Champions League

Der Star aus dem Katalog - wertvoller als Beckham

Die Tore von Lampard (r.) und Drogba trafen den FC Bayern ins Mark

Die Tore von Lampard (r.) und Drogba trafen den FC Bayern ins Mark

12. April 2005 Nach dreißig Minuten kamen Zweifel an der Wahl der Abendgarderobe. Mit den blauen Schuhen lief es nicht so gut wie mit den silbernen, die Frank Lampard bisher glänzend durch die Saison getragen hatten. „Ich war besorgt, es könnten die falschen sein, weil ich etwas abergläubisch bin“, sagte er dem „Mirror“. „Aber ich mußte die Farbe ändern, es steht so im Vertrag.“ Nach zwei Lampard-Schüssen ins Blaue drückte dann die Bayern der Schuh. „Zwei Tore zu schießen, wenn das Team es braucht“, jubelte Lampard nach dem 4:2 gegen die Bayern, dafür sei ein „big player“ da. Also einer wie er.

Lampard mahnt natürlich zur Vorsicht vor dem Rückspiel an diesem Dienstag. Dabei sieht es aus, als könne mit diesem Mann derzeit gar nichts schiefgehen. „Meine Stimmung war nie besser. Und wenn mein Spiel gut ist, dann ist auch mein Leben glücklich.“ Der 26jährige Antreiber des FC Chelsea ist zusammen mit seinem Teamkollegen John Terry auch Favorit auf die beiden „Spieler des Jahres“-Titel in England - einen vergeben die Journalisten, einen die Spieler selbst. „Nur wenn die Stimmen in Simbabwe ausgezählt würden“, mutmaßt der „Telegraph“, „könnte ein anderer die Spielerwahl gewinnen.“

Verrückt, unglaublich, unerklärlich

Bayern-Schreck: Frank Lampard

Bayern-Schreck: Frank Lampard

Lampard war letztes Jahr schon Zweiter hinter Thierry Henry. Diese Saison ist er noch viel besser. Er spielte 48 von 49 Partien, schoß 14 Tore plus drei im Nationalteam. Beim 1:1 gegen Birmingham am Samstag schonte Trainer Jose Mourinho angesichts von 13 Punkten Vorsprung vier Stammspieler für München - Drogba, Gudjohnsen, Carvalho, Makelele. Lampard spielte natürlich. Es war sein 136. Premier-League-Spiel in Folge.

Dreieinhalb Jahre, ohne einen Einsatz zu verpassen: nie verletzt, nie gesperrt, immer treibende Kraft. Es ist eine Beständigkeit, die Alex Ferguson, Trainer von Manchester United, neidvoll als „freakish“ beschreibt: allenfalls übersetzbar mit einer Kombination der Wörter verrückt, unglaublich, unerklärlich.

Hase-und-Igel-Spiel

Lampard in seiner wachen Spielintelligenz zu beobachten kann eine wahre Freude sein. Eine Art Hase-und-Igel-Spiel. Welcher Laufweg oder Zweikampf, Paß oder Schuß zu erledigen ist: Wenn der Zuschauer gerade denkt, daß es einer jetzt gerade tun müßte, hat Lampard es meist schon getan. Ließe sich ein Mittelfeldspieler aus dem Bestellkatalog konfigurieren: Laufwunder, zweikampfstark, taktisch intelligent, ausgeglichenes Temperament, paßgenau, schußstark mit beiden Füßen - heraus käme Lampard.

Und er wird von Jahr zu Jahr stärker. Sein Onkel und früherer Trainer Harry Redknapp sagt, er habe nur einen einzigen Profi kennengelernt, der noch härter an sich arbeitete als Frank Lampard: nämlich Frank Lampard senior, der als Profi zweimal Pokalsieger mit West Ham United war. „Meine Einstellung ist: immer besser werden. Das kommt von meinem Dad, der mich abends mitnahm auf den Trainingsplatz, mit mir Spurts und Schüsse übte. Wenn das einmal in dir steckt, bleibt es Teil von dir: Wieviel Talent du auch hast, du mußt dich immer weiter antreiben.“ Eines der wichtigsten Übungsziele: links wie rechts. Mit rechts hat Lampard einen Schuß, der ihn auch aus 25 oder 30 Metern torgefährlich macht. Im Training übt er mit links ebensoviel: „50:50 mit beiden Füßen.“

Ein geniales Stück Improvisation

Man sah es bei den beiden Toren gegen die Bayern: beide mit links, dem schwächeren Fuß. Beide ohne Zögern geschossen, wie es nur das Vertrauen in die eigene Technik erlaubt. Lampard gab zu, daß bei seinem Traumtor zum 3:1 das Stoppen mit der Brust nicht so klappte wie geplant - er wollte ihn auf den rechten Fuß legen, doch der angedrehte Ball schraubte sich über seinen Kopf zur anderen Seite. So drehte er sich blitzschnell um 180 Grad und setzte ihn mit links als Halbvolley am verdutzten Kahn vorbei. Ein geniales Stück Improvisation auf der Basis harter Arbeit.

„Lampard bestraft Bayern“, schrieb der „Independent“ in klassenkämpferischer Diktion: „Der Held aus der englischen Arbeiterklasse überrannte die deutschen Aristokraten.“ Dabei ging Lampard auf eine teure Privatschule und machte einen Einser-Abschluß in Latein. Doch mit den Kollegen von der sozialen Basis verband den heutigen Musterknaben, der Diät und intensives Fitneß-Training pflegt, wenigstens früher eine Vorliebe für Eskapaden: gefilmte Sexspielchen auf Zypern, im Suff angepöbelte Passanten, eine Affäre mit „Boxenluder“ Katie Price. Das ist aber lange her.

Der „neue Becks“

Die „Sun“ nennt ihn den „neuen Becks“, nur daß er nicht ständig neue Frisuren und Tattoos braucht und für sein Team wohl wertvoller ist, als es David Beckham je war. Der „Telegraph“ vergleicht ihn mit Bobby Charlton. Für Johan Cruyff ist Lampard bereits „der beste Mittelfeldspieler der Welt“. Der tritt den Lobeshymnen wohlerzogen entgegen: „Wenn ich solche Dinge aus dem Munde großer Spieler höre, fällt es mir schwer zu glauben, daß sie mich meinen“, sagt er bescheiden. Und fügt mit verdienter Unbescheidenheit hinzu: „Aber sie tun gut.“

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12. April 2005
Bildmaterial: AP, picture-alliance/ dpa/dpaweb

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