08. Dezember 2006 DFB-Präsident Theo Zwanziger im F.A.Z.-Interview über das Ausrüster-Angebot von Nike, den sportpolitischen Einfluß seines Verbandes und sein Verhältnis zum DOSB-Präsidenten Thomas Bach.
Nike will dem DFB 50 Millionen Euro pro Jahr für die Ausrüstung der Nationalmannschaft zahlen. Kann man so ein Angebot überhaupt ablehnen?
Cash ist das eine. Aber eine Partnerschaft mit einem Ausrichter muß auch gelebt werden. Da steckt mehr dahinter. Wenn wir das mit Nike geklärt haben, wird es ein weiteres Gespräch mit Adidas auf der Führungsebene geben. Wir gehen Schritt für Schritt vor. Wir sind ergebnisoffen.
Gibt es nach einer Partnerschaft von über 50 Jahren schon so etwas wie ein nationales Anliegen, daß die Verbindung zwischen DFB und Adidas bestehenbleibt.
Aus der Sicht eines Fußball-Verbandes sehe ich das so. Aus der Sicht zweier Weltunternehmen muß man das anders betrachten. Daß es zu einer solchen Entwicklung kommt, liegt nicht an uns, sondern an der Entwicklung auf dem Weltmarkt. Das ist positiv unter wirtschaftlichen Aspekten. Aber wir müssen auch eine gerechte Bewertung dessen, was wir leisten können, im Auge behalten.
Was meinen Sie damit?
Wenn man zu dem Ergebnis käme, daß das Angebot von Nike überzogen ist, dann könnte es passieren, daß man später als Vertragspartner die Erwartung nicht erfüllen kann. Aber zu einer gerechten Bewertung des Nike-Angebotes fehlt uns noch einiges an Details und somit Substanz.
Also gibt es neben der Freude über den wirtschaftlichen Aspekt auch einen moralischen Druck?
Ja, das ist völlig klar. Ich spüre den moralischen Druck auch. Wir werden uns das in gar keiner Weise leichtmachen. Unser erster Weg war auch, nach Herzogenaurach zu fahren und unseren Partner über das Angebot zu unterrichten. Mehr kann man in so einer Situation nicht tun. Verheimlichen wäre falsch gewesen - und es wäre auch falsch gewesen, das Angebot in den Papierkorb zu werfen.
Mit 50 Millionen Euro pro Jahr kann der DFB eine Menge bewegen - dafür haben Sie auch die Verantwortung.
Diese Zahl kommentiere ich nicht. Ich habe aber zuletzt mit Vereinsvertretern aus Bürstadt zusammengesessen, um mir mal anzuhören, wie die Situation an der Basis ist. Da wird oft die Frage gestellt: Dieser reiche DFB, könnte der nicht noch mehr tun? So reich ist der DFB nicht, wenn man sich die Aufgaben des Verbandes im gemeinnützigen Bereich vor Augen führt, wenn man die Situation von 26 000 Vereinen und der Jugendarbeit berücksichtigt, wenn man sieht, was wir in den Schulen, bei der Ausbildung der Mitarbeiter noch vorhaben. Dann sind wir nicht reich, sondern könnten noch mehr Geld für diese und andere gemeinnützige Aufgabe gebrauchen. All das muß berücksichtigt werden. Ich habe zu dem Angebot aber noch keine abschließende Meinung.
Haben Sie als stärkster und reichster Fachverband in Deutschland auch den größten politischen Einfluß im DOSB?
Da die Aufgabenfelder des DOSB nur in einigen wenigen zentralen Bereichen den Fußball unmittelbar tangieren, sind wir eher zurückhaltend. Wir majorisieren nicht. Wenn wir jedoch bei wichtigen Entscheidungen unmittelbar betroffen sind, werden wir uns unterstützend einbringen.
Gibt es im fusionierten deutschen Sport, anders als früher, einen Schulterschluß zwischen DFB und DOSB?
