VfB unterliegt Barcelona

Zauberer und Lehrlinge

Von Roland Zorn, Stuttgart

Gomez (r.): “So langsam kotzt mich das an“

Gomez (r.): "So langsam kotzt mich das an"

03. Oktober 2007 Auf derart hohem Niveau würde Armin Veh auch gern mal klagen. Frank Rijkaard, zu seiner aktiven Zeit die personifizierte Ordnungsmacht in der niederländischen Nationalmannschaft und beim AC Mailand, wollte am Dienstag erst gar keine Lobeshymnen anstimmen. Der 2:0-Sieg in der Champions-League-Gruppe E beim deutschen Meister VfB Stuttgart war für den Tabellenführer FC Barcelona zu alltäglich, um daraus ein freudiges Ereignis zu machen (Siehe auch: Alle Champions-League-Spiele auf einen Blick).

Also pickte sich der holländische Trainer der katalanischen Starmannschaft das seiner Ansicht nach Bedenkliche aus den neunzig Minuten heraus und bekrittelte die Überheblichkeit in seinem Künstlerkollektiv. „Es gab sehr viel Bewegung bei uns, sehr viele Dribblings, sehr viele Doppelpässe, aber dabei haben wir es nicht geschafft, ein Tor zu erzielen.“ Also schien Rijkaard die Gelegenheit günstig, seine Zauberer auf die nüchterne Realität ihres Spiels hinzuweisen: „Große Spieler haben ein Problem: Sie denken, dass sie schön spielen müssen und irgendwann das Tor von allein fällt.“

Ronaldinhos seltene Geistesblitze

Ein Segen, dass Rijkaards Ballartisten nicht immer auf ihren Coach zu hören scheinen. Ein bisschen zweckfreie Magie tut dem viel zu oft nach Schwerarbeit ausschauenden Fußball gelegentlich ganz gut. Barcelona hat für diese Übung (noch) den vom berauschenden Megastar zum gelegentlich glänzenden Selbstdarsteller geschrumpften Ronaldinho in seinen Reihen. Der Brasilianer ärgerte den VfB Stuttgart mit seinen seltenen Geistesblitzen noch am wenigsten.

Der Franzose Thierry Henry, im Sommer vom FC Arsenal zum FC Barcelona gewechselt, nahm an diesem lauen Dienstagabend schon öfter bedrohlich Fahrt auf - vor allem, wenn er mit dem Argentinier Lionel Messi, dem Überflieger der Saison im Weltfußball (Siehe auch: FC Barcelona: Ronaldinho in Messis Schatten zum Hinterbänkler), unternehmungslustig Kontakt aufnahm. Dann nämlich verwandelten sich die für die Schwaben sowieso schon verwirrenden Kombinationen des Ensembles für Fußball-Genießer in Turbo-Attacken. Messi im Laufschritt zu Henry, der zack, zack zurück zum auf und davon gestürmten Messi, und es stand 2:0 für die um eine ganze Klasse bessere Mannschaft an diesem Abend mit demonstrativen Zügen (67. Minute).

Sehnsucht auf ein kleines Fußballwunder

Später suchte Rijkaards Kollege Veh nach dem Positiven in dieser Begegnung zwischen Champion und Meisterlehrling. „Auch diese Niederlage“, stellte Veh im Zeichen der Hoffnung auf bessere Tage fest, „kann Selbstvertrauen geben. Den Willen kann ich meiner Mannschaft nicht absprechen. Ich bin zufrieden mit der Leistung in unserer Situation.“ Diese Situation ist alles andere als komfortabel - in der Bundesliga, in der Stuttgart derzeit nur Zehnter ist, und in der Champions League, in der der VfB nach zwei Begegnungen ohne Punkt, aber nicht ohne Zuversicht dasteht.

Zumindest durften sie rund um das mit 51.000 Zuschauern natürlich ausverkaufte Gottlieb-Daimler-Stadion noch mit mehr - also mit zwei Siegen gegen Olympique Lyon und einem Heimerfolg über die Glasgow Rangers - rechnen, nachdem sich die Sehnsucht auf ein kleines Fußballwunder wie weiland 2003 nicht erfüllt hatte.

