Trauerfeier für Robert Enke

Im Sog des Schmerzes

Von Volker Wiedersheim, Hannover

Sein Platz bleibt leer

Sein Platz bleibt leer

15. November 2009 Ein Herz liegt seit Freitag auf dem Grab von Lara Enke. Grob gehauen aus einer dunklen Schieferplatte. Drei Worte hat die Großmutter mit blauer Kreide darauf geschrieben: „Lara, Papa kommt“. Drei Worte nur, aber sie öffnen die Pforte zu einer Welt des Leidens und Mitleidens, das vom Tod Robert Enkes, des Fußball- Nationaltorhüters und Mannschaftskapitäns von Bundesligaklub Hannover 96, ausgeht. In dieser Welt, so hofft die Oma, begegnen sich Enke und seine mit einem Herzfehler geborene und 2006 gestorbene Tochter Lara an diesem Sonntag wieder. Vielleicht ist das der einzige Lichtblick in diesem traurig grauen Kosmos, der gleich hinter den Kulissen der prachtvoll ausstaffierten Bundesliga-Bühne beginnt.

Robert Enke ist am Sonntag auf dem Friedhof in Empede bei Neustadt am Rübenberge (Region Hannover) beigesetzt worden. Hunderte Menschen säumten bei strömendem Regen die Straßen des Dorfes, als die Trauergesellschaft zur Beisetzung fuhr. Die Polizei hatte den Friedhof weiträumig abgesperrt. Nur Familienangehörige, Kollegen und engste Freunde waren zugelassen. Zuvor hatte es eine private Trauerfeier in der Kapelle des Klosters Mariensee gegeben. Der Torhüter hatte sich am Dienstag das Leben genommen.

Letzter Abschied
Letzter Abschied

Angeführt von DFB-Kapitän Michael Ballack und Per Mertesacker hat die deutsche Fußball-Nationalmannschaft am Sonntag um kurz vor 11.00 Uhr persönlich Abschied von Robert Enke genommen. Unter zurückhaltendem Applaus der bis dahin rund 40.000 Zuschauern in der Hannoveraner Arena verharrten zunächst die Enke-Freunde Ballack und Mertesacker vor dem im Mittelkreis aufgebahrten Sarg und gedachten ihres langjährigen Teamkollegen. Bei der Trauerfeier waren zahlreiche Gäste aus Sport und Politik vertreten. Fünf Fernsehstationen übertrugen live, die Trauerfeier hatte Dimensionen eines Staatsbegräbnisses.

DFB-Präsident Theo Zwanziger und Ligaverbands-Chef Reinhard Rauball erwiesen dem nur 32 Jahre alt gewordenen Enke die letzte Ehre. Dann folgten Bayern-Präsident Franz Beckenbauer, DFB-Generalsekretär Wolfgang Niersbach und Steffi Jones, Präsidentin des WM-OK für die Frauen-WM 2011. Zum Schluss kamen Bundestrainer Joachim Löw und sein Stab, um Abschied vom achtmaligen Nationalspieler zu nehmen. „Wir haben einen Freund verloren“, erklärte Löw. Zwanziger appellierte in seiner Rede an die Menschlichkeit und den Blick über den Sport hinaus. „Denkt nicht nur an den Schein. Denkt auch an das, was in den Menschen ist, an Zweifel und Schwäche“, sagte er. Alle seien aufgerufen, nach der Trauer das Leben in Maß und Balance mit Fairplay und Respekt zu gestalten.

„You'll never walk alone“

Pfarrer Heinrich Plochg hat auf der Trauerfeier an die Schattenseiten des menschlichen Lebens erinnert. „Misserfolg, Krankheit, Niederlagen, aber auch Schicksalsschläge gehören dazu“, sagte er. Das alles seien keine „Schwächen, die man wegtrainieren kann, auch wenn unsere Gesellschaft das oft von uns verlangt“. Der Fußball-Nationaltorhüter sei für viele „nicht nur ein Idol, sondern ein Ideal, ein ideales Vorbild“ gewesen. Die unzähligen Beileidbekundungen und die große Anteilnahme weit über die Fußball-Welt hinaus seien hundertprozentig ehrlich gemeint gewesen. Der Geistliche würdigte auch die Witwe Enkes, die am Tag nach dem Selbstmord ihres Mannes vor die Öffentlichkeit getreten war und über den Leidensweg Enkes gesprochen hatte.

Nach der Andacht wurde der Sarg Enkes zum Song „The Rose“ in der Version von Leann Rimes und dem von der 17 Jahre alten Schülerin Alina Schmidt vorgetragenen Fußball-Kultlied „You'll never walk alone“ von Vereinskollegen des Torwarts aus dem Stadion getragen.

