Champions League

Anfield - ein Ort fürs kostbare Irrationale des Fußballs

Von Christian Eichler

22. April 2008 Es ist das berühmteste Hinweisschild der Fußballwelt. Und das überflüssigste. „THIS IS ANFIELD.“ Denn natürlich weiß jeder Spieler, wo er ist, wenn er die Treppe zum Rasen hinabgeht und über sich an der niedrigen Decke den Schriftzug sieht. Doch an diesem Ort, „dem einer Kathedrale ähnlichsten, den der Fußball hat“, so der frühere Liverpool-Spieler Michael Robinson, werden rationale Hinweise oft von irrationalen Wirkungen überlagert. Die Spieler des Heimteams pflegen das Schild zur inneren Stärkung kurz zu berühren. Und die anderen kriegen was zum Grübeln, zum Mürbewerden: DAS IST ANFIELD.

Der neueste Jünger des 124 Jahre alten Stadions ist der 24 Jahre alte Fernando Torres. Der Stürmer, Anfang der Saison für angeblich 26 Millionen Pfund gekauft, hat 20 seiner 22 Tore in der Premier League im eigenen Stadion erzielt; davon 16 allein, wenn er den Treffer vor dem „Kop“, der berühmtesten Fan-Tribüne der Welt, schießen konnte. Der Spanier spricht von der geradezu elektrisierenden Wirkung von Anfield, einer kollektiven Inspiration, die ihn im ChampionsLeague-Viertelfinale gegen Arsenal, als er ein Traumtor schoss, „fast in Tränen ausbrechen ließ“.

„Anfield ist nicht Hicksville“

Wenn der Kop aus Zehntausenden Kehlen den alten Gassenhauer anstimmt, der hier zum musikalischen Klassiker veredelt wurde, „You'll never walk alone“, dann richten sich auch bei Fußball-Veteranen Nackenhaare auf, kommen auch bei kühlen Beobachtern Körperdrüsen auf Touren. Auch vor Schiedsrichtern machen die Wirkungen von Anfield nicht halt. „Ich weiß noch den Abend, als ich mit Roma hier war und der norwegische Schiedsrichter Elfmeter für uns pfiff“, erinnerte sich der heutige englische Nationaltrainer Fabio Capello, „und dann änderte er seine Meinung.“ Das war 2002, und Rune Pedersen gab, im Angesicht des brodelnden Kop, statt Elfmeter für Rom doch lieber Abstoß für Liverpool.

Eng, enger, Anfield Wir waren drin: Ein Handyfoto als Beweis für den Besuch einer Legende Einfaches Leben: Ob Souvenirverkauf, ... ...Schnellverpflegung... ... oder der Weg zum Stadion, anspruchsvoll darf man als Besucher des FC Live... Durch kleine Türen zum großen Glück

Du gehst niemals allein in Anfield - außer wenn du ein verhasster amerikanischer Investor bist. Traut sich Tom Hicks an diesem Dienstag zum ChampionsLeague-Halbfinale gegen Chelsea ins Stadion? Die Frage ist bald spannender als die, ob der angeschlagene Steven Gerrard spielt. Die „News of the World“ glaubt zu wissen, dass er komme, die „Sun“ dagegen meint: „Anfield ist nicht Hicksville“ - und gibt dem Texaner den guten Rat, wegzubleiben. Sein Sohn Tom jr., der sich vor wenigen Wochen einmal in das „Sandon“, das Lokal der härtesten Fans des FC Liverpool, wagte, entkam dem Volkszorn nur durch die Hilfe seiner Bodyguards.

Arabische Investoren und romantische Fans

Wenn Hicks ins Stadion kommt, wäre es das erste Mal seit über vier Monaten - seit er öffentlich machte, dass die Klubführung hinter dem Rücken des populären Trainers Rafael Benitez Ende 2007 über dessen Nachfolge mit Jürgen Klinsmann verhandelt hatte. Seitdem hat sich zwischen Hicks und seinem Landsmann George Gillett nur ein Jahr nach ihrem gemeinsamen Kauf des englischen Rekordmeisters eine Farce entwickelt, die in den Medien mal „Bürgerkrieg“, mal „Schlacht um Anfield“ genannt wird. Beide können nicht mehr miteinander, wollen einander aber auch ihren Anteil nicht verkaufen.

Gillett verhandelt mit der Dubai Investment Group, die zwischen 400 und 500 Millionen Pfund für den ganzen Klub bieten soll (die beiden Amerikaner zahlten im Februar 2007 nur 219 Millionen), doch Hicks will das blockieren. Dann gibt es auch noch romantische Fans, die Ersparnisse sammeln, um ihren Verein zu kaufen. Die Sache ist völlig verfahren, ein Patt, das Nerven kostet und Kräfte bindet, ausgerechnet in der heißesten Phase der Saison. Viele fürchten, dass Benitez genug hat und im Sommer geht.

Den Anschluss verpasst

Hicks hat sich kürzlich lächerlich gemacht, als er sich in populistischer Absicht in einem TV-Interview, daheim in Dallas aufgenommen, mit Liverpool-Trikot und Liverpool-Tasse zeigte, dabei ankündigte, bei Übernahme von Gilletts Anteilen all die Schulden zu tilgen, die die beiden dem Klub beim Kauf aufbürdeten - und Geschäftsführer Rick Parry attackierte, dessen Arbeit er ein „Desaster“ nannte. Tatsächlich hat Liverpool in Sachen Sponsoring und Auslandsvermarktung gegenüber anderen Top-Klubs den Anschluss verpasst, und auch Benitez ist mit Parry unglücklich. Doch der Versuch von Hicks, anderen die Klinsmann-Sache anzuhängen, ging schief, niemand nahm es ihm ab. Parry habe allein „drei oder vier Stunden“ mit Klinsmann verbracht, bevor die Besitzer ihn sahen, behauptete Hicks, und Gillett habe den Deutschen schon über ein Jahr persönlich gekannt. Er selbst dagegen habe beim Namen Klinsmann „erst mal im Internet nachsehen müssen, wer er ist“.

Anfield ist nun einmal ein Ort fürs kostbare Irrationale des Fußballs. Und wenn das ganze Chaos von Liverpool doch ein Gutes haben sollte, dann, dass der Zeitplan für den bis 2011 geplanten Neubau im Stanley Park mit 71.000 Plätzen, 25.000 mehr als an alter Stätte, nun ins Wanken geraten könnte - und damit der Abriss einer Legende. Käme es so, dem Fußball bliebe neben all den schönen neuen seelenlosen Arenen etwas Einmaliges noch ein bisschen länger erhalten. Das ist Anfield.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Philipp Wente

 
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