12. Oktober 2008 Im Internet-Videoportal Youtube steht seit Monaten ein Zusammenschnitt von René Adlers besten Torhüterparaden. Der Clip trägt die Überschrift Germany's Next Goalkeeper. Die Prophezeiung hat sich am Samstag in Dortmund erfüllt. Der Dreiundzwanzigjährige gab im Weltmeisterschafts-Qualifikationsspiel gegen Russland sein Debüt. Und nach seiner Leistung beim 2:1-Sieg ist die Prognose nicht gewagt: René Adler - Deutschlands nächste Nummer 1.
Einer kleinen Unsicherheit in der ersten Halbzeit machte sich Adler schuldig, als er einen harmlosen Schuss aus mittlerer Distanz über den Arm ins Toraus rollen ließ. Aber da war der Sachse auch noch nicht warmgeschossen. Erst in der zweiten Hälfte forderten ihn die Russen ständig. In diesen 45 Minuten, in denen seine Kollegen im Defensivverbund zeitweise den Überblick verloren, erwies sich Adler als eine Sicherheitsinstitution.
Kein Zaudern, kein Zögern, kein Nachfassen
Dabei blitzte sein Können nur in wenigen Situationen spektakulär auf: Vor allem bei zwei Kopfbällen von Pogrebnjak aus kurzer Distanz, bei einem stand der Russe im Abseits, und bei einem beherzten Herauslaufen, als er sich einem Stürmer vor die Füße warf. Was seine Premiere bemerkenswert machte, war die Ausstrahlung, die von Adler ausging. Kein Zaudern, kein Zögern, kein Nachfassen, kein unkontrollierter Abschlag oder Abwurf ließen irgendwelche Zweifel an Adlers Souveränität aufkommen.
Bundestrainer Joachim Löw blieb nichts anderes übrig, als den neuen Mann im Tor zu loben: Er hat gezeigt, was er schon zuvor ausgestrahlt hatte: eine unglaubliche Ruhe, Souveränität und eine richtige Gelassenheit. Man hatte nie das Gefühl, dass er von Nervosität angesteckt wird und seine Konzentration verliert. Beim Tor hatte er keine Chance. Fast hätte Adler auch noch den Gegentreffer verhindert, aber den Schrägschuss von Anjukow berührte er so unglücklich mit dem Bein, dass er zum Querpass für Arschawin wurde, der den Ball nur noch über die Torlinie schieben musste.
Adler: Ich bin froh, dass ich den einen oder anderen Ball halten konnte.
Der Held des Abends war bemüht, den Erfolg der Mannschaft in den Vordergrund zu stellen. Erst als Drittes sagte der Leverkusener: Ich bin froh, dass ich den einen oder anderen Ball halten konnte. Sein Rezept gegen die Nervosität hieß Autosuggestion. Ich war richtig angespannt, aber ich habe mir vorgenommen, mit Freude in das Spiel hineinzugehen. Sein Argument, mit dem er sich überzeugte, nicht zu verkrampfen: Dieses Spiel war der Höhepunkt in meiner bislang jungen Karriere, für die ich so viel geopfert habe. Ich wollte es jede Sekunde genießen. Ich bin jetzt Nationalspieler, das kann mir keiner mehr nehmen.
Und René Adler wird Nationalspieler bleiben, wenn er - genau wie nach seinem ersten Bundesligaspiel im Februar 2007 gegen Schalke - seine hervorragende Premierenleistung bestätigt. Löw stellte ihm für die nächsten Begegnungen mit Wales und England einen Freibrief aus. Robert Enke, der nach Jens Lehmanns Abschied für drei Länderspiele im Tor stand, weil Adler im August unter einer Schulterverletzung litt, ist auch ein überdurchschnittlicher Torwart. Doch im Vergleich zum acht Jahre jüngeren Kollegen fehlt dem Hannoveraner die Aura des Besonderen.
Sein Handbruch am vergangenen Mittwoch machte Adler den Weg frei, bevor sich eine Diskussion um die Hierarchie im deutschen Tor entspinnen konnte. Der Pechvogel zeigte sich als hervorragender Mannschaftsspieler. Er gratulierte dem Konkurrenten per SMS zu seinem Debüt.
Text: F.A.S.
Bildmaterial: AP, ddp, REUTERS