Ja, der Eindruck ist richtig. Zwei Punkte muß man dabei sehen, bei denen sich der DFB und auch der DOSB neu positionieren. Erstens: das klare Bekenntnis zum Leistungssport und zur Elite. Dabei wollen wir als DFB helfen, diesen Gedanken auch im DOSB noch stärker sichtbar zu machen. Ich bin überhaupt nicht glücklich darüber, daß die Nationalmannschaft bei der WM gut abgeschnitten hat, aber daß wir das in der Leichtathletik oder anderen Sportarten nicht mehr so erleben. Zweitens: Der DFB verändert sich gesellschaftspolitisch. Der DFB wird nicht mehr nur die Nationalmannschaft sehen, sondern wir werden uns stärker in gesellschaftlichen und sozialen Fragen einbringen. Der DFB ist nicht nur Macht und Reichtum. Der DFB ist auch das Leben in einem kleinen Fußballverein mit all seinen Konsequenzen - das ist ein Bereich, den der DFB früher nicht so stark im Blick hatte. Die Berührungspunkte mit dem DOSB sind durch die Sportentwicklung an der Basis größer geworden, es gibt jetzt mehr Schnittstellen. Früher herrschte Abgrenzung, jetzt gibt es wechselseitige Unterstützung.
Wie ist Ihr Verhältnis zum DOSB-Präsidenten Thomas Bach?
Ich pflege ein freundschaftliches Verhältnis mit Thomas Bach. Er ist der Beste, den wir kriegen konnten für den Sport. Und die Entscheidung für Michael Vesper (Generaldirektor des DOSB) ist mindestens genauso gut. Wenn die beiden uns brauchen, werden wir an ihrer Seite stehen, denn ich weiß, daß sie den Sport so entwickeln, wie auch wir das für richtig halten.
Im Streit um die Sportwetten hat Bach Ihnen die Meinungsführerschaft überlassen. Sie haben die Verhandlungen geführt, während Bach gar nicht anwesend war und umgekehrt. Gibt es ein blindes Vertrauen?
Das ist auch Ausdruck unseres guten Verhältnisses. Wir wissen, daß wir uns nicht hintergehen. Bei der letzten Verhandlung hat er das ganz souverän gemacht. Er hat die gemeinsame Position vorgestellt, sieht aber auch die besondere Lage des Fußballs - und er hat deutliche Kritik an dem jetzt vorliegenden Entwurf geübt.
Sie loben Bach in höchsten Tönen - und damit auch sich selbst, weil Sie ihn als Vorsitzender der Findungskommission für den Posten vorgeschlagen haben?
Nein, ich sehe Inhalte. Thomas Bach ist der oberste Repräsentant des deutschen Sports - und diese Rolle steht ihm zu. Ich werde ihm da überhaupt nicht ins Gehege kommen. Er ist ein Mann mit einer hohen Kompetenz. Er hat auch uns im Fußball viel geholfen. Ich habe Hochachtung davor, was er im Aufsichtsrat des WM-OK geleistet hat. Er war ein aktives Aufsichtsratsmitglied. Seine internationale Erfahrung durch das IOC hat uns geholfen. Er ist ein glänzender Jurist. Und darüber hinaus ist er ein korrekter und zuverlässiger Weggefährte. Von daher ist er der Beste, den der deutsche Sport bekommen kann - und der Fußball will die Besten. Ich bin nicht interessiert an einem DOSB, in dem ein Kompromißkandidat an der Spitze steht, der jeden Tag daran denken muß, einem anderen nach dem Munde zu reden. Das können wir nicht gebrauchen.
Wo gibt es in diesem Team Zwanziger/Bach noch präsidiale Arbeitsteilung?
