Von Roland Zorn, Durban
26. November 2007 Rein sportlich gesehen, war es eine schöne Reise nach Durban für die Delegation des Deutschen Fußball-Bundes (DFB). Mit Russland, Finnland, Wales, Aserbaidschan und Liechtenstein in die Gruppe 4 der europäischen Qualifikation zur Weltmeisterschaft 2010 in Südafrika gelost worden zu sein, verursachte bei niemandem Kopfschmerzen.
Höflich sprach der wegen Zahnschmerzen daheim gebliebene Bundestrainer Joachim Löw von einer interessanten Gruppe; optimistisch bemerkte Nationalmannschafts-Manager Oliver Bierhoff, wir können zufrieden sein, wenn wir auf die anderen Gruppen sehen; unternehmungslustig stellte Löws Assistent Hans-Dieter Flick fest, dass wir tolle Gegner haben und Gruppenerster werden wollen. Keine Frage: Beim dreimaligen Weltmeister hält man sich allemal für stark genug, wieder einmal eine Qualifikationsrunde unbeschadet überstehen zu können. Wann Löws Mannschaft gegen wen bei der nächsten Prüfung nach der EM 2008 in Österreich und der Schweiz anzutreten hat, wird am 9. und 10. Januar bei einem Meeting der beteiligten Teams in Frankfurt am Sitz des DFB geklärt.
Des Kaisers Karten wurden nie abgeholt
Keine Kopfschmerzen beim Verband, keine Zahnschmerzen mehr bei Löw, aber viel Bauchgrimmen wegen der atmosphärischen Umstände: Bei aller Zufriedenheit über die Lösbarkeit künftiger Aufgaben reisten die Deutschen - und nicht nur sie allein - am Montag mit mulmigen Gefühlen heim. Der Raubmord an Peter Burgstaller, dem früheren österreichischen Fußballprofi beim SV Austria Salzburg, hatte in vielen Abordnungen der an diesem Wochenende in Durban über 3000 Mitglieder starken Großfamilie des Internationalen Fußball-Verbandes (Fifa) auf die Stimmung gedrückt.
Der 43 Jahre alte ehemalige Torwart und Inhaber einer Eventagentur war für die Auslosungszeremonie im International Convention Centre von keinem geringeren als Franz Beckenbauer eingeladen worden - doch die Karten, die der deutsche Fußball-Kaiser hatte hinterlegen lassen, wurden nie abgeholt.
Horrorzahlen und das Gefühl der Unsicherheit
Schlaglichtartig wurde im Mord an Burgstaller sichtbar, daß die kommende WM bei aller spürbaren Freundlichkeit der Südafrikaner auf gefährlichem Terrain ausgetragen wird: 52 Morde pro Tag im Jahresdurchschnitt, 19.202 registrierte Morde im vergangenen Jahr, dazu 126.558 schwere Raubüberfälle und 50.000 angezeigte Vergewaltigungen - das sind Horrorzahlen, die auch dem letzten WM-Touristen vor Augen führen sollten, dass er die WM-Party 2010 nicht mit der gefahrlosen, ausgelassenen Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland verwechseln sollte. Vorsicht und Umsicht sind zwingend geboten, wollen alle Fans wohlbehalten von dieser größten Sportveranstaltung der Welt zurückkommen.
Südafrikanische Kleinkriminalität lernte Bierhoff am Sonntag beim Frühstück im Hotel kennen, wo ihm eine Tasche mit zwei Mobiltelefonen und dem Reisepass gestohlen wurde. Heftiger aber als die ersetzbaren eigenen Verluste in einem Moment eigener Nachlässigkeit traf Bierhoff die Meldung vom Tod eines Bekannten. Der vormalige Stürmer hat 1990 und 1991 mit Burgstaller bei Austria Salzburg in einer Mannschaft gespielt. Ich bin bestürzt und erschrocken. Es ist tragisch, was hier passiert ist, kommentierte Bierhoff den Raubmord an dem Österreicher, und es wird natürlich in Verbindung gebracht mit der WM, auch wenn die Tat damit nichts zu tun hat.
Spieler werden sich nicht so frei wie sonst bewegen
Im engsten Sinne wohl nicht, doch das Gefühl der Unsicherheit gegenüber dem, was da auf die WM-Besucher 2010 zukommen könnte, überlagerte schon die erste weltweit beachtete Präsentation des WM-Gastgebers Südafrika. DFB-Generalsekretär Wolfgang Niersbach hob denn auch einerseits hervor, daß der Nachfolger der deutschen WM-Ausrichter hohen Vertrauensschutz genieße, schränkte den Kredit gleichzeitig aber mit den Worten ein, auch wenn es im Moment schwer fällt.
Für die deutsche Mannschaft, falls qualifiziert für die WM 2010, könnte die labile Situation in puncto Sicherheit laut Bierhoff unter anderem dazu führen, dass sich die Spieler nicht so frei wie sonst bewegen. Die südafrikanische Regierung und die Sicherheitsbehörden stehen ab sofort unter erhöhtem Druck der eigenen Bevölkerung und der Weltöffentlichkeit, effektiver gegen die hohe Kriminalität im eigenen Land anzukämpfen.
Zeit, Afrikas Menschlichkeit zu feiern
Fifa-Präsident Joseph Blatter beklagte den Tod des Geschäftsmanns mit Fußball-Vergangenheit zwar, nahm den Zwischenfall am Tag der Auslosung aber nicht zum Anlass, alle an der WM Beteiligten noch einmal eindringlich vor den unleugbaren Gefahren im kommenden Ausrichterland zu warnen. Lieber und ausführlicher sprach der Fußballpräsident von der angeblichen Fähigkeit seines Sports, Probleme lösen zu können.
Am Tag, da in Durban gelost und gefeiert werden sollte, gab Südafrikas WM-Organisationskomitee auch den Slogan für die kommende Weltmeisterschaft bekannt. Er lautet: Zeit, Afrikas Menschlichkeit zu feiern. Die Botschaft ist angekommen, an ihrer Verwirklichung wird noch hart zu arbeiten sein.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP, AP, DPA, REUTERS