26. Juli 2006 Gnade vor Recht - mit dieser Methode kam das revidierte Urteil im italienischen Fußballskandal zustande. Da hatte der sportliche Staatsanwalt getreu den Statuten sogar die Rückversetzung von Juventus Turin zu den Amateuren gefordert, die Zweitklassigkeit des AC Mailand, immense Punktabzüge, lange Berufsverbote für die vielen Funktionsträger, die am Telefon seelenruhig die passenden Ergebnisse untereinander abgesprochen hatten. Und jetzt? Ein Lüftchen gesunden Menschenverstandes sieht der dankbare Leitartikler der Gazzetta dello Sport durchs sommerlich heiße Italien wehen: Ein Körnchen Realismus, ein bißchen Vernunft.
Für ein Medium, das auch vom Spielbetrieb und seinen Stars, von den Präsidenten und ihrem Geld lebt, ist das ein verständlicher Seufzer der Erleichterung: Die Show muß weitergehen, am besten mit Milan, Lazio und der Fiorentina, mögen sie auch bis zum Hals im Moggi-Sumpf stecken. Und auch Juventus Turin, noch vor ein paar Wochen die Schaltstelle aller Schmierigkeit, kann in der Serie B seine 17 Punkte Abzug schnell wettmachen und übernächstes Jahr wohl wieder um den Titel mitspielen.
Der einzige Schönheitsfehler der sommerlichen Vergebungsaktion des Berufungsgerichtes besteht in der Wut der milde Gestraften. Die verstrickten Patrone in Mailand, Rom, Florenz verweigern weiter jede Reue. Ist nicht auch der Fußball-Politiker Silvio Berlusconi mit seinen Attacken gegen die Justiz und seiner Rolle als Opferlamm stets gut gefahren? Wirkt nicht längst der unbestechliche Reformer, Interimspräsident Guido Rossi, wie der eigentliche Täter? Moggi selbst hat diese dreiste Linie des Abstreitens vorgegeben, als er im Fernsehen tränenreich verkündete, er habe nichts Verbotenes getan, und dafür habe man ihm jetzt die Seele zerstört.
Fairer Wettbewerb ist nicht zu haben
In Wahrheit ist mit diesem skandalösen Urteil die Seele des italienischen Fußballs erheblich mehr angegriffen, als es die larmoyanten Übeltäter, die protestierenden Tifosi und abwiegelnden Sportjournalisten wahrhaben wollen. Kommentatoren erinnerten nostalgisch an den Wettskandal Anfang der achtziger Jahre, als man Lazio Rom und den AC Mailand sofort in die zweite Liga verbannte. Solche regelgerechten und heilsamen Strafen scheinen im Fernsehfußball mit seinen immensen Abhängigkeiten von Medien, Geldgebern, opportunistischen Politikern gar nicht mehr möglich - zumindest in Italien. Und die Lehre der Weltmeisterschaft, daß italienische Spieler auch ohne Seilschaften siegen können, hat man schnell verdrängt.
Die Frage ist, wie lange man in Europa die schwarzen Schafe südlich der Alpen noch gewähren läßt. Das ertragreichste, das internationale Geschäft veranstaltet die Uefa. Merkwürdig, daß man es hier bislang klaglos akzeptiert, wenn bei einem Champions-League-Sieger wie bei Juventus Turin in den neunziger Jahren systematisch gedopt wurde, wenn die Milliarden für italienische Vereine - wie bei Parma oder Lazio Rom - aus kriminellen Kanälen kommen. Fairer Wettbewerb ist mit einem manipulierten Calcio all'italiana offenbar nicht zu haben. Immerhin hat sich die Uefa am Mittwoch in Sachen AC Mailand endlich mal gerührt. Sie prüft jetzt dessen Champions-League-Tauglichkeit. Gnade vor Recht?
Text: F.A.Z., 27.07.2006, Nr. 172 / Seite 27
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa