Schwule Fußballer

„Im Moment würde ich keinem raten, sich zu outen“

Forscherin Eggeling: Vereine vermitteln homosexuellen Spielern Frauen für die Öffentlichkeit

Forscherin Eggeling: Vereine vermitteln homosexuellen Spielern Frauen für die Öffentlichkeit

18. Februar 2008 Verheimlichen, verleugnen, verstecken: Tatjana Eggeling über die Angst vor dem Geständnis und das Männlichkeitsbild im Fußball.

Sie sind Kulturanthropologin und beschäftigen sich seit Jahren mit dem Thema Homosexualität und Sport. Glauben Sie, dass es in der Ersten und Zweiten Bundesliga homosexuelle Fußballspieler gibt?

Ja, sicher gibt es die. Ich glaube aber, dass die meisten homosexuellen Fußballspieler vorher aussteigen und gar nicht erst den Sprung in den Profisport versuchen. Der Weg ist für sie viel zu steinig, sie können den Spagat zwischen dem Sportlerdasein und ihrem Privatleben gar nicht aushalten. Man muss sich das so vorstellen: Diese Leute müssen einen wichtigen Teil ihrer Persönlichkeit verleugnen, um das zu machen, was sie möglicherweise sehr gut und erfolgreich können, nämlich Fußball spielen.

Was tun diese Spieler, um ihre Homosexualität zu verheimlichen?

Erst einmal reden sie überhaupt nicht über ihr Privatleben. Und damit sie trotzdem nicht in den Verdacht geraten, homosexuell zu sein, bringen sie zu öffentlichen Auftritten wie Vereinsfeiern eine Frau mit. Ich weiß zum Beispiel aus den Profiligen in Italien, dass einige Vereine homosexuellen Spielern sogar Frauen vermitteln, mit denen sie in der Öffentlichkeit auftreten können. Einige Spieler gehen sogar so weit, dass sie eine Frau heiraten und eine Familie gründen. Die Kontakte zu anderen Homosexuellen werden heimlich gepflegt.

Im Frauenfußball ist die Lage ähnlich und doch anders. Warum gehen einige Spielerinnen mit ihrer Homosexualität offener um?

Das hat etwas mit den jeweiligen Fußballgeschichten zu tun. Frauenfußball ist ein relativ neues Phänomen in der öffentlichen Wahrnehmung und dennoch seit jeher eine Sportart, die besonders attraktiv ist für lesbische Frauen. Letztlich passt es ja auch ins Bild. Eine Lesbe wird ohnehin als unansehnlich und robust angesehen, und dass sie dann auch noch Fußball spielt, überrascht dann vermutlich noch weniger. Sie werden von vielen nicht als „echte“ Frauen angesehen, betreiben häufig auch nicht klassische Frauensportarten und wählen oft Sportarten, die als männlich gelten. Das heißt nicht, dass sie Männer sein wollen, sondern vielmehr, dass sie hier ein Feld finden, auf dem sie Selbstbestätigung finden. Dass es viele homosexuelle Fußballspielerinnen gibt, ist ein offenes Geheimnis.

Was würde mit dem ersten Fußballspieler passieren, der sich zu seiner Homosexualität bekennt?

Sicher würde dieser Spieler durch die Medienlandschaft gereicht. Und wenn er noch aktiv sein sollte, wäre seine Karriere wahrscheinlich beendet. Vielleicht würde er sogar aufgefordert, die Mannschaft zu verlassen, weil viele Vereine noch immer der Meinung sind, ein homosexueller Fußballspieler würde das ganze Team diskreditieren.

Warum ist es gerade für Fußballspieler zu schwer, sich öffentlich zu bekennen?

Fußball ist besonders stark durch bestimmte Männlichkeitsbilder geprägt. Dabei geht es vor allem um eine traditionelle Männlichkeit, die sich etwa ausdrückt in körperlicher Härte, die einem homosexuellen Fußballspieler abgesprochen wird, weil Schwule eben nicht für „richtige“ Männer gehalten werden. Ihnen wird unterstellt, dass die zu weiblich und zu weich sind.

Wann glauben Sie denn, ist die Zeit gekommen für das erste Bekenntnis eines homosexuellen Fußballspielers?

Im Moment würde ich es noch keinem raten. Da muss noch mehr passieren. Auch der Deutsche Fußball-Bund muss sich noch mehr für eine Verbesserung homosexueller Fußballspieler einsetzen, als er das bislang macht. Er muss auch bei den eigenen Funktionären Aufklärungsarbeit leisten. Nur weil in Statuten verankert wird, dass Lesben und Schwule nicht diskriminiert werden sollen, ändern sich die Verhältnisse noch nicht zwangsläufig zum Positiven.

Die Fragen stellte Michael Wittershagen



Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 17.02.2008, Nr. 7 / Seite 17

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