Damals hatte der VfB Stuttgart bei seiner Stippvisite in der „Königsklasse“ daheim beim 2:1 über Manchester United eine Gala gefeiert. Und auch diesmal hätte es ein Abend zur Legendenbildung werden können. Letztlich jedoch konnte Vehs Aufgebot das Format, das die Mannschaft in den letzten zwanzig Minuten vor der Pause bewiesen hatte, ganz und gar nicht halten. Die zweite Hälfte war wie zuletzt in der Bundesliga von Mühsal statt von Leichtfüßigkeit, von Mangel an Phantasie statt von einem Schuss Extraesprit, von Zaghaftigkeit statt von Mut vor Europas Fußballthronen gekennzeichnet. So kommt der VfB weder in der heimischen noch in der europäischen Spitzenklasse voran.

Barcelona ohne Hochglanzpolitur

Dass der Anfang vom Stuttgarter Ende mit einem Führungstreffer für Barcelona gekommen war, dem so gar nichts ästhetisch Wertvolles anhaftete, war Ironie des Schicksals. Nach einem Eckball des exzellenten Deco kam Ronaldinho, in dieser Übung wahrlich kein Weltmeister, unbedrängt zum Kopfball, Gomez versperrte dem guten Schäfer im Stuttgarter Tor auch noch die Sicht, und Innenverteidiger Puyol stocherte den Ball in bester Bundesliga-Grätschmanier über die Linie (53.). Das ärgerte den deutschen Halbspanier und Barça-Fan Mario Gomez, der bei den besten Stuttgarter Gelegenheiten zweimal per Kopf an Torhüter Valdés gescheitert war (33.), gewaltig: „Wir pennen zum x-ten Mal bei Standardsituationen. Ich weiß nicht, ob es an Überheblichkeit liegt, aber so langsam kotzt mich das an.“

Nach diesem Blackout gingen beim VfB jedenfalls alle vorher noch blinkenden Lampen aus, und auch der FC Barcelona hatte schließlich keine Lust mehr auf sein Spiel bei dieser locker bewältigten Pflichtaufgabe. Der VfB, der die verletzten Stammkräfte Hitzlsperger und Delpierre sehr vermisst und auf ein munteres Lebenszeichen der Neu-Stuttgarter Bastürk, Ewerthon und Marica noch immer wartet, hatte seine lichten Momente, schleppt aber sein Sorgenpaket weiter mit sich herum.

Der FC Barcelona gewann locker, aber ohne Hochglanzpolitur. Frank Rijkaard war's recht, konnte er seine Stars so wenigstens auch mal wieder zur Ordnung rufen. Erzieherische Appelle aus der Luxus-Abteilung. Kollege Veh musste dagegen, was brauchbar war, noch schöner reden. Am Samstag kommt Hannover 96 ins Daimler-Stadion, da ist frisches Selbstbewusstsein vonnöten. Ob die Begegnung mit den Übergrößen aus Barcelona wirklich so viel Mut gemacht hat, wie Veh nach dem Spiel hoffte, darf fürs Erste bezweifelt werden.

VfB Stuttgart - FC Barcelona 0:2 (0:0)
VfB Stuttgart: Schäfer - Osorio (63. Marica), Tasci, Fernando Meira, Boka - Pardo - Hilbert, Farnerud (76. Magnin), Khedira (76. Meißner) - Gomez, Cacau
FC Barcelona: Valdés - Oleguer, Thuram, Márquez (7. Puyol/64. Sylvinho), Abidal - Xavi, Iniesta, Deco - Messi, Henry, Ronaldinho (82. Bojan Krkic)
Schiedsrichter: Hansson (Schweden)
Zuschauer: 51.300 (ausverkauft)
Tore: 0:1 Puyol (53.), 0:2 Messi (67.)
Gelbe Karten: - / Messi



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP, ddp, dpa, REUTERS

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