17. November 2005 Dem türkischen Fußball-Verband droht nach den schweren Ausschreitungen im Anschluß an das WM- Qualifikationsspiel gegen die Schweiz der Ausschluß aus internationalen Wettbewerben. Das macht mich rasend. Da stimmt etwas im Fußball nicht, was da passiert ist. Das habe ich noch nie erlebt. Das Fairplay wurde mit Füßen getreten, sagte Joseph Blatter, Präsident des Fußball-Weltverbandes Fifa, am Donnerstag in einem Gespräch mit dem Schweizer Rundfunk DRS. Blatter kündigte eine umfassende Untersuchung der Vorfälle an. Er könne sich mehrere Möglichkeiten als Folgen vorstellen, sagte der Schweizer, etwa auch den Ausschluß des türkischen Verbandes.
Nach dem WM-Qualifikationsspiel zwischen der Türkei und der Schweiz (4:2) war es im Stadion von Istanbul unmittelbar nach Spielschluß zu den Ausschreitungen gekommen. Fluchtartig hatten die Schweizer Spieler nach dem Abpfiff das Spielfeld verlassen und waren in Richtung der Kabinen gerannt. Dabei seien sei von den Türken tätlich angegriffen worden, berichtete Medienchef Pierre Benoit. Türkische Spieler attackierten nach Aussagen von Benoit die Schweizer in den Katakomben des Stadions weiter.
Spieler und Ordnungskräfte haben auf uns eingeprügelt
Der Schweizer Fußball-Profi Raphael Wicky sprach von untragbaren Zuständen: Es war unfaßbar. Türkische Spieler und Ordnungskräfte haben auf uns eingeprügelt. Ich habe Schläge gegen den Kopf und in den Rücken bekommen, berichtete der Mittelfeldspieler des Hamburger SV. Die Altintop-Brüder haben mich in die Mitte genommen und mich gegen ihre eigenen Mannschaftskollegen verteidigt und mich schließlich in die Kabine gebracht. Wenn die beiden nicht gewesen wären, dann Gute Nacht...! (Siehe auch: Istanbul: Polizisten schlagen und treten deutsche Nachwuchsspieler).
Wickys Mannschaftskamerad Benjamin Huggel sei im Kabinengang gestürzt und alle sind über ihn getrampelt, sagte Wicky. Stephane Grichting wurde nach einem Tritt in den Genitalbereich ins Krankenhaus gebracht. Ich kann nicht glauben, daß Spieler ihre Gegner verfolgen und auf sie einschlagen, meinte der 28jährige entsetzt. Die Mannschaft habe sich zwei Stunden in der Kabine eingeschlossen. Von da aus habe ich einige Telefonate geführt. Ich wollte meinen Eltern und meinen Freunden sagen, was sich gerade abspielt und daß ich in Sicherheit bin. Später wurden wir dann mit Polizeischutz ins Hotel gebracht.
Steine, Eier und Milchtüten
Der Schweizer Trainer Jakob Kuhn konnte sich angesichts der Prügelszenen gar nicht richtig über den Erfolg freuen. Es ist schlimm, wenn man von der Bank aufsteht und Angst haben muß, daß man von Gegenständen getroffen wird oder Schläge kassiert, sagte der Coach sichtlich gezeichnet.
Schon bei der Einreise in die Türkei seien die Schweizer schikaniert worden. Wir mußten drei Stunden aufs Gepäck warten und wurden mit Steinen, Eiern und Milchtüten beworfen, berichtete Wicky. Der Nationalspieler erwartet vom Weltfußballverband Fifa, daß er sich dieser Fälle annehmen wird. Was nach dem Spiel geschehen ist, ist ein Skandal, sagte Marco Streller. Jeder mußte um sein Leben rennen. Sicherheitsleute und türkische Spieler haben uns angegriffen, betonte der Spieler des VfB Stuttgart.
