Deutscher Kader bei der Euro 2008

Adler ersetzt Hildebrand - Marin die Überraschung

Von Michael Horeni, Zugspitze

16. Mai 2008 Auf der Zugspitze flossen sogar Tränen. Als Mario Gomez nach der Nominierung auf der Bühne an Joachim Löw vorbeiging und dabei vergaß, ihn und die gesamte sportliche Leitung abzuklatschen, war der Stürmer untröstlich. Er kehrte zwar schnell noch einmal um, holte den sportlichen Gruß nach, aber dann saß er auf dem grünen Teppich und kämpfte vergeblich gegen die Tränen.

Es war natürlich nicht der richtige Mario Gomez, der auf der Bühne weinte, sondern ein kleiner Junge, der mit seinen Freunden und Freundinnen vom Ski-Club Partenkirchen in die Trikots der Fußballstars geschlüpft war und den deutschen Kader für die Europameisterschaft vom 7. bis 29. Juni in der Schweiz und Österreich symbolisierte. Dass es um die Gefühlswelt bei den richtigen Profis wie Timo Hildebrand kaum anders bestellt war, konnte man zumindest ahnen.

Hildebrand nach Entscheidung „schmerzlich enttäuscht“

Der Bundestrainer berichtete jedenfalls davon, wie sehr dem Torhüter des FC Valencia die schlechte Nachricht an „die Nieren“ gegangen sei und wie „schmerzlich enttäuscht“ die bisherige Nummer zwei im deutschen Tor auf seine bisher größte Niederlage am Telefon reagiert habe. Löw hat stattdessen René Adler den Vorzug gegeben. Er belohnte damit die großartige Saisonleistung des 23 Jahre alten Leverkuseners.

Aber das war nicht die einzige und schon gar nicht größte Überraschung, die der Bundestrainer bei der Kader-Nominierung in der „Panorama Lounge 2962“ auf der Zugspitze bereit hielt. Löw nominierte nämlich auch den 19 Jahren alten Marko Marin vom Bundesliga-Aufsteiger Borussia Mönchengladbach, der in der Nationalelf bisher keine Rolle spielte.

„Ich bin überglücklich und konnte es kaum glauben“

„Er hat herausragende Qualitäten in Eins-gegen-Eins-Situationen. Solche Spielertypen gibt es nicht allzu viele. Er hat etwas Besonderes“, sagte Löw - und hofft, dass Marin dieselbe „Frechheit“ wie in Mönchengladbach bei der Nationalelf zeigt. „Ich bin überglücklich und konnte es kaum glauben. Das muss ich alles erst einmal verarbeiten. Ich bin auf die zwölf Tage auf Mallorca gespannt“, sagte Marin, der es in der „U 21“ auf fünf Einsätze gebracht hat.

Die direkte Qualifikation für die Europameisterschaft bedeutete Marins Aufnahme in den Kader aber trotzdem nicht. Denn Löw berief insgesamt 26 Spieler in seine Auswahl, die er zum offiziellen Nominierungstermin während des Trainingslagers auf Mallorca auf 23 Auserwählte reduzieren muss. „Am 28. Mai endet dieses Casting“, sagte Löw. „Die Spieler wissen dann, dass es nicht an ihrer Qualität gelegen hat. Sie werden damit umgehen können. Sie müssen mit diesem Druck leben.“

„Zwei Jahre lang an einem Drehbuch geschrieben“

Beim Casting zu „Jogi sucht das Superteam“ werden sich neben Marin vor allem Patrick Helmes, Oliver Neuville, Jermaine Jones, Piotr Trochowski, David Odonkor und Tim Borowski noch einmal mächtig ins Zeug legen müssen, um den internen EM-Kampf zu überstehen. Zuletzt hatte sich Franz Beckenbauer vor über zwanzig Jahren als Teamchef für diese Showdown-Variante entschieden und sie danach als seinen „größten Fehler“ bezeichnet.

Löw aber gab sich vollkommen überzeugt, sowohl mit seiner Personalauswahl wie auch mit der zusätzlichen Qualifikationsphase goldrichtig zu liegen. „Wir haben im Trainerstab in den vergangenen zwei Jahren an einem Drehbuch geschrieben. Es hat viele Diskussionen gegeben und wir haben uns mit den Spielern akribisch beschäftigt. Wir sind von unserem Kader absolut überzeugt“, sagte Löw zur Entscheidung des Trainerteams mit seinem Assistenten Hans-Dieter Flick und Torwarttrainer Andreas Köpke.

