Von Roland Zorn, Basel
26. März 2008 Licht aus, Werbespot an, und schon stehen Joachim Löw, der Fußball-Bundestrainer, und Michael Ballack, sein Kapitän, auf dem Gipfel. Alpenabenteuer heißt das Leitmotiv des PR-Filmchens, mit dem der Hauptsponsor der Nationalmannschaft seine Hoffnungen auf die Eroberung der Europameisterschaft überschrieben hat. Man sieht darin verwegene Gestalten, die nach anstrengender Kletterpartie mit Seil und Haken ihr höchstes Ziel erreicht haben. Achtung, Symbolik: Auch so sollen die Deutschen zwei Jahre nach der sommermärchenhaften Weltmeisterschaft im eigenen Land auf die EM zu Gast bei Nachbarn eingestimmt werden.
Doch auf Sätze, die nach großem Kino klingen, hatte Ballack rund zwei Monate vor dem Turnierbeginn in Österreich und der Schweiz am Dienstag in Basel keine Lust. Aus dem schnauzbärtigen Alpenabenteurer der Leinwand war der ein wenig unrasierte, skeptische Gegenwartsrealist geworden. Gelächelt hat der bei anderen Gelegenheiten oft smarte Sachse bei seinem letzten öffentlichen Auftritt vor dem Länderspiel gegen die Schweiz an diesem Mittwoch (20.45 Uhr / Live im ZDF und im FAZ.NET-Liveticker) nur ein einziges Mal - bezeichnenderweise, als er eine Frage zum EM-Werbetrailer missverstand.
Wir brauchen eine fitte und eingespielte Mannschaft
Der Teamleader und Mittelfeldstar versagte sich vor der Begegnung mit einem der beiden EM-Gastgeber jeglichen wohlfeilen Oberflächen-Optimismus und wies stattdessen lieber auf seine tiefe Sorge hin. Wir brauchen eine fitte und eingespielte Mannschaft, sagte er, um unsere Ziele zu erreichen. Das ist im Moment nicht der Fall. Ich hoffe, dass sich das noch dreht.
Er selbst ist zwar nach ausgeheilter Knöchelverletzung in der Premier League und Champions League wieder eindrucksvoll auf Touren gekommen, doch auf das persönliche Vorschusslob des Nationalmannschaftsmanagers Oliver Bierhoff gab der im großen Ganzen verwurzelte Mannschaftsspieler Ballack am Dienstag wenig. Bierhoff glaubt fest daran, dass die EM für Michael ein ganz großes Turnier wird. Er ist in guter Form und wirkt sehr entschlossen.
Beschwerlicher Weg zu internationalem Format
Auch rhetorisch, da der 31 Jahre alte Kapitän des EM-Mitfavoriten Deutschland an einem der beiden zentralen EM-Spielorte (der andere ist Wien) die Nebelwand durchbrach, die durch manche gesundbeterische Äußerung des auf die Rückkehr verletzter Stammkräfte hoffenden Bundestrainers Joachim Löw in diesen spätwinterlichen Tagen aufgetürmt wurde. Ballack sprach Klartext, weil er sicher ist, zehn Wochen vor EM-Beginn unzweideutig zur Sache reden zu müssen.
Der Mann, der auch deshalb zum FC Chelsea gewechselt sein will, um aus dem schönen Fußballerleben bei Bayern München auszubrechen, hatte eine Zeitlang gehofft, dass Schlüsselspieler der Nationalelf wie Christoph Metzelder (Rekonvaleszent in Madrid), Torsten Frings (nach langer Verletzungspause eben erst wieder ins Bremer Bundesligateam zurückgekehrt), die in München von Formschwankungen geplagten Bastian Schweinsteiger und Lukas Podolski oder der bei Bayer Leverkusen derzeit hinter seinen Möglichkeiten bleibende Bernd Schneider schon weiter, also in der Nähe einer europameisterlichen Form, seien. Wie beschwerlich und zeitaufwendig der Weg zurück zu internationalem Format ist, weiß unterdessen niemand besser als Ballack selbst, der im Nachhinein froh darüber ist, dass sein Körper auch mal eine Pause bekam.
Die WM 2006 ist nur noch etwas für Nostalgiker
Deshalb spricht er auch lieber im Kammerton über die deutschen Aussichten bei der Europameisterschaft. Seit dem Titelgewinn 1996 haben wir bei einer EM kein Spiel mehr gewonnen. Die Statistik spricht gegen uns, aber wenn man für Deutschland (dreimal Welt-, dreimal Europameister) spielt, ist es völlig normal, dass man den Titel gewinnen oder zumindest ins Finale kommen will. Mit seiner Erfahrung und seinen 31 Jahren im Kreuz weiß Michael Ballack sehr genau, dass das tolle WM-Turnier 2006 nur mehr ein Erinnerungsposten für Nostalgiker ist.
Das Hier und Jetzt zählt für den Kapitän, der am Wochenende gegenüber der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung gesagt hatte, er könne das Wort von den deutschen WM-Helden nicht mehr hören, und dezent darauf verwies, dass sein Team letztlich nur Dritter geworden sei (Siehe auch: Michael Ballack: Das Wort WM-Held kann ich nicht mehr hören“). Als Beobachter der Nationalelf stellte Ballack, der beim 3:0 gegen Österreich am 6. Februar zurückkehrte, fest, dass die Mannschaft nicht mehr an die Leistungen wie zu Beginn der EM-Qualifikation anknüpfen konnte und es langsam Zeit werde, besser zu spielen.
Ich habe noch den einen oder anderen Titel vor Augen
Dass vor zwei Jahren etwa zur selben Zeit nach der 1:4-Niederlage in Italien das Unternehmen Weltmeisterschaft und sein Projektleiter Jürgen Klinsmann nachhaltig in Frage gestellt wurden, daran kann sich Ballack noch sehr gut erinnern. Es folgte ein 4:1-Sieg über die Amerikaner in Dortmund - und alles war wieder gut. Einen Schweizer Schub erhofft sich Ballack auch für die deutsche Abschlussprüfung vor der Nominierung des EM-Kaders. Es ist der letzte große Test, da kann jedes Land noch einmal zeigen, welchen Anspruch es an das Turnier stellen kann.
Weil Michael Ballack mit 31 Jahren weiß, dass auch seine Zeit als Fußballprofi endlich ist, sucht er häufiger als früher auch abseits des Platzes den direkten Weg bei seinen Zielansprachen. Ich habe noch den einen oder anderen Titel vor Augen, sagte er am Dienstag, und da ich älter werde, spreche ich manche Dinge auch deutlicher an. Wenn es sein muss, so unmissverständlich und zweckdienlich wie im Basislager Basel kurz vor Beginn des Alpenabenteuers in Fußballstiefeln.

Text: F.A.Z., 26.03.2008, Nr. 71 / Seite 32
Bildmaterial: AFP, dpa, REUTERS
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