Österreich blamiert Frankreich

Karel Brückner, der neue Lieblings-Tscheche

Von Roland Zorn, Wien

Erstes Spiel, erster Sieg: Österreich liegt Karel Brückner schon zu Füßen

Erstes Spiel, erster Sieg: Österreich liegt Karel Brückner schon zu Füßen

07. September 2008 Zum Finale furioso wurde aus dem Platzanweiser und Raumzuteiler ein mächtiger Dirigent. Da ruderte der ältere Herr mit den schlohweißen Haaren zum Entzücken von 47.000 Zuschauern mit den Armen, gab seinem harmonisch vereinten Ensemble den Takt vor und wurde dafür mit Sprechchören aus der Kulisse überschüttet.

Die Österreicher feierten am Samstag ihren neuen Lieblings-Tschechen mit „Karel Brückner“-Sprechchören, und der erklärte Mozart-Fan („das ist große Bühne, das ist große Kunst“) aus Olmütz bedankte sich mit schwejkschem Pfiff: „Ich habe gedacht, das ist meine Familie.“

Zu neuer Siegermentalität und Cleverness verholfen

Macht der neue Teamchef im Österreichischen Fußball-Bund nur so weiter, wird er bald eine neue Großfamilie hinter sich scharen: Austrias leiderprobte Fußballanhänger, die schon lange keinen Anlass mehr fanden, ihre Nationalmannschaft so hemmungslos zu bejubeln. Am Samstag taten sie es mit einer Hingabe, wie sie das denkmalgeschützte, 75 Jahre alte Wiener Ernst-Happel-Stadion ewig nicht mehr erlebt hat.

Der 68 Jahre alte Brückner, bis zum Ende der Europameisterschaft in diesem Sommer noch Tschechiens Teamchef, hat seinem neuen Team binnen kurzem zu einer kaum für möglich gehaltenen Siegermentalität und Cleverness verholfen. Am Anfang der WM-Qualifikation stand an diesem heißen Spätsommerabend in Wien ein 3:1-Erfolg über Frankreich, immerhin der WM-Zweite von 2006.

Frankreich und die nicht aufgelöste Schockstarre

Doch aus der Grande Nation des Fußballs ist inzwischen eine störanfällige Ansammlung von Schönspielern geworden, die auf sperrige Widersacher zunehmend ratlos reagiert. Während der EM-Mitgastgeber Österreich, beim Juniturnier in der Vorrunde mit nur einem Punkt und einem Tor ausgeschieden, aus diesen Erfahrungen gelernt zu haben scheint, geht bei der verjüngten, aber keineswegs aufgefrischten französischen Elf die leidige Geschichte vorerst weiter.

Trainer Raymond Domenech verkörperte in Wien die noch immer nicht aufgelöste Schockstarre überaus anschaulich. Während Brückner in der Coachingzone trotz hohen Alters wie ein Aktionskünstler herumwirbelte, stand sein zierlicher Kollege einsam, verlassen und regungslos an seinem Arbeitsplatz. Rien ne vas plus.

„Ich denke immer, dass es das letzte Spiel sein könnte“

Der 56 Jahre alte Fußballlehrer, der bei der EM mit seinem Aufgebot wie Österreich früh gescheitert war und es mit der Equipe Tricolore dort auch nur auf einen Punkt und ein Tor gebracht hatte, weiß, dass seine Zeit im höchsten französischen Traineramt dem Ende zugehen könnte. Die Meriten der WM 2006 sind längst aufgebraucht. Fünf Punkte müssten her aus den drei ersten Qualifikationsspielen zur WM 2010, hieß es vor dem, so Kapitän Thierry Henry, „bizarren Spiel“ in Wien.

Nun gab es als erstes das 1:3 gegen Österreich – und auch die nächsten Gegner – am Mittwoch kommt Serbien ins Stade de France, am 11. Oktober geht es nach Rumänien – versprechen keine Frühherbstspaziergänge. Ob sich die Ahnungen des kauzigen, beim Fußballvolk längst unbeliebten Domenech („ich denke bei jedem Spiel, dass es mein letztes sein könnte“) demnächst wohl erfüllen?

Österreich macht sich seinen Höhenvorteil zunutze

Während der fatalistisch anmutende Franzose auf die heilende Wirkung eines Sieges im zweiten Anlauf hoffte, radebrechte sich Brückner in der tschechischen Version des Trapattoni-Deutschs durch eine Pressekonferenz, während der ihm seine Glücksgefühle Satz für Satz aus den Augen leuchteten. „Das war wirklich gute Arbeit“, lobte der Mähre seine Spieler, die sich exakt an das Drehbuch des Taktiktüftlers gehalten hatten.

Brückners Mannschaft stand tief und ließ die französischen Individualisten immer wieder auflaufen; Österreichs Auswahlgrößen, von denen gleich fünf Profis über 1,90 Meter maßen, spielten ihren Höhenvorteil gegen die physisch unterlegenen Franzosen eindrucksvoll aus. Alle drei Treffer entstanden aus sogenannten Standardsituationen.

Als Austria wackelte, ließ sich Mexes hinreißen

Und jedes Mal gab der Kapitän die Richtung vor. Nach einem scharf angeschnittenen Ivanschitz-Freistoß stocherte Mittelstürmer Janko, ein 1,96 Meter langer Lulatsch, den Ball zum 1:0 ins Netz (8.); den nächsten Freistoß von Ivanschitz machte Aufhauser (41.) sich zum 2:0 zunutze.

Als Govou auf 1:2 verkürzt hatte (61.) und die Österreicher kurzfristig wackelten, ließ sich der französische Innenverteidiger Mexes bei einem Eckball von Ivanschitz dummerweise dazu hinreißen, seinen Widerpart Janko regelwidrig zu umklammern. Der fiel rasch hin, und Ivanschitz persönlich dokumentierte seine perfekten Umgangsformen in der Behandlung des ruhenden Balles, als er per Elfmeter zum 3:1 seine Leistung krönte (72.).

„Ein Vogel macht noch nicht den Frühling“

Torhüter Alexander Manninger gab danach Volkes Stimme wider: „Das war der richtige Zeitpunkt, zu zeigen, dass Österreich doch was drauf hat im Fußball.“ Eine Erkenntnis, die auf der Ehrentribüne auch Brückners Vorgänger, der muntere Plauderer Josef Hickersberger, beifällig zur Kenntnis nahm. „Hickes“ und Brückners Vormann Ivanschitz ist vor der nächsten Bewährungsprobe in Litauen am Mittwoch voller Optimismus.

„Wir sind so weit“, sagte er, „dass wir den Gegner zur Verzweiflung bringen können.“ Der manchmal wie ein alter Indianerhäuptling anmutende Brückner dagegen riet aus Erfahrung in Abwandlung eines deutschen Sprichworts zur Vorsicht: „Ein Vogel macht noch nicht den Frühling.“ Dafür flatterte er im österreichischen Spätsommer aber schon sehr beschwingt im Wiener Prater.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP, AP, dpa, REUTERS

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