Von Richard Leipold
31. Juli 2005 Wenn das Gespräch auf den Sturm des FC Schalke 04 kommt, reagiert Rudi Assauer nicht amüsiert. Für Wasserstandsmeldungen sei das Schiffahrtsamt zuständig, sagt der Manager säuerlich. Gemeint ist nicht der Sturm an die Spitze der Fußball-Bundesliga, sondern der Mannschaftsteil, der dem Revierklub zuletzt Sorgen bereitet hat. Die Besetzung des Angriffs ist ein verworrenes Thema mit wechselnden Handlungssträngen.
Erst hatte der Verein, der den FC Bayern herausfordern will, fünf Stürmer. Michael Delura, ein großes Talent ohne große Erfahrung, zog es nach Hannover, da waren es nur noch vier. Nationalspieler Mike Hanke wechselte zum VfL Wolfsburg, und schon war der Weg frei und das Geld bereit für Kevin Kuranyi. Immer noch vier Stürmer lautete die Zwischenbilanz. Dann ging der launische Torjäger Ailton zu Besiktas Istanbul, da waren's nur noch drei: einer zuwenig, das war der neue Stand der offensiven Gewinn-und-Verlust-Rechnung.
Wochenlang hatten die Verantwortlichen kundgetan, sie würden "so oder so mit vier Stürmern in die neue Saison gehen". Aus dem Überangebot in der Spitze wurde ein Engpaß. Und Assauer, zuletzt ungewohnt defensiv, deutete die Abkehr von der Schalker Mengenlehre an, die so ultimativ propagiert worden war. "Mir reichen drei Stürmer. Wenn uns ein guter vierter über den Weg läuft, der mit einfachen Mitteln zu haben ist, sind wir nicht abgeneigt", sagte er in dieser Woche. Zwei Stühle von Assauer entfernt forderte Cheftrainer Ralf Rangnick unverdrossen qualifiziertes neues Personal. Mit drei Stürmern werde der Klub nicht durch die Saison kommen. Er sei zuversichtlich, daß sich bald etwas tun werde.
Wir sind mit Baros und seinem Berater klar
Ein Widerspruch - aber nur scheinbar. Offenbar hat Rangnick nur ein wenig mehr verraten als der Impresario Assauer. So beweglich die Spieler sich beim Einzug ins Finale des Ligapokals (an diesem Dienstag gegen Stuttgart) zeigten, soviel Bewegung ist auch in den zuletzt zähflüssigen Verkehr auf dem Transfermarkt gekommen. Sören Larsen, seit Monaten auf der Wunschliste, steht vor einem Wechsel nach Gelsenkirchen. "Er kommt am Sonntag oder spätestens am Montag zum medizinischen Check und wird danach einen Vertrag unterschreiben", sagt Rangnick. Wie es heißt, hat sich der Revierklub, nach langwierigen Verhandlungen, mit dem schwedischen Erstligaverein Djurgardens IF Stockholm auf eine Ablösesumme in Höhe von etwa zwei Millionen Euro geeinigt.
Damit nicht genug. Auch der allenthalben als unrealistisch eingestufte Transfer des tschechischen Nationalstürmers Milan Baros gerät in den Blickpunkt. Wieder prescht Rangnick nach vorn. "Wir sind mit Baros und seinem Berater klar. Er will zu uns kommen. Wir werden zu Beginn der nächsten Woche einen Vorstoß in Richtung Liverpool unternehmen", sagte der Trainer am Samstag. Schnell und torgefährlich wie er sei, könne Baros die Position Ailtons ausfüllen. Champions-League-Gewinner FC Liverpool verlangt neun Millionen Euro Ablöse für den Torschützenkönig der Europameisterschaft 2004. Und das Publikum fragt sich, ob die Schalker sich übernehmen in ihrem Streben nach dem Meistertitel, auf den sie seit fast fünfzig Jahren warten. Baros zu kaufen sei "nicht möglich", sagt Finanzvorstand Josef Schnusenberg. "Da stößt der Verein an seine Grenzen. Kaufen geht gar nicht." Geht es nach Schalke 04 wird Baros zunächst ausgeliehen.
Ein doppeltes Spiel mit Bande
Sollte Baros kommen, herrscht im Sturm des FC Schalke ein Gedränge wie vor ein paar Monaten, nur mit größeren Namen. Altgediente Stars wie Ebbe Sand, der sich weiter in der Startelf sieht, und Nationalspieler Gerald Asamoah könnten trotz ihres Renommees an Boden verlieren - und an (Auflauf-)Prämien. Wenn es im Angriff eng wurde, hat sich Asamoah meist ins Mittelfeld zurückgezogen, ohne darunter zu leiden. Dieser Fluchtweg scheint verbaut, wenn Zugang Zlatan Bajramovic dem rechten Mittelfeld solche Flügel verleiht wie bei seiner Schalker Heimpremiere im Halbfinale des Ligapokals.
Vielleicht aber ist das Ganze nur ein doppeltes Spiel mit Bande, unter der Regie von Ralf Rangnick. Der Trainer ruft oft und gern nach Verstärkungen, um am Ende nicht als Verlierer dazustehen. Im Transferstreit um Larsen hat Schalke Baros ins Gespräch gebracht, offenbar mit Erfolg. Warum sollen die Westfalen nicht auch umgekehrt ihre Chance sehen. Die Bekanntgabe einer (bevorstehenden) Einigung mit Stockholm könnte ihre Position in den Verhandlungen mit dem FC Liverpool stärken. Mit fünf Stürmern der internationalen Extraklasse in die Saison zu gehen wäre allerdings ein Wagnis besonderer Art. Bei diesem Sturm würde auch die Prognose des Schiffahrtsamtes nicht weiterhelfen.
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 31.07.2005, Nr. 30 / Seite 15
Bildmaterial: AP
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