Türken fühlten sich angeblich provoziert
Türkische Zeitungen berichteten dagegen, der Schweizer Huggel habe den Streit vom Zaun gebrochen. Fernsehbilder zeigen den Mann mit der Nummer 14, wie er vor dem Tunneleingang dem türkischen Trainer-Assistenten Mehmet Özdilek von hinten einen Tritt gegen das Bein versetzt. Özdilek habe es Huggel daraufhin mit gleicher Münze heimgezahlt. Die Schweizer hätten die Auseinandersetzung provoziert. Unsere Spieler sind in die Falle gegangen, schrieb die Sportzeitung Fanatik.
Der erste, der den Schweizer Spielern nachsetzte, war türkischen Berichten zufolge der Kölner Özalan Alpay. Angeblich wurde auch er von Huggel attackiert. Ein Foto zeigt den Schweizer, wie er Alpay im Tunneleingang in den Nacken faßt und nach unten drückt. Kameraleute, die die späteren Tumultszenen vor der Garderobe hatten filmen wollen, wurden ebenfalls attackiert.
Der türkische Fußballverband kritisierte Blatters als voreilig und einseitig. Erklärungen abzugeben, ohne die Berichte der zuständigen Gremien abzuwarten, sei gefährlich und falsch, sagte Verbandsvizepräsident Sekip Mosturoglu dem Nachrichtensender CNN-Türk. Ich halte seine völlig einseitigen Erklärungen für unglücklich. Die Vorfälle seien provoziert worden.
Mit Blick auf die Verletzung des Schweizer Spielers Grichting und dessen Behandlung im Krankenhaus sagte der Verbandsvize: Auch einer unserer Ordnungskräfte ist krankenhausreif. Gewiß werden ihn nicht die eigenen Spieler geschlagen haben. Zu den möglichen Sanktionen meinte Mosturoglu, er rechne schlimmstenfalls mit einer Stadionsperre und einer deftigen Geldstrafe. Er gehe nicht davon aus, daß die Fifa den türkischen Verband von internationalen Begegnungen ausschließen werde. Der türkische Fußballverband werde zusammenkommen und seinerseits die nötigen Eingaben machen. Wir werden unsere Verteidigung vorbereiten.
Terim: Schiedsrichter haben Spiele entschieden
Ich entschuldige mich vor der türkischen Nation, daß wir es nicht geschafft haben, aber die Spiele wurden nicht auf dem Rasen entschieden, sondern durch schwache Schiedsrichterleistungen. Wir haben ein sehr gutes Spiel geliefert, meinte der türkische Nationalcoach Fatih Terim.
Nach der frühen Führung durch Alexander Frei (2.) per Handelfmeter, mußten die Eidgenossen nach Toren von Tuncay (22., 36.) und Necati Ates (52., Foulelfmeter) kräftig zittern, ehe der eingewechselte Stuttgarter Bundesligaprofi Marco Steller (84.) die erste WM-Teilnahme seit 1994 in den Vereinigten Staaten endgültig perfekt machte. Die Türken verpaßten hingegen ihr drittes Ticket zur WM nach 1954 und 2002. Der vierte Treffer der Gastgeber durch Tuncay (89.) kam zu spät für die Wende.
Qualifizierte Teams Fußball-Weltmeisterschaft 2006
Teilnehmer 32 - qualifiziert 32
Europa (Gastgeber + 13 Startplätze)
Deutschland, England, Frankreich, Italien, Kroatien, Niederlande, Polen, Portugal, Schweden, Serbien-Montenegro, Ukraine, Schweiz, Tschechien, Spanien
Asien (4,5 Startplätze)
Iran, Japan, Saudi-Arabien, Südkorea
Südamerika (4 Teilnehmer)
Argentinien, Brasilien, Ecuador, Paraguay
Nord- u. Mittelamerika/CONCACAF (3,5 Startplätze)
Costa Rica, Mexiko, USA, Trinidad/Tobago
Ozeanien (1 Teilnehmer)
Australien
Afrika (5 Teilnehmer)
Angola, Elfenbeinküste, Ghana, Togo, Tunesien
Text: FAZ.NET
Bildmaterial: AP, dpa/dpaweb, FAZ.NET, REUTERS