Die Kernabstimmung zwischen DFB und DOSB läuft zwischen uns beiden, entweder per Telefon oder durch kurze Treffen. Darüber hinaus haben wir das gemeinsame Thema Integration. Wir wären ja eigentlich gar nicht beim Integrationsgipfel in Berlin vorgesehen gewesen, wenn wir der Bundeskanzlerin nicht übermittelt hätten, daß der Sport beim Thema Integration eine große Rolle spielen könnte. Die hohe Administration ist ja manchmal ein wenig weltfremd, indem sie die Normalität des Lebens mit dem Sport in all seinen Facetten in manchen Amtsstuben nicht sieht, und ihn vor allem im Bund nicht richtig gewichtet. Die Kanzlerin hat das Gott sei Dank zusammen mit ihrer Staatsministerin korrigiert. Aber dazu mußten wir sie schon persönlich ansprechen. Wir als DFB finanzieren dort nun eine Mitarbeiterin im Bundeskanzleramt, die im Integrationsstab für den Sport wirken soll - und wir bezahlen auch eine Mitarbeiterin beim DOSB, die wiederum dort für die Koordinierung zuständig ist. Da muß man sich wechselseitig ergänzen.
Thomas Bach werden Ambitionen auf die IOC-Präsidentschaft nachgesagt. Wie kann der DFB ihn dabei unterstützen?
Wir können diesen Prozeß begleiten, wenn wir mit anderen internationalen Vertretern zusammen sind. Aber es ist zu früh, Thomas Bach jetzt in eine Kandidatendiskussion zu drängen. Von der Qualität erfüllt er alle Voraussetzungen. Ein IOC-Präsident Bach wäre für Deutschland ein erstrebenswertes Ziel. Wenn ich es entscheiden dürfte, wäre er morgen IOC-Präsident.
Der Schulterschluß zwischen Bach und Zwanziger gefällt nicht allen.
In den Landessportbünden gefällt tatsächlich nicht allen die starke Bedeutung des Fußballs, weil man sich dort auf die Verwaltung von Steuergeldern im Breitensport beschränkt und die Chancen der Eigenfinanzierung über den Spitzensport vernachlässigt und beneidet. Das wird uns aber nicht hindern, unseren Weg zu gehen. Ich kann auch nicht ausschließen, daß es Leute gibt, denen diese Dominanz zu stark ist. Da wird es schon ein paar geben, die sagen: Mit Bach und Zwanziger ist das ein bißchen zu eng, da kommt unsere Rolle nicht mehr so zur Geltung, wie wir das gerne hätten.
Aber liegt das nicht auch daran, daß der Schulterschluß nur auf der Ebene der Präsidenten stattfindet und in den Verbänden noch lange nicht gelebt wird?
Wenn sich die Leute an der Spitze nicht verstehen und nicht die gleichen Zielsetzungen haben, kann es überhaupt nicht klappen. Streit setzt sich nach unten fort. Da Thomas Bach und ich in der Sache einig sind und uns menschlich glänzend verstehen, ist das eine ideale Kombination. Wenn man in der Sache übereinstimmt, aber sich menschlich nicht versteht, wird es immer Probleme geben.
Also ist Bach/Zwanziger für Sie die ideale Doppelspitze des deutschen Sports?
Bach ist die Spitze, ich bin sein hilfreicher Diener.
Und da gibt der reichere Partner auch gerne mal ein paar Millionen?
Als sich statt der kalkulierten schwarzen Null bei der WM ein stattlicher Gewinn anbahnte, war mir klar, daß wir denen helfen, die auch uns bei der WM geholfen haben. Bei allem Engagement und Herz, die Franz Beckenbauer und die anderen eingebracht haben - aber die WM haben genauso die Menschen in Deutschland getragen. Die kommen nicht nur vom Fußball. Deswegen haben wir drei Millionen Euro an den DOSB gegeben. Das ist auch eine persönliche Würdigung für die Arbeit von Thomas Bach für uns. Eine Million haben wir für die Sporthilfe und eine Million für den Behindertensport gegeben - neben dem, was wir im deutschen Sport ohnehin schon machen. Außerdem unterstützen wir über die Egidius-Braun-Stiftung seit zehn Jahren eine Menge Sportler aus kleineren Fachverbänden. Das ist gelebte Solidarität. Das machen wir gerne - und haben auf diese Weise schon einige olympische Medaillen mitgewonnen.
Wo Bach Hilfe braucht, ist in der Frage der Doping-Gesetzgebung. Wie ist Ihre Haltung zur Besitzstrafbarkeit für Sportler?