„Wir haben noch viele Einheiten, um das zu entscheiden“

Für die Entscheidung, 26 Spieler am Montag mit ins Trainingslager zu nehmen, hätten verschiedene Gründe den Ausschlag gegeben, sagte der Bundestrainer. „Wir wollen alle Ressourcen ausschöpfen, wir wollen den Konkurrenzkampf. Wir haben jetzt den Luxus, die Spieler über einen längeren Zeitraum zu beobachten. Da wollen wir alle Möglichkeiten nutzen, um den ein oder anderen noch einmal genauer unter die Lupe zu nehmen.“

Ein großer Teil der Spieler wisse jedoch, dass er dabei ist, „wenn die Vorbereitung vernünftig läuft“, sagte Löw. „Es gibt auch bestimmte Gedankenspiele. Aber ich habe noch keine Spieler im Kopf, die wir wieder nach Hause schicken. Wir haben noch viele Einheiten, um das zu entscheiden.“

„Ein Traum ist für mich in Erfüllung gegangen“

Timo Hildebrand reagierte tief getroffen auf die Streichung aus dem Kader. „Ich bin überrascht, geschockt, auch irritiert. Klar bleibt mir jetzt nichts anderes übrig, als diese Entscheidung so hinzunehmen wie sie ist. Aber verstehen oder gar nachvollziehen kann ich sie nicht. Ich war bei allen EM-Qualifikationsspielen dabei, es gab keine Kritik an meinen Leistungen, keine Hinweise darauf, dass es womöglich für mich nicht reicht. Die Enttäuschung ist schon sehr groß, es schmerzt wie eine frische Fleischwunde. Dieser Schlag wirft mich zurück, aber er haut mich nicht um“, so der Torwart auf seiner Homepage.

In Leverkusen war der Jubel dagegen groß. „Ich freue mich riesig. Ein Traum ist für mich in Erfüllung gegangen. Ich bin in der Bundesliga noch nicht so lange dabei, aber in den letzten Monaten lief es reibungslos“, sagte Adler zu seiner Nominierung. Torwarttrainer Köpke stufte Adler in der Reihenfolge bei der EM als Nummer drei hinter Lehmann und Enke ein.

Aber die Entscheidung für Adler und gegen Hildebrand wird vor allem Konsequenzen für die Zeit nach dem Rücktritt von Jens Lehmann zeitigen. Auf die Frage, ob die Karriere von Hildebrand in der Nationalmannschaft nun beendet sei, antwortete Löw ausweichend. Mit dem Verzicht auf Hildebrand ist der Kampf um die Nachfolge für den Posten der Nummer eins im deutschen Tor erstmals seit Generationen vollkommen offen.

Der vorläufige Euro-Kader der deutschen Nationalmannschaft:

Tor:

Jens Lehmann (FC Arsenal)
Robert Enke (Hannover 96)
Rene Adler (Bayer Leverkusen)

Abwehr:

Christoph Metzelder (Real Madrid)
Per Mertesacker (Werder Bremen)
Philipp Lahm (Bayern München)
Arne Friedrich (Hertha BSC Berlin)
Marcell Jansen (Bayern München)
Clemens Fritz (Werder Bremen)
Heiko Westermann (Schalke 04)

Mittelfeld:

Michael Ballack (FC Chelsea)
Thomas Hitzlsperger (VfB Stuttgart)
Simon Rolfes (Bayer Leverkusen)
Torsten Frings (Werder Bremen)
Bastian Schweinsteiger (Bayern München)
Piotr Trochowski (Hamburger SV)
Tim Borowski (Werder Bremen)
Jermaine Jones (Schalke 04)
David Odonkor (Betis Sevilla)
Marko Marin (Borussia Mönchengladbach)

Sturm:

Miroslav Klose (Bayern München)
Lukas Podolski (Bayern München)
Mario Gomez (VfB Stuttgart)
Kevin Kuranyi (Schalke 04)
Oliver Neuville (Borussia Mönchengladbach)
Patrick Helmes (1. FC Köln)

Bild für Bild - Alle deutschen Spieler im FAZ.NET-Kurzporträt



Text: F.A.Z.
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