Offenbacher Kickers

César Thier – hart, aber herzlich

Von Jörg Daniels

16. Mai 2008 Als die Offenbacher Kickers vor knapp zwei Wochen zu Hause 1:7 gegen Borussia Mönchengladbach verloren, wollte César Thier keine Fragen beantworten. Er wisse nicht, was er sagen solle, teilte der OFC-Torwart freundlich, aber kurz mit. Das war natürlich eine Ausrede. Mit seiner Einschätzung liegt der 40 Jahre alte Brasilianer fast immer richtig, sicher auch wegen seiner großen Erfahrung im Fußballgeschäft. Die Stimme des eloquenten Routiniers hat Gewicht auf dem Bieberer Berg.

Dennoch war seine letzte Saison, die an diesem Sonntag mit dem großen Abstiegsfinale beim VfL Osnabrück ein spannendes Ende findet, lehrreich für den Kickers-Oldie. In der Hinrunde entzog ihm der damalige Trainer Wolfgang Frank zwischenzeitlich das Vertrauen. Thier reagierte beleidigt auf die Zurückstufung und schwieg lange, bis er mit der für ihn ungewohnten Situation umgehen konnte. Anfang April schließlich redete der Torhüter im Anschluss an die Heimniederlage gegen Köln Klartext – in der Öffentlichkeit. Wieder hatte er in der Sache recht, nur die Form missfiel Trainer Jörn Andersen. Deshalb erhielt der in Offenbach hochgeschätzte Kickers-Profi einen Rüffel.

Beinahe wäre er mal in der Bundesliga gelandet

Wenn der Familienvater nach über 230 Meisterschaftsspielen für den OFC an diesem Wochenende abtritt, wird er besonders das Bällefangen vermissen. Das Auf-den-Boden-Schmeißen dagegen weniger. Den Kickers fehlt der in Santa Cruz do Sul geborene Brasilianer mit Wohnsitz in Oberjossa (450 Einwohner) bei Bad Hersfeld in der kommenden Spielzeit als Integrationsfigur und Publikumsliebling. In den zurückliegenden 20 Jahren blieb Thier in der Rolle des Profis am längsten in Offenbach. Im Jahr 2000 kam er zu den Kickers und erlebte dort direkt im ersten Jahr „so viel wie manch anderer Fußballer in seiner gesamten Karriere“. César habe ein Stück OFC-Geschichte geschrieben, lobt Vizepräsident Thomas Kalt.

Sein Traum von einem Einsatz im Profifußball ging mit 38 Jahren am 17. Februar 2006 spät in Erfüllung – beim 1:1 bei 1860 München. Zuvor musste der Torwart eine lange Leidenszeit durchmachen: Dem Aufstieg 2005 in die zweite Liga folgte eine Knieoperation wegen eines Knorpelschadens. „Es war eine schwere Zeit. Aber ich wusste, dass ich noch einmal zurückkehren würde“, sagt Thier. Beinahe wäre er mal in der Bundesliga bei Ralf Rangnick in Stuttgart gelandet. Doch damals scheiterte der Wechsel an der zu langen Dauer der Einbürgerung. Kaum ein Verein habe einen Torhüter aus einem Nicht-EU-Land geholt, denn zu seiner Zeit seien in jeder Mannschaft nur drei Spieler aus Nicht-EU-Ländern erlaubt gewesen, so der Brasilianer.

Thier soll hauptamtlicher Chefscout werden

Womöglich hätte der älteste Torwart der zweiten Liga heute gerne noch ein Jahr drangehängt. Andersen aber brachte auf einer Pressekonferenz im Beisein von Thier zum Ausdruck, was er davon halten würde: nichts. Schon länger schafft der Schlussmann im Training nicht mehr das für die zweite Liga nötige Pensum, weil sein rechtes Knie den Belastungen nicht standhält. In Absprache mit dem Trainer tritt er daher kürzer. „Auch meinen Mitspielern danke ich für ihr Verständnis, wenn es heißt: Alle trainieren, aber César macht Pause“, so der „spielende“ Torhüter mit dem großen Ballgefühl. Dennoch war Thier, der unlängst von ballfertigen Torwartkollegen aus seiner Heimat berichtete, die sogar Freistöße erfolgreich schießen würden, an den Spieltagen immer auf den Punkt fit.

Mit überwiegend starken Leistungen in den vergangenen Wochen hätte er maßgeblich Anteil am Offenbacher Klassenverbleib. An den glaubt der Torwart fest. Für das Kickers-Idol mit der herzlichen Art ist es unvorstellbar, sich an diesem Sonntag im Stadion an der Bremer Brücke mit dem Abstieg in die neue, dritte Profiliga von der aktiven Bühne zu verabschieden. Zu seinen schönsten Momenten zählen der Aufstieg in die erste Liga in Brasilien mit dem SC São Paulo RG, der Aufstieg mit Borussia Fulda in die Regionalliga sowie der Sprung der Offenbacher 2005 in die zweite Liga. Ein Abstieg nach 22 Jahren als Fußballprofi wäre da ein später, schmerzvoller Tiefschlag für Thier. Sein Rückzug ist zugleich ein Neubeginn bei den Kickers: Thier soll auf dem Bieberer Berg hauptamtlicher Chefscout werden. Über seine neue Aufgabe möchte er aber erst reden, wenn der Ligaerhalt perfekt ist.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Imago

 
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