
1996 spielte Weise mit Liechtenstein in Mannheim gegen Deutschland. Vorher erklärt er seinem Torhüter Martin Heeb noch, wie die Gegentreffer beim späteren 1:9 verhidnern soll
05. September 2008 Erster richtiger Nationaltrainer war Dietrich Weise, der das Team 17 Mal betreute und 1994 ins erste Qualifikationsspiel der Liechtensteiner Fußballgeschichte geführt hat. Der heute 73 Jahre alte Fußballlehrer war in den 70ern und 80ern ein renommierter Bundesligatrainer bei Eintracht Frankfurt, dem 1. FC Kaiserslautern und bei Fortuna Düsseldorf.
Seine größten Erfolge feierte er bei der Frankfurter Eintracht, mit der er in den 70ernzwei Mal den DFB-Pokal gewann. Später war Weise als DFB-Juniorentrainer erfolgreich und holte als bislang einziger Nachwuchscoach im Verband eine Welt- und einer Europameisterschaft. Seine Tätigkeit im Nachwuchsbereich brachte ihm sogar die Ehre eines eigens nach ihm benannten und bei Jungkickern höchst beliebten Hartplatzschuhs ein. Deshalb ist Weises Name Legende - auch wenn er selbst in den noch nicht gänzlich kommerziellen Zeiten des Fußballs kaum etwas an dem Schuhe verdiente. In Ägypten arbeitete Weise später sowohl als Vereinstrainer, als auch als Betreuer der Nationalmannschaft.
Vor dem ersten Auftritt der deutschen Nationalmannschaft in Liechtenstein spricht Weise im FAZ.NET-Gespräch über seine noch immer aktiven Nationalspieler, einen Stadionbau, seinen torlosen größten Erfolg mit Liechtenstein und den Verlust an Fußballromantik.
Herr Weise, Sie trainierten von 1993 bis 1996 als erster hauptamtlicher Nationaltrainer die Nationalmannschaft Liechtensteins. Wie kamen Sie als renommierter Trainer zu dem Job in der Fußball-Diaspora?
Der Günter Netzer hat mich da ins Gespräch gebracht. Der war schon mit seiner Agentur in der Schweiz tätig und gab den Liechtensteinern den Tipp, dass der alte Weise nicht mehr wirklich Bock hat auf Bundesliga-Stress oder Tätigkeiten im Ausland. Die haben mich dann eingeladen, ich habe mir das angeschaut und fand die Menschen im Verband erstaunlich nett. Dann habe ich das gemacht.
Wo stand der Liechtensteiner Fußball damals?
In Liechtenstein hat sich kaum einer der mit 25.000 Menschen eh schon wenigen Einwohner für Fußball interessiert. Skifahren war alles, deshalb haben auch die großen Banken kein Geld für Fußball gegeben. Da aber selbst noch kleinere Länder wie die Faröer oder San Marino oder Andorra eine richtige Nationalmannschaft zu den Qualifikationsspielen angemeldet hatten, wollten die Liechtensteiner sich nun doch auch dort präsentieren. Ich sollte das Team darauf vorbereiten.
Mit welcher Zielsetzung sind Sie ans Werk gegangen?
Es war von Anfang an unser Traum, dass wir mal gegen Deutschland spielen können.
Inwiefern war das ein Ziel?
Weil wir damals gar nicht in der Lage gewesen wären, Deutschland in Liechtenstein zu empfangen. Es gab gar kein geeignetes Stadion. Als ich 1993 anfing, gab es dort, wo heute das Stadion in Vaduz steht, nur einen Dorfsportplatz für 300 Zuschauer. Deshalb ist es ein Riesenerfolg, dass Liechtenstein am Samstag ein so großes Stadion bieten kann, dass das Spiel überhaupt möglich ist. Für dieses wunderbare Stadion haben wir fünf Jahre gekämpft.
Mussten Sie als international bekannter Trainer für den Verband an die Front im Kampf ums Stadion?
Ja. Ich habe dieser Tage mal wieder den Schriftwechsel mit dem Fürsten und der Regierung aus meinem Archiv gekramt. Entzückende Briefe sind das! Das war alles sehr wichtig für den Liechtensteiner Fußball. Nur deshalb ist es jetzt auch für den FC Vaduz möglich, in der ersten Schweizer Liga mitzuspielen.
Wenn der Stadionbau der größte Erfolg Ihrer Tätigkeit war, was war denn das schönste sportliche Erlebnis. Auf dem Rasen gab es in Ihren 17 Spielen keinen Sieg ...