Mehrere Zehntausend Menschen pilgerten ab dem frühen Sonntagmorgen in Hannover zur Trauerfeier. Vor dem Stadion des Bundesligisten Hannover 96 bildeten sich schon weit vor Veranstaltungsbeginn lange Schlangen an den Einlasstoren. Die Polizei hatte den Bereich um die Arena weiträumig abgesperrt. Enke als Event - nicht wenige werden neben dem Tod an sich auch dessen mediale Nebenwirkungen bedauern.

Die Anteilnahme raubt Hannover den Atem

Die Dynamik der Anteilnahme war lange nicht absehbar. Doch seit Mittwoch raubt sie der Stadt den Atem. Noch in der Nacht nach Enkes Tod fand die Idee eines spontanen Fan-Trauerzuges aus dem Stadtzentrum zur Arena einigen Anklang. Allerdings rechnete selbst der bei Hannover 96 fest angestellte Fanberater Frank Watermann noch am Mittwochvormittag „höchstens mit ein paar hundert Teilnehmern“. Doch dann trat am Vormittag zunächst die Witwe Teresa Enke mit ihren Plädoyer für mehr Offenheit im Umgang mit der Volkskrankheit Depression vor die Medien.

Am frühen Abend folgte die Andacht in der Marktkirche, und das fassungslose Publikum sah DFB-Kapitän Michael Ballack und den aus Hannover stammenden Klamaukbruder Oliver Pocher in Tränen aufgelöst. Und eine Bischöfin Margot Käßmann, die ihr „Heimspiel“ mit dem Vortrag der Fußballhymne „You'll never walk alone“ in deutscher Fassung begann. Der Sog des Schmerzes hat binnen eines Tages eine Internet-Idee zum Marsch von wohl mehr als 35.000 Menschen anschwellen lassen. Zum Vergleich: In vier der bisher sechs 96-Heimspiele dieser Saison wurde diese Zahl nicht erreicht.

Was tun gegen die Leere im Kopf?

Allerdings, an Fußball hat kaum einer gedacht in Hannover seit Dienstagabend. 96-Sportdirektor Jörg Schmadtke hatte die Mannschaftskollegen Enkes zusammengetrommelt, noch bevor jemand die Fernsehnachrichten sehen konnte. Es war ein trainingsfreier Tag. Nur Robert Enke hatte am Morgen eine Extraeinheit absolviert, seine letzte. Während die ersten Fans in der Dunkelheit vor dem Stadion Blumen niederlegten, trafen nach und nach die Spieler ein. Sie versammelten sich in der Kabine. Weinen statt Worte – und der Beschluss, sich bis auf Weiteres nicht öffentlich zu äußern.

Keine Zeitungen, kein Fernsehen, so versuchten viele Spieler, sich durch die Woche zu retten und ihre eigene Erinnerung an Enke zu konservieren. Was tun gegen die Leere im Kopf? Obwohl Trainer Andreas Bergmann das Mannschaftstraining für den Rest der Woche abgesagt hatte, erschien Jirí Stajner am Freitag auf dem Trainingsplatz für ein paar Schussübungen. Unter Tränen. Edward Kowalczuk, Konditionstrainer und väterliches Faktotum des Klubs, stand dem tschechischen Profi zur Seite und erklärte hinter her nur kurz: „Stajni wollte was machen, aber der Ball hat etwas anderes gemacht.“

Hannover 96 wird die Nummer 1 erst mal nicht mehr vergeben

Florian Fromlowitz indessen, Ersatztorwart für Robert Enke, nahm Reißaus und verkroch sich für ein paar Tage bei seiner Familie in Kaiserslautern. Im Windschatten Enkes war der „U 21“-Nationaltorhüter vom zuweilen unkonzentrierten Flattermann zu einem verlässlichen Ersatzmann gereift. Als die Campylobakter-Infektion Enke im September stoppte und wichtige Länderspieleinsätze verhinderte, hatte Fromlowitz eine Serie von beachtlichen Leistungen gezeigt. Auch mit ihm im Tor, so hatte er deutlich gemacht, muss sich 96 nicht verstecken. Doch Enke voll zu ersetzen, das ist ein zu schweres Erbe. „Es kann in Hannover auf absehbare Zeit keine neue Nummer eins geben. Höchstens einen Stellvertreter“, so war von ihm zu hören. Tatsächlich wird Hannover 96 zu Ehren Enkes für eine lange Zeit, wenn nicht für immer die Trikotnummer 1 gar nicht mehr vergeben.


Text: FAZ.NET mit dpa/sid/AP
Bildmaterial: AP, ddp, dpa

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