Ausrüsterstreit

Bierhoff, der Millionenmann

Von Michael Ashelm, Frankfurt

Bierhoff bei einer Schuhpräsentation mit Ronaldo im Januar 2006

Bierhoff bei einer Schuhpräsentation mit Ronaldo im Januar 2006

03. Februar 2007 Oliver Bierhoff ist die nächsten Tage ausgebucht. Deutschland trifft am Mittwoch in Düsseldorf auf die Schweiz, weshalb rund um den Spieltermin wie üblich viel Arbeit auf den Manager der Fußball-Nationalmannschaft zukommt. Werbeaufnahmen mit den Profis, Sponsorentreffen, Gedankenaustausch mit einigen Spielerberatern. Doch anders als sonst nach dem Glanzstück bei der Weltmeisterschaft im vergangenen Jahr, als die Partylaune kaum abzuebben schien, dürfte die Stimmung im Lager der Nationalelf diesmal sehr angespannt sein. Der mögliche Jahrhundertdeal des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) mit dem amerikanischen Sportartikelhersteller Nike und die mögliche Absage an den langjährigen Partner Adidas hat Unruhe ausgelöst und Bierhoff ins Zentrum der Auseinandersetzung gerückt. "Wenn der DFB glaubt, ich bereite ihm zu viel Probleme, dann gehe ich halt", sagte der Manager der Nationalmannschaft am Samstag und heizte die Diskussion nochmals an.

Die knallige Aussage ist wohl weniger als Rücktrittsandrohung zu verstehen - sie gehört in diesen Tagen zum Muskelspiel oder soll einen Vertrauensbeweis herausfordern. Den gab DFB-Präsident Theo Zwanziger prompt und stellte sich zum zweiten Mal in dieser Woche hinter den Manager. "Er hat mein volles Vertrauen. Ich lasse es nicht zu, dass der Manager jetzt ins Abseits manövriert wird", so Zwanziger. Die Angriffe begannen, nachdem bekannt wurde, dass Nike dem deutschen Verband eine halbe Milliarde Euro geboten hatte, wenn von 2011 an ein Ausrüstervertrag zustande käme. Eine exorbitante Summe, die das Angebot des langjährigen DFB-Partners Adidas weit in den Schatten stellt. Der Vorwurf von Bierhoffs Gegnern: Der ehemalige Nationalspieler, der selbst acht Jahre lang als Werbefigur mit den Amerikanern verbandelt war, soll den Ausrüsterwechsel innerhalb des DFB intrigant vorantreiben und könnte bei Abschluss womöglich persönlich mit einer netten Provision profitieren. Bayern-Vorstand Karl-Heinz Rummenigge argwöhnte, bezogen auf Bierhoffs private und geschäftliche Basis, von der "Ich-AG vom Starnberger See" und sprach ihm die Seriosität ab. Bestätigt sehen sich die Kritiker in der Tatsache, dass Bierhoff selbst die schriftliche Nike-Offerte in einem Umschlag beim Präsidenten abgab. Er bestätigt das und auch seinen guten Draht zu Nike, aber widerspricht Mauschelei-Vorwürfen. "Mich überrascht die Boshaftigkeit der Unterstellung", sagt Bierhoff. "Ich bekomme kein Geld und keine Provision von Nike. Aber es ist doch vorteilhaft, einen Manager zu haben, der Leute kennt und nicht nur ein begrenztes Umfeld hat. Wir haben einen Wert geschaffen, über den wir uns bewusst sein sollten." Der DFB-Präsident will alle Fakten, die gegen Bierhoff sprechen könnten, "ohne Wenn und Aber prüfen", doch sehe er derzeit nur "Gerüchte" und "aus dem Zusammenhang gerissene Informationen" in der Diskussion.

Dass der DFB nach mehr als 50 Jahren die Partnerschaft mit dem Weltkonzern Adidas im Jahr 2010 beenden könnte, hat die deutsche Fußballbranche in Aufregung versetzt. Dabei geht es denjenigen, welche die lange Tradition mit Adidas als Argument gegen einen Wechsel anführen, wohl eher um die Sicherung der bestehenden Machtverhältnisse. Wie bei Rummenigges FC Bayern: Adidas ist eng mit den Münchnern verbandelt und hält zehn Prozent der Klubanteile. Bierhoff sieht die harsche Kritik aus der Liga auch als "Einschüchterungsversuch" gegenüber dem DFB und seiner prosperierenden Nationalelf. "Für mich ist das ein reines Ablenkungsmanöver in einer emotionalen Diskussion, um einem den Schwarzen Peter zuzuschieben", so der Nationalmannschaftsmanager. Er habe den Partner immer unterstützt. "Provozierend könnte ich sagen, dass Adidas mit der deutschen Nationalmannschaft noch nie so gute Ergebnisse vorgelegt hat wie unter dem Manager Bierhoff."

Der DFB hatte in dieser Woche ein Rechtsgutachten vorgelegt und dem Herzogenauracher Konzern widersprochen, dass bei Verhandlungen im vergangenen Jahr der Vertrag über 201o hinaus verlängert worden sei. Dem konterte am Samstag der Vorstandsvorsitzende von Adidas, Herbert Hainer: "Wir haben einen Vertrag." Dem Nike-Angebot von 50 Millionen Euro pro anno über acht Jahre plus 100 Extramillionen will sich Adidas nicht nähern und bietet seinem treuesten Partner elf Millionen Euro im Jahr an. Eine große Differenz - ob man so noch zusammenkommt? Viele im DFB und im Ligafußball, die eine enge Bindung mit Herzogenaurach für selbstverständlich halten, wären erleichtert, klärte sich die heikle Angelegenheit noch durch ein verbessertes Angebot von Adidas auf. Denn DFB-Chef Zwanziger scheint entschlossen zu sein, das klar höhere Gebot als Maßstab für die Entscheidung des Präsidiums (dem Bierhoff nicht angehört) zu nehmen. Alles andere wäre nicht nachvollziehbar und würde ihn als Treuhänder des DFB-Vermögens sogar in juristische Schwierigkeiten bringen. Für Oliver Bierhoff bedeutete der Nike-Deal, käme er zustande, eine bemerkenswerte Festigung seiner Machtposition im Verband. Nach der Ära Klinsmann hätte er die Rolle des starken Antreibers, Reformers und Provokateurs manifestiert in Gegenposition zu den alten Seilschaften und dem eingefahrenen Machtapparat. "Es passt wohl nicht jedem, dass jemand unabhängig zu seiner Meinung steht", sagt Bierhoff. Es täte dem Verband gut, jemanden zu haben, "der nicht gleich zusammenzuckt, wenn Karl-Heinz Rummenigge attackiert." Gerne sieht er sich dafür vor - und das mit gesundem Selbstbewusstsein: "Es freut mich, dass mir die Fähigkeit zugesprochen wird, ein Unternehmen dazu zu bringen, eine halbe Milliarde Euro in die Hand zu nehmen."

Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 04.02.2007, Nr. 5 / Seite 22
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa/dpaweb

© Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH 2009.
Alle Rechte vorbehalten.
Vervielfältigungs- und Nutzungsrechte erwerben
Verlagsinformation

Verliebt, verlobt, verheiratet!Für alle die mehr suchen als einen Flirt - www.faz.net/partnersuche

FAZ.NET Suchhilfe
F.A.Z.-Archiv Profisuche