Das nicht, aber wir haben dafür gegen Irland 1995 0:0 gespielt! Die Iren haben deswegen die Qualifikation ausgerechnet für die EM in England verpasst, Jackie Charlton hat später wegen dieses Spiels seinen Job verloren! Außerdem haben wir auch weitere sportliche Erfolge gehabt. Der Ralf Loose hat damals als mein Assistent die Junioren betreut, durfte mit der Mannschaft in der Schweiz mitspielen und wurde Meister. Da haben die Teams aus Genf oder Zürich ganz schön gestaunt.
Haben Sie jetzt noch Bindung zum Fußball in Liechtenstein?
Ja, natürlich! Ich habe mir mal das Aufgebot genauer angeschaut. Der Mario Frick, der heutige Kapitän und Rekordnationalspieler, war bei mir im ersten Länderspiel schon dabei und macht nun sein 80. Länderspiel. 19 der 21 Namen kenne ich, weil ich damals in Leichtenstein bis runter zur C-Jugend jeden Spieler gesichtet habe.
Was ja so schwer nicht ist bei nur sieben Klubs im Fürstentum ...
Das ist richtig. Umso bemerkenswerter ist aber der Aufschwung des Fußballs in dem kleinen Land. Immerhin hat Liechtenstein im vergangenen Jahr Island mit 3:0 geschlagen.
Die Kinder in Vaduz werden dennoch kaum Fan des Liechtensteiner Fußballs sein. Schauen die Jugendlichen deutschen Fußball?
Es gibt eine ganz enge Bindung an Deutschland. Ich wurde auch immer nach Frankfurt, den Bayern, Schalke oder dem HSV gefragt. Die Liechtensteiner mögen die Deutschen und schauen immer nach der Bundesliga.
Verfolgen Sie das aktuelle Geschehen noch?
Ja natürlich, davon kommt man als Fußballverrückter doch nicht los.
Für wen drücken Sie die Daumen?
Ich schaue das eher neutral. Ein bisschen genauer schaue ich natürlich auf die Klubs, wo ich selbst länger gearbeitet habe, also Kaiserslautern, Frankfurt und Düsseldorf.
Das passt ja! Für jede Profiliga einen Klub ...
Das stimmt, ist aber eher traurig für zwei der drei so traditionsreichen Vereine. Das ist eben Folge der Misswirtschaft bei den zwei unterklassigen Klubs.
Aber bei der Eintracht, wo Sie mit den beiden Pokalsiegen 1974 und 1975 die größten Erfolge als Vereinstrainer gefeiert hatten und in den 80er beim zweiten Engagement den Absturz in die Zweitklassigkeit verhinderten, läuft alles gut?
Na ja, die Eintracht gehörte ja immer zu den renommiertesten und spannendsten Klubs der Bundesliga. Ein bisschen ist da was verloren gegangen. Keiner spricht heute mehr von der launischen Diva, das finde ich schade.
Das war aber doch meist eher despektierlich gemeint, oder?
Ich habe das immer als Auszeichnung empfunden. Es gab halt bei der Eintracht Trainer wie den Paul Oßwald oder auch mich, die lieber mal mit schönem Fußball 0:1 verloren haben statt mit Grätschen und Ach und Krach 1:0 zu gewinnen. Ich habe deshalb vielleicht mit der Eintracht mal nur zwei Punkte hinter Mönchengladbach die Meisterschaft verpasst, aber es war trotzdem schön.
Fehlt Ihnen noch was aus der guten alten Zeit?
Früher gab es immer laute Streitereien und auch Handgreiflichkeiten auf den Jahreshauptversammlungen von der Eintracht oder auch in Schalke oder Berlin. Das gehörte auch zum Fußball. Das gibt es heute nicht mehr.
Wir dachten, dass Sie ein nobler, zurückhaltender Mann sind.
Ich habe ja auch nie mitgemengt, finde aber, dass das alles ein bisschen zum Fußball gehört. Heute ist stattdessen alles sehr sauber wie bei einem DAX-Unternehmen. Ich sehe das als Verlust an. Traurig ist auch, dass heute so viel Geld da ist, ohne das zuvor Leistung gebracht wird. Wir mussten noch über Leistung oder zusätzliche Freundschaftsspiele unsere Kassen füllen. Und dennoch war unser Fußball nicht schlechter.
Im Vergleich zum Alltag atmet ein Länderspiel in Liechtenstein wohl noch etwas Fußballromantik. Sind Sie am Samstag vor Ort?
Ja, ich wurde als Ehrenmitglied des Liechtensteiner Verbands eingeladen.
Für wen halten Sie?
Da muss man für kein Team halten. Der Sieger steht doch schon fest. Wenn die Deutschen nicht haushoch gewännen, könnte man für eine solche Blamage gar keine Worte finden.
Das Gespräch führte Daniel Meuren.
Text: FAZ.NET
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