07. Juli 2006 War's das jetzt? Ein Blick auf den Spielplan bestätigt die schlimmste Befürchtung: Am Sonntag abend ist die Fußball-Weltmeisterschaft 2006 definitiv vorbei. Gilt das aber auch für die Dauerparty, für die Hochstimmung in diesem Land, das sich zu einer wundersamen Romanze mit sich selbst hinreißen ließ? Wird mit den Deutschlandfahnen auch der zart keimende Patriotismus wieder eingemottet? Sinnbildlich verkörpert all diese Ängste jene Einundzwanzigjährige aus Speyer, die nach der Niederlage gegen Italien ihre schwarz-rot-goldene Flagge vom Balkon holen wollte: Sie fiel herunter und verletzte sich leicht. Droht nach der Pleite nun der Absturz?
FAZ.NET meint: Dazu dürfen wir es nicht kommen lassen. Um den weltmeisterlichen Ausnahme- zu einem Dauerzustand zu machen, bedarf es gar nicht soviel. Mit diesem Leitfaden vermeiden Sie den Sturz in den Abgrund und geben dem WM-Kater keine Chance.
1. Fußball ist nicht alles!
Deutsche Sportler, von deren Erfolgen wir uns mitreißen lassen können, müssen nicht Ballack oder Lehmann heißen. Unsere patriotischen Gefühle ließen sich wesentlich breiter verteilen: Packen Sie Tröten und Trillerpfeifen ein, wickeln Sie sich den Fanschal um den Hals und reisen Sie rund um die Welt zu den kommenden Großereignissen, die sich hinter der Fußball-WM zwar verstecken, es aber eigentlich gar nicht müssen. Zum Beispiel die Galopp-Derby-Woche in Hamburg (15. Juli), die Rugby-WM der Frauen in Edmonton (August) oder die Billard-Dreiband-WM in St.Wendel (September). Drücken Sie unseren Jungs und Mädels die Daumen!
2. Die nächste WM steht vor der Tür!
Und wenn Sie vom Fußball überhaupt nicht loskommen: Bis zur nächsten WM sind es ja nur noch vier Jahre. Da braucht man keine Zeit zu verlieren, um sich darauf einzustimmen! Beantragen Sie jetzt schon Ihren Urlaub für den Sommer 2010. Setzen Sie sich frühzeitig mit der Fifa in Verbindung, um wenigstens dieses Mal an Tickets zu kommen. Und befassen Sie sich mit dem Gastgeberland, auf daß Sie Ihre Bekannten mit Fachwissen beeindrucken können: daß das Mbombela-Stadion in Nelspruit steht und nicht in Bloemfontein. Daß Pretoria möglicherweise bald Thswane heißt. Lernen Sie Zulu.
3. Bewahren Sie Ihre Erinnerungen!
Außerdem geht ja wieder die Bundesliga los. Da kann es natürlich passieren, daß Sie Schlagerspiele wie Hannover gegen Gladbach oder Aachen gegen Bochum verfolgen und ganz, ganz traurig werden - wie weit diese WM doch nun schon zurückliegt! Doch hüten Sie sich vor der Verklärung. Auch bei dieser WM war beileibe nicht alles glänzend. Wenn Sie sich nur ganz genau erinnern, dann wird es Ihnen gelingen, auch dem trostlosen Bundesligakick eine positive Facette abzugewinnen: Dieser Stürmer aus Bielefeld kann technisch zwar gar nichts, aber er läuft immerhin mehr als Ronaldo. Der Kader von Cottbus mag zwar aus Kloppern bestehen, aber das war, streng betrachtet, bei Portugal ganz genauso. Und wenn das Ligaspiel auch noch so schlecht ist: Besser als die Partie Schweiz - Ukraine ist es bestimmt allemal.
4. Bleiben Sie patriotisch!
Holen Sie die schöne deutsche Fahne - siehe oben - jetzt bloß nicht ein. Lassen Sie sie ruhig noch hängen, ein paar Wochen, Monate oder gerne auch Jahre. Wahre Vaterlandsliebe ist keine flüchtige Beziehung, sondern dauerhaft in guten wie in schlechten Zeiten. Erst eine Fahne, die den Stürmen getrotzt hat, die mit Regen und Schnee durchtränkt über ihrer Windschutzscheibe klebt, weist Sie als treuen Patrioten aus - jedenfalls bis zur nächsten Straßenkreuzung. Beeindrucken Sie andere durch Ihre Liebe zu Ihrem Land. Haben Sie auch gehört, wie die deutschen Fans im Stadion, als es im Spiel gegen Italien allzu brenzlig wurden, wie ein Mann die Nationalhymne anstimmten? Nehmen Sie sich daran ein Beispiel. Sollten sich also die Verhandlungen mit der potentiellen Partnerfirma aus dem Ausland als festgefahren erweisen, erheben Sie sich von Ihrem Stuhl und schmettern die deutsche Hymne. Sie werden sehen, daß danach die Atmosphäre eine ganz andere sein wird.
5. Erfreuen Sie sich an kleinen Dingen! Seien Sie geduldig!
Erinnert sich noch jemand an die Anfänge der Ära Klinsmann? Wissen Sie noch, wieviel Kritik der Mann einstecken mußte, wie nah man sein Team nach schlechten Auftritten am Abgrund wähnte? Gut Ding will Weile haben - auch außerhalb des Platzes. Freuen Sie sich also über jeden noch so kleinen Reformschritt, der uns dereinst noch ganz nach vorn bringen kann. Feiern Sie die Föderalismusreform! Stoßen Sie an auf den Gesundheitsfonds! Singen Sie Loblieder auf die höhere Mehrwertsteuer, denn nur eine gemeinsame Anstrengung kann uns einmal zum Weltmeister machen.
6. Halten Sie fest an lieben Gewohnheiten!
Was haben wir uns in diesen Wochen gut gefühlt! Und auch die anderen Nationen waren verblüfft, wie lustig, verspielt und locker wir Deutschen sein können. Wollen wir nun plötzlich wieder ernst, steif und pedantisch sein? Beweisen Sie sich und der Welt, daß wir auch anders können, und zwar dauerhaft: Bieten Sie auch weiterhin Panini-Bilder zum Tausch an. Kommen Sie im Goleo-T-Shirt zur Vorstandssitzung. Setzen Sie sich mit freiem Oberkörper und Bierflasche auf die Straße. Fallen Sie, wenn's Ihnen gutgeht, einfach mal wildfremden Menschen um den Hals. Verabreden Sie sich mit Freunden zum anlaßlosen Autokorso: Drei Wagen sollten dazu schon reichen.
7. Genießen Sie unser gutes Image!
Die zugereisten Fans haben sich bei uns wohlgefühlt, und unsere Zeitungen haben eifrig wiedergegeben, was die Deutschland-Korrespondenten anderer Länder berichteten: Wir Deutschen waren gute Gastgeber. Wir waren nett zu allen, haben brav auch mal verloren und keinen noch so kleinen Krieg angefangen. So beliebt waren wir in der Welt selten - und es ist unser gutes Recht, das nun zu genießen. Sollten Sie demnächst also nicht mehr Gastgeber, sondern irgendwo zu Gast sein, dann dürfen Sie erwarten, daß uns unsere guten Dienste vergolten werden. Lassen Sie auf Mallorca die Engländer für Sie die Liegen räumen, verlangen Sie in der Toscana den Espresso umsonst, laufen Sie im schwarz-rot-goldenen Büstenhalter durch Teheran. Und staunen Sie über die vielen neuen Freunde, die wir in diesen glanzvollen Wochen gewonnen haben.
Text: jöt
Bildmaterial: dpa