Gruppe B

Der Geist von Barcelona

Von Thomas Klemm, Lissabon

Spielentscheider: Beckham und Zidane

Spielentscheider: Beckham und Zidane

14. Juni 2004 Mit den Franzosen hat am Sonntag abend niemand gerechnet. Weder nach Ablauf der Spielzeit noch nach dem glücklichen Ende der Nachspielzeit, als Jacques Santini nach seiner Meinung zu dem furiosen Finale des Vorrundenspiels gefragt wurde. Der Nationaltrainer saß also auf dem Podium und parlierte im feinsten Französisch, während der Rest von Fußball-Europa nicht seinen Ohren traute: Es gab keinen Übersetzer im Estadio da Luz, der zwischen Frankophilen und Anglophilen hätte vermitteln können.

Und wieder half ein Engländer aus, wie seine Landsleute, deren Fouls am und im Strafraum zuvor die beiden Tore von Zinedine Zidane eingeleitet hatten, wie David Beckham, der mit einem Foulelfmeter gescheitert war. Der britische Journalist wechselte kurzerhand die Seiten, setzte sich zu den Gefragten statt zu den Fragern und übersetzte jene großen Worte, die Santini mit ausdrucksloser Miene von sich gab. "Ich hoffe, die ganze Welt hat von diesem großen Spektakel profitiert."

"Im Spitzenfußball kann sich vieles schnell ändern"

Spectacle, Miracle, Wunder von Lissabon - in allen Sprachen wurde versucht in Worte zu fassen, was kaum jemand begreifen konnte: Wie haben es die Franzosen bloß geschafft, nach neunzig Minuten, in denen sie gegen das englische Abwehrbollwerk viel versuchten, aber rund um den Strafraum wenig Esprit versprühten, ein Spiel zu wenden, das schon entschieden schien? Drei Spieler wußten ganz genau, wie so etwas geschehen kann: Es war der Geist von Barcelona 1999, als Manchester United im Champions-League-Finale mit zwei Toren binnen eineinhalb Minuten den FC Bayern stürzte, der den Engländern David Beckham und Gary Neville sowie dem damals verletzt zuschauenden Franzosen Bixente Lizarazu wieder erschienen war.

"Im Spitzenfußball kann sich vieles sehr schnell ändern", erklärte Santini, ohne wirklich eine Erklärung zu finden, "diesmal rollte der Ball zu unseren Gunsten." Genauer gesagt: Der Ball rollte nicht, er lag zu Frankreichs Gunsten in drei jener vier entscheidenden Situationen des Spiels, an denen die beiden schillerndsten Figuren der mit Stars gespickten Teams, Zinedine Zidane und David Beckham, maßgeblich beteiligt waren.

Beckham, bei der Selbstkritik in großer Form

Mit einem Freistoß, den Frank Lampard per Kopf verwandelte, hatte Beckham das 1:0 eingeleitet (38. Minute), ehe es für ihn darauf ankam, den abermals ruhenden Ball vom Elfmeterpunkt ins Tor zu bugsieren. Doch der englische Kapitän, der sich anderen Führungsaufgaben oft verweigerte, scheiterte am vorzüglich parierenden Fabien Barthez (73.). Schließlich folgten zwei Sternsekunden des anderen Stars von Real Madrid, als Zidane in der vom deutschen Schiedsrichter Markus Merk gewährten Nachspielzeit erst einen Freistoß aus 25 Metern zum 1:1 nutzte und dann aus elf Metern nach Torhüter James' Foul an Henry zum Sieg traf.

Er trage die Verantwortung für die Niederlage, sagte Beckham, der erst bei der Selbstkritik zu großer Form auflief. "Hätte ich den Strafstoß verwandelt, dann hätten wir gewonnen." Während der englische Fußballpopstar die Hände vor dem Gesicht zusammenschlug und jammerte, "das haben wir nicht verdient, weil wir achtzig Minuten besser waren", verzog sein Mannschaftskollege von Real Madrid nach dem Auftaktsieg keine Miene. Zizou, bitte lächeln! Aber nein: Der Mann, der Frankreich am Sonntag abend in 128 Sekunden aus dem Jammertal heraus- und die Engländer hineingeschossen hatte, der einen abermaligen Fehlstart des Titelverteidigers wie bei der Weltmeisterschaft vor zwei Jahren in Asien verhindert hatte, jener Mann also, der mit einem Spritzer Genialität das leidenschaftliche Feuer des Gegners löschte - er stand kurz nach dem Spiel für die Geschichtsbücher im Stadion des Lichts und sprach über seine seelischen Wehwehchen.

Zidane: Barthez hat den Unterschied ausgemacht

"Wir haben gelitten an diesem Abend", sagte der Denker, Lenker und zweifache Vollstrecker der Franzosen über ein Europameisterschafts-Gruppenspiel, das letztlich die Klasse eines Finales hatte. Das Ergebnis, sagte Zidane, "ist das einzig Positive an diesem Abend". Zauberhaft wie so oft, zurückhaltend wie immer: Sich selbst nahm der Mann für die wichtigen Tore wieder einmal nicht so wichtig.

Zwar führte Zidane auf grandiose Weise fort, wo er im letzten EM-Testspiel gegen die Ukraine aufgehört hatte, als er kurz vor Schluß zum entscheidenden 1:0 traf. Doch als Matchwinner wollte sich der Mann, der frustriert aus Madrid zur Equipe tricolore angereist war, nicht fühlen. "Ich glaube, Barthez hat den Unterschied ausgemacht", sagte der Regisseur.

Das nächste französisch-englische Spektakel im Endspiel

Ausgerechnet Barthez, der Vielgescholtene, dem sein Torhüterkollege Gregory Coupet im Nacken sitzt, durfte sich nach dem parierten Strafstoß die Elogen des Abends anhören. "Seinetwegen haben wir nicht den Kopf verloren", sagte Santini, der bis zum Ende an sein Team geglaubt hatte, "sollte irgend jemand Zweifel gehabt haben, so hat er die beste Antwort gegeben." Die gesamte Equipe scheint es sich zur Gewohnheit zu machen, die entscheidende Antwort bis zuletzt hinauszuzögern; machte sie in Lissabon doch dort weiter, wo sie vor vier Jahren in Rotterdam aufgehört hatte. Damals waren es die Italiener, die sich kurz vor Spielschluß des EM-Endspiels wie Sieger wähnten, als erst Sylvain Wiltord in der allerletzten Minute den 1:1-Ausgleich erzielte und David Trezeguet in der Verlängerung das goldene Tor zum Titelgewinn schoß.

"Der Fußball ist manchmal hart", sagte der englische Nationaltrainer Sven-Göran Eriksson als neuestes Opfer der Franzosen. Es sei "Pech", aber kein "Schock" gewesen, behauptete der Schwede mit nordischer Gemütsruhe, schließlich habe seine Mannschaft neunzig Minuten getan, was habe getan werden müssen. "Wenn wir Frankreich am 4. Juli im Finale begegnen, wird es nicht ein zweites Mal so verhängnisvoll enden." Diese Worte hat ganz Europa verstanden: Das nächste französisch-englische Spektakel soll das Endspiel werden.

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung
Bildmaterial: AP, dpa/dpaweb, REUTERS

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