Von Michael Eder, Manchester
15. Mai 2008 Im Duell Technik gegen Kampfkraft, Offensive gegen Defensive hat sich am Mittwochabend im Uefa-Pokal-Finale der kreativere Fußball durchgesetzt. Zenit St Petersburg gewann vor 47.700 Zuschauern in Manchester gegen die Glasgow Rangers durch Tore von Igor Denisow (72.) und Zyranow (90.+3) mit 2:0.
Zenit ist damit die zweite russische Mannschaft nach ZSKA Moskau 2005, die den Uefa-Cup gewann. Die Russen mussten ein hartes Stück Arbeit hinter sich bringen, um die zähe Abwehrkraft der Schotten niederzuringen. Die fehlende Klasse von Glasgow zeigte sich nach dem Rückstand in aller Deutlichkeit. Die Rangers schafften es nicht mehr, auf Angriff umzuschalten und die Russen noch einmal in Verlegenheit zu bringen.
Sieg gegen Bayern machte Eindruck
358 Begegnungen waren in dieser Uefa-Cup-Saison gespielt worden, ehe das Finale feststand. Dass sich am Ende dieses Fußball-Marathons Schotten und Russen gegenüberstehen würden, darauf hätte kaum einer gewettet. Ins Duell der Außenseiter ging St. Petersburg als Favorit, was am 4:0-Sieg im Halbfinale gegen Bayern München lag, ein Ergebnis, das auch bei den Rangers und ihrem Anhang mächtig Eindruck gemacht hatte.
Die Russen mühten sich am Mittwoch im Stadion von Manchester City von Anfang an, die ihnen zugedachte Rolle zu erfüllen. Sie griffen an und versuchten, ihren Star-Angreifer Andrei Arschavin, der gegen die Bayern noch gefehlt hatte, in Szene zu setzen. Nach vier Minuten tauchte Arschavin zum erstenmal im Strafraum auf, traf aus zwölf Metern aber nur das Außennetz. Als zweite Spitze hatte Zenit-Trainer Dick Advocaat Fatih Tekke aufgeboten, der türkische Nationalspieler ersetzte den gesperrten und deshalb untröstlichen Pawel Pogrebnyak, der mit zehn Toren der treffsicherste Zenit-Angreifer im laufenden Wettbewerb war.
Schwere Suche nach der Lücke
Die Partie nahm die erwartete Richtung. Glasgow zog sich zurück und vertraute auf seine Verteidigung, die in acht Uefa-Cup-Auftritten in dieser Saison nur zwei Gegentore zugelassen hatte. Nach zwanzig Minuten lag die Ballbesitzzeit für die Russen bei 65 Prozent, doch zu weiteren Torchancen waren sie nicht gekommen. Im Gegenteil: Sie konnten von Glück reden, dass Shirokow nach dem einzigen zwingenden Angriff der Rangers in der 7. Minute vor Thomson klären konnte. Zenit tat sich schwer, eine Lücke zu finden, zog sich phasenweise ein wenig zurück, doch die Rangers ließen sich nicht locken. Wenn sie angriffen, dann nur mit der eigenen Abwehr im Rückspiegel. Ein halbwegs gefährlicher Weitschuss von Anyukkow (29.) - mehr brachten die technisch deutlich besseren Russen bis zum Wechsel nicht mehr zustande. Pech hatten sie, dass der schwedische Schiedsrichter Fröjdfeldt kurz vor Halbzeit ein Handspiel von Broadfoot im Strafraum nicht zum Anlass nahm, auf Elfmeter für Zenit zu entscheiden.
Die Schotten bestimmten das Geschehen - wenn auch nur den Rängen. Mit der Hoffnung, den ersten europäischen Titel seit 36 Jahren zu feiern, waren rund 100.000 Teddy Bears, wie sich die Rangers-Fans nennen, angereist, die friedliche Übernahme Manchesters hatte schon am Tag vor dem Spiel begonnen, die
Stadt, die drei Fan-Zonen samt Public-Viewing-Arenen und die Biervorräte waren fest in schottischer Hand. Die Spieler von Trainer Walter Smith, das ließen die Fans im Stadion per Riesentransparent wissen, könnten schottische Fußball-Geschichte schreiben, ein Sieg, so die Botschaft, würde sie für alle Zeiten zu Rangers-Helden machen. Und daran arbeiteten sie auch nach dem Wechsel. Zenit muss die Abwehr der Schotten vorgekommen sein wie ein Kaugummi, je länger man es kaut, desto ungenießbarer wird es.
Erster Schotten-Schuss nach 54. Minuten
In der 54. Minute schossen die Schotten zum allererstenmal aufs Tor des Gegners, und sofort überschlug sich die Stimmung im Stadion. Darcheville hatte sich im Strafraum durchgesetzt, Malafeew im Zenit-Tor mit dem Fuß geklärt, und beim anschließenden Durcheinander landete der Ball an der Hand von Sirl, diesmal reklamierten die Schotten vergebens einen Elfmeter. Immerhin nahm das Spiel nach dieser Szene etwas Fahrt auf, de Rangers trauten sich mehr zu, kamen zu zwei gefährlichen Distanzschüssen, ehe sie in der 64. Minute wieder Glück hatten. Torhüter Alexander hatte sich nach einem weiten Pass verschätzt, war gegen Arshavin zu spät gekommen und auf die Hilfe von Verteidiger Papac angewiesen, der den Ball von der Linie schlug. Das Bollwerk hielt - bis zur 72.Minute, bis Arshavin mit einem zentimetergenauen Pass die Lücke fand und Denisow den Ball freistehend an Alexander vorbeischieben konnte. Als die Rangers in der Schlussphase alles nach vorne warfen, sorgte Zyranow mit dem 2:0 für die endgültige Entscheidung.
Zenit St. Petersburg - Glasgow Rangers 2:0
St. Petersburg: Malafejew - Anjukow, Krizanac, Schirokow, Sirl - Denisow, Timostschuk, Zyrianow - Fajsulin (90.+2 Kim), Arschawin - Tekke
Glasgow: Alexander - Broadfoot, Cuellar, Weir, Papac (77. Novo) - Hemdani (80. McCulloch) - Whittaker (83. Boyd), Ferguson, Thomson, Davis - Darcheville
Schiedsrichter: Peter Fröjdfeldt (Schweden)
Tore: 1:0 Denisow (72.), 2:0 Zyrianow (90.)
Zuschauer: 47.726 (ausverkauft)
Text: FAZ.NET
Bildmaterial: AFP, AP, dpa, REUTERS
