Von Oliver Trust
27. Februar 2008 Die Nacht konnte kein Vergnügen gewesen sein - das war am Tag danach in jedem Gesicht rund um die Zentrale des VfB Stuttgart sehen. Die Fassungslosigkeit, die sich am Abend zuvor in rasendem Tempo im Daimlerstadion verbreitet hatte, hielt sich hartnäckig an der Mercedesstraße. Nicht einmal Manager Horst Heldt konnte mit einer von Behauptungswillen und Trotz getragenen Botschaft Zuversicht ernten.
Wir können die Saison nicht herschenken und in Selbstmitleid baden. Jetzt geht es um ein konkretes Ziel, um Platz fünf in der Liga, sagte er. Das klingt nach einer 6:7-Niederlage nach Elfmeterschießen gegen den Tabellenvorletzten der zweiten Liga, Carl-Zeiss Jena, mehr als kühn. Nach der Vorstellung vom Dienstag beschleicht manchen beim Blick auf Energie Cottbus, den kommenden Ligagegner, ein unangenehmes Gefühl.
Es bleibt ein fader Beigeschmack
Zu allem Pokalärger kam gestern die Geldstrafe für Mario Gomez, der 8.000 Euro zahlen muss, nachdem der Nationalspieler den Karlsruher Maik Franz nach dem 3:1-Erfolg der Stuttgarter im Derby gegen den KSC als dieses Arschloch bezeichnet hatte. Seitdem tobt ein kleinkariertes Rededuell zwischen Badenern und Schwaben, in das sich mittlerweile viele aus beiden Lagern mit wenig gehaltvollen Beiträgen einmischen. Ich akzeptiere das, weil ich mich in der Wortwahl vergriffen habe. Das Thema ist für mich abgehakt, aber es bleibt ein fader Beigeschmack, weil sich Franz überall als Unschuldslamm darstellt, was er einfach nicht ist, sagte Gomez zur Strafe. Dies unleidige Thema aber kann bei aller Streitlust nicht das bestimmende Thema in Stuttgart sein. Der kränkelnde Meister hat andere Sorgen.
Nach der Niederlage gegen Jena bleibt den Schwaben vorerst nur die wenig befriedigende Strategie, sich zu ducken und zu ertragen, was schwer erträglich scheint, aber vielleicht am Ende doch noch zu überraschen. Wobei in der Situation jede aufmunternde Aussage nach dem Pfeifen im dunklen Keller klingt und zur Durchhalteparole verkommt. Mehr als der Versuch, ein Abrutschen in der Liga in gefährlichere Zonen zu vermeiden, mag man dem VfB des Frühjahrs 2008 gar nicht zutrauen. Vom Minimalziel Uefa-Cup ganz zu schweigen. Einen internationalen Platz zu verpassen aber könnte Trainer Armin Veh und Manager Horst Heldt bei den Endabrechnungen in Bedrängnis bringen.
Simak vor Wechsel nach Stuttgart
Schon macht sich bei manchem die Ansicht breit, mit der Niederlage gegen Jena sei die Mannschaft endgültig beim Charaktertest durchgefallen. Dabei hatte Veh nach dem Derbysieg den Charakter seiner Spieler ausdrücklich nicht in Frage stellen wollen. Wenig Bereitschaft regt sich beim schwäbischen Personal, wenn es darum geht, sich gegen ein Ausscheiden aufzulehnen. Allein der Einsatzwille von Gomez, der im Verlauf der Partie bald einer tiefen inneren Wut zu entspringen schien, reichte nicht. Gomez, der seine Tore acht und neun im sechsten Spiel 2008 erzielte, musste sich von vielen seiner Teamkollegen schmählich im Stich gelassen vorkommen.
Unumgänglich scheint in Stuttgart ein grundlegender Neuanfang, der nur durch einen Umbau der Mannschaft erreicht werden kann. Nach der Pleite gegen ein tapferes Team aus Jena laufen dazu im Hintergrund schon die Vorbereitungen. Jan Simak, eine der tragenden Figuren in Jena, steht auf der Wunschliste, und der VfB ist sich mit dem Mittelfeldspieler wohl praktisch einig. In zwei Wochen, so verkündet Simaks Management, wisse man mehr. Dann weiß auch Horst Heldt, ob es Sinn macht, das neue Ziel für eine allzu selbstgefällig auftretende Mannschaft aufrechtzuerhalten, die sich ein gutes Dreivierteljahr nach ihrem größten Triumph in eine tiefe Krise spielte und keinen Ausweg zu finden scheint.
Jena hofft auf positiven Effekt für die Liga
Jenas Trainer Henning Bürger hat derweil ganz andere Sorgen. Minutenlang sah er zu, als seine Mannschaft vor den 3000 mitgereisten Fans tanzte und später am Buffet bei Nudeln und Gulasch zugriff. Er sagte etwas, das seine zwiespältigen Gefühle ausdrückt, die der Sieg hinterlässt: Ich würde das gerne gegen sechs Punkte in der Liga eintauschen. Bürgers Wunsch wird unerfüllt bleiben, und ich kann deshalb nur hoffen, dass sich durch den Erfolg heute ein paar Dinge in den Köpfen der Spieler verbessern. Die hatten in dieser Saison nicht viel zu feiern. Die Einnahme aus dem Halbfinale, die sich bei rund 1,2 Millionen Euro bewegen wird, hilft dem Verein und vielleicht auch der Grundstimmung, meinte Bürger. Er muss jetzt allen einreden, diesen Abend nüchtern zu sehen: Wichtig sind jetzt Punkte in der Liga und die Partie am Sonntag in Koblenz.
In Stuttgart agierte Jena lange zielstrebiger und nach Yidiray Bastürks Pfostenschuss in der 26. Minute, der einzigen VfB-Chance, und dem Treffer von Tobias Werner (31.) hatte man weitere Chancen. Den beiden Treffern von Gomez (81./94.) folgte nur Sekunden vor Ablauf der Verlängerung der abermalige Ausgleich. Der 19 Jahre alte Amateurtorwart Sven Ulreich griff bei einer Flanke daneben, und Robert Müller gelang das 2:2. Und schließlich rutschte Antonio da Silva beim Elfmeter aus. Nun sollten die Stuttgarter versuchen, wenigstens wieder aufzustehen.
VfB Stuttgart - Carl Zeiss Jena 2:2 (1:1, 0:1) n.V., 4:5 i.E.
Stuttgart: Ulreich - Beck (46. Boka), Fernando Meira, Delpierre, Magnin (72. da Silva) - Pardo - Hilbert, Bastürk, Hitzlsperger - Gomez (117. Khedira), Cacau. - Trainer: Veh
Jena: Chomutowski - Maul, Müller, Stegmayer - Holzner, Kühne (106. Saka), Ziegner, Werner - Simak - Schied (77. Amrhein), Petersen. - Trainer: Bürger
Schiedsrichter: Thorsten Kinhöfer (Herne)
Tore: 0:1 Werner (32.), 1:1 Gomez (81.), 2:1 Gomez (94.), 2:2 Müller (120.)
Zuschauer: 18.500
Gelbe Karten: Fernando Meira, Gomez - Müller
Text: FAZ.NET
Bildmaterial: AP, ddp, dpa, REUTERS
