Von Winand von Petersdorff
28. Januar 2007 Es hat keinen Zweck, sich über die Kommerzialisierung und Vermarktung des Fußballs aufzuregen. Es wäre ohne Wirkung und vermutlich inkonsequent. Jeder Freund des Fußballs freut sich, wenn sein Club die Millionen aufbringen kann, um jene Topspieler zu kaufen, die den Unterschied machen. Die Millionenbeträge aber können nur jene Vereine aufbringen, die sich selbst am besten verkaufen. Längst reicht es nicht mehr, einfach guten Fußball zu spielen.
Geld schießt keine Tore? Unsinn. Der deutsche Krösus Bayern München, an dem der Sportartikelhersteller Adidas beteiligt ist, beherrscht seit einem Jahrzehnt die Liga und kauft seinen Wettbewerbern mit Vorliebe gute Spieler weg. Erst jetzt könnten sich die Zeiten ändern, wenn Gasprom als Großfinanzier von Schalke 04 den Einkäufern der Knappen neue finanzielle Möglichkeiten verschafft. Ein russischer Konzern von Putins Gnaden bezahlt brasilianische Stars am Standort Gelsenkirchen.
Fußball kann schön sein - wenn man kein Fan ist
Dabei ist die deutsche Bundesliga Provinz im Vergleich zu dem, was sich in der britischen Liga zurzeit abspielt. Chelsea, der Club des russischen Oligarchen Roman Abramowitsch, ist so sehr mit Stars gespickt, dass sich schon Erholungseffekte einstellen. Natürlich spielt der Club ganz oben mit, auch wenn er diesmal die Meisterschaft vermutlich Manchester United überlassen muss.
Dieser Verein ist in den Genuss eines besonderen Ereignisses gekommen: Er hat eine feindliche Übernahme über sich ergehen lassen dürfen und gehört mehrheitlich einem amerikanischen Unterhaltungskonzern, der als eine der ersten Amtshandlungen erst einmal die Ticketpreise erhöht. So schön kann Fußball sein, wenn man kein Fan ist, mag sich mancher Aktionär denken.
Wir sind eine Unterhaltungs- und Sportholding
Die jüngste Nachricht aus der Welt des Fußballs kommt aus Frankreich, wo sich der Serienmeister Olympique Lyon an die Börse begibt. Vom Chef des Clubs, der einer besten Europas ist, kommt der bemerkenswerte Satz: Wir sind kein Fußballverein, sondern eine Unterhaltungs- und Sportholding. Die Marke OL ist bereits heute breit aufgestellt: Es gibt einen TV-Spartensender, Restaurants, OL-Taxis und OL-Friseure, eine Reiseagentur und einen Veranstalter, sogar eine OL-Fahrschule.
Die Verteidiger der Kommerzialisierung des Fußballs hatten immer das bestechende Argument, dass Clubs nur dann erfolgreich sind, wenn sie guten Fußball spielen. Sonst ist auch die Marke nichts wert und der Schal in Clubfarben ein Exponat für Grabbeltische.
David Beckham nur als Werbeikone unverzichtbar
Stimmt das noch? In der Regel ja. Doch einzelne Spieler sind, um es positiv auszudrücken, dem Sport längst entwachsen. David Beckham spielt schon lange schlecht, wird aber trotzdem gekauft, weil er als Werbeikone unverzichtbar ist. Nie verstummt sind die Gerüchte, dass der Sportartikelhersteller Nike bei der vorvorletzten Weltmeisterschaft den indisponierten und angeschlagenen Superstar Ronaldo aufstellte.
Es ist Zeit für eine Warnung an die Fußball-Unternehmen. Alles machen die Fans nicht mit. In Manchester hat eine Gruppe von United-Fans eine Vereinigung gegründet, die sich gegen die Übernahme ihres Clubs durch den amerikanischen Konzern wendet. Sie hat inzwischen mehr als 6000 Mitglieder, unterstützt einen Club der zehnten Liga und genießt Kultstatus in der weltweiten Fangemeinde.
Aufpassen sollten auch deutsche Club, die ihren Stadien die Namen ihrer Sponsoren geben und Geld dafür einkassieren Die Hamburger AOL-Arena sucht einen neuen Finanzier und wird dann wieder umgetauft. Dabei lautet doch der schönste Name: Volksparkstadion.
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 28.01.2007, Nr. 4 / Seite 34
Bildmaterial: AFP