Ich bin der Auffassung, der Sport muß Autonomie leben. Aber es gibt Felder, da braucht der Sport den Staat. Wir haben das in unserem Wett- und Manipulationsskandal erlebt. Der Sport hat nicht die Machtmittel, um wie staatliche Organe zur Aufklärung zu kommen. Der Sport kann zwar Zeugen vernehmen, aber keinen Eid abnehmen. Auch Durchsuchungen und Beschlagnahmungen sind nicht möglich. Insoweit muß der Staat dem Sport helfen, wenn dieser es alleine mit seinen Mitteln nicht schaffen kann. Ohne die Staatsanwaltschaft in Berlin wären wir mit dem Fall Hoyzer nicht fertig geworden - und er hätte womöglich auch kein Geständnis abgelegt. Deswegen habe ich Hoyzer auch so kriminalisiert. Wenn er nicht Betrüger ist, kriegen wir ihn nicht. So ähnlich sehe ich die Sache auch im Dopingbereich. Aber wir als Fußballer haben dieses Problem nicht in dieser Schärfe wie Individualsportarten.
Müssen Sportler, die dopen, nicht auch als Betrüger bezeichnet werden?
Für mich ist das Betrug, weil es sich um ein unwürdiges Verhalten handelt, das die Gesellschaft in ihrer Mehrheit ächten möchte. Gleichwohl werden jetzt viele Juristen über mich herfallen und den möglicherweise fehlenden Vermögensschaden reklamieren. Die Gesellschaft kann kein Verständnis bei der riesigen Bedeutung des Sports dafür aufbringen, daß Dopingfälle letztlich straflos verlaufen.
Werden Sie für die Position, das Strafrecht auch in Dopingfällen einzusetzen, kämpfen.
Nein. Das ist eine Sache, die zwischen der Politik und dem DOSB ausgehandelt werden muß. Da gibt es viele Vorschläge, und wir haben uns nicht so intensiv daran beteiligt. Ich sehe uns nicht als Speerspitze in dieser Diskussion.
Wo möchten Sie den DFB und DOSB in zehn Jahren sehen?
Ich möchte, daß wir international mehr Goldmedaillen gewinnen. Daß wir international große Erfolge haben. Daß wir wegen unseres Auftretens Respekt und Anerkennung erfahren, daß wir unsere behinderten Spitzensportler fördern. All dies sollten wir nutzen, um die Menschen zu begeistern, Sport zu treiben, um damit auch den Freizeit- und Breitensport voranzubringen.
Woran scheitert es bisher?
Wir müssen wesentlich mehr in den Schulen tun. Trotz aller Kampagnen ist in den Amtsstuben der Kultusministerien keine Bereitschaft zu erkennen, die Zahl der Sportstunden zu erhöhen. Pisa-Studien hin oder her. Ich bin der festen Überzeugung, daß die Persönlichkeitsentwicklung junger Menschen viel wichtiger ist als das Eintrichtern eines Fachwissens, das sie ein Jahr nach dem Schulabgang wieder vergessen haben. Warum nicht mehr Sport, mehr Mannschaftssport in den Schulen treiben, der hilft, Toleranz und Respekt zu leben? Den Kindern kann spielend verdeutlicht werden, daß ein Mannschaftskollege kein schlechterer Mensch ist, weil er eine andere Hautfarbe hat. Nur wenn wir hier einen Schritt weiterkommen, werden wir den Problemen in der Gesellschaft begegnen können. Denn Gewalt in Kindergärten, Schulen und Familien, natürlich auch im Sport, hat zunächst eine Ursache: Man versteht sich nicht. Der Sport aber vermittelt in einem besonderen Maße, wie man sich verstehen und respektieren lernt. Wir wollen mit den anderen Sportarten zusammen dafür sorgen, daß mehr Sport getrieben werden kann. Früher mußte der DOSB das alleine machen. Jetzt werden wir zusammen unsere Kraft für dieses Ziel einsetzen.
Das Gespräch führten Anno Hecker und Michael Horeni
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP, dpa, REUTERS