste Löw dagegen auf den Leverkusener Bernd Schneider, dem eine Fußprellung zu schaffen machte. Für ihn versuchte sich der Bremer Clemens Fritz auf der vorderen rechten Mittelfeldposition.
Kuranyi: Habe sehr viel gelernt
Und zwar mit großem Erfolg. Der frühere Stürmer und offensive Flügelmann avancierte in den ersten 45 Minuten neben Ballack, der zur Pause mit einer Oberschenkelzerrung in der Kabine blieb, Frings und den beiden Stürmern zu einem der besten Spieler in der meist dominierenden, manchmal zuwartenden deutschen Mannschaft. Auch Bundestrainer Löw lobte Fritz: Er hat auf der rechten Seite viel Druck gemacht. Es gab auch Phasen der Zurückhaltung im Spiel der Deutschen, aber das war an diesem Abend nicht weiter schlimm. Zu harmlos präsentierten sich Kuhns wackere Mitstreiter, die mit nur einer Spitze, dem Dortmunder Frei, auszukommen glaubten.
Wie Fußball rasant, wuchtig und entschlossen gespielt wird, demonstrierten die Deutschen bei den beiden ersten Treffern. Kuranyi, der so agierte, als hätte er nie eine Krise hinter sich bringen müssen, wurde beim 1:0 (8. Minute) zum Nutznießer der Vorarbeit seiner Mittelfeldchefs. Frings' Freistoß wurde zum Fall für Ballack; dessen Kopfball parierte Torhüter Benaglio; den von der Latte zurückprallenden Ball beförderte Kuranyi ebenfalls per Kopf zur deutschen Führung ins Netz. Es war sein 15. Treffer für Deutschland im 36. Einsatz. Dabei zog sich der Schalker Stürmer eine Platzwunde an der Stirn zu und musste an der Seitenlinie behandelt werden. Einige Schweizer erinnerten sich noch: Derselbe Kuranyi hatte beim letzten Aufeinandertreffen mit den Deutschen im Juni 2004 beide Tore zum 2:0-Sieg erzielt. Ich habe sehr viel gelernt in der Zeit, in der ich nicht im Team war, sagt Kuranyi nach seinem erfolgreichen Comeback.
Deutschland ohne Stürmerprobleme
Was der auffällig durchsetzungsfähige Kollege Kuranyi vormachte, konnte der junge Gomez auch. In der 30. Minute machte sich der 1,90 Meter lange Stuttgarter ganz klein, um Fritz'-Flanke optimal im Tiefparterre zu erwischen. Sein Kopfball rauschte nur so zum 2:0 ins schweizerische Tor. Spätestens jetzt wusste Löw, was er sowieso geahnt hatte: dass ihn ein Stürmerproblem bis auf weiteres nicht plagen wird.
Mit beherzten und für die Schweiz bedrohlichen Attacken starteten die Deutschen auch in die zweite Hälfte, in der Borowski anstelle von Ballack den Schwung im Spiel hoch hielt. Für den guten Gomez kam das Spielende schon nach 58 Minuten, weil der Bundestrainer auch noch dem Wolfsburger Stürmer Hanke eine Chance geben wollte. Die endlich mit zwei Angreifern ihr Glück suchenden Schweizer versprachen sich in diesen Minuten so etwas wie eine gründliche Blutauffrischung, da Kuhn gleich vier seiner Kicker aus- und einwechselte. Es half ihm zunächst nichts, denn den nächsten Treffer schossen wieder die Deutschen. Frings war der Schütze (66.) mit einem direkt verwandelten, aber haltbaren Freistoß. Dann war doch noch die Schweiz an der Reihe. Der Stuttgarter Streller profitierte von Unaufmerksamkeiten bei Lahm und Mertesacker (71.).
Der 3:1-Sieg für den WM-Dritten spiegelte die Verhältnisse angemessen. Das sah auch der Schweizer Trainer Jakob Kuhn so: Eine gute deutsche Mannschaft hat uns heute die Grenzen aufgezeigt. Wir müssen in allen Bereichen noch viel arbeiten.
Deutschland - Schweiz 3:1 (2:0)
Deutschland: Lehmann (FC Arsenal/37 Jahre/43 Länderspiele) - Arne Friedrich (Hertha BSC/27/49), Mertesacker (Werder Bremen/22/30), Metzelder (Borussia Dortmund/26/29), Lahm (Bayern München/23/31) - Fritz (Werder Bremen/26/4), Frings (Werder Bremen/30/65 - 74. Hitzlsperger/VfB Stuttgart/24/21), Ballack (FC Chelsea/30/76 - 46. Borowski/Werder Bremen/26/29), Schweinsteiger (Bayern München/22/42 - 74. Jansen/Bor. Mönchengladbach/21/12) - Gomez (VfB Stuttgart/21/1 - 58. Hanke/VfL Wolfsburg/23/11), Kuranyi (FC Schalke 04/24/36 - 83. Schlaudraff/Alemannia Aachen/23/2)
Schweiz: Benaglio (Nacional Funchal/23/5) - Philipp Degen (Borussia Dortmund/23/24), Senderos (FC Arsenal/21/17), Grichting (AJ Auxerre/27/12), Magnin (VfB Stuttgart/27/39 - 59. Dzemaili/FC Zürich/20/6) - Vogel (Betis Sevilla/29/94 - 58. Streller/VfB Stuttgart/25/19) - Behrami (Lazio Rom/21/8), Yakin (Young Boys Bern/29/53 - 58. Vonlanthen/Red Bull Salzburg/21/19), Margairaz (FC Zürich/23/8 - 78. Inler/FC Zürich/22/4), Barnetta (Bayer Leverkusen/21/21 - 70. David Degen/Borussia Mönchengladbach/23/5) - Frei (Borussia Dortmund/27/54 - 58. Spycher/Eintracht Frankfurt/28/27)
Schiedsrichter: Bossen (Niederlande)
Zuschauer: 51.333 (ausverkauft)
Tore: 1:0 Kuranyi (7.), 2:0 Gomez (30.), 3:0 Frings (66.), 3:1 Streller (71.)
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP, ddp, dpa, REUTERS