Von Christian Eichler
02. Mai 2007 Halbfinale, Elfmeterschießen, die bebende Anfield Road, ein Abend voller Geschichten. Die schönste ist die des Torwarts Reina. Es ist eine Familiengeschichte. Als José Reina, den sie Pepe nennen, den dritten Elfmeter von Chelsea geblockt hatte, gegen Geremi, so wie zuvor schon gegen Robben, da brüllte er seine Freude heraus, dass es sogar die betäubende Stimmkulisse von Anfield zu überstimmen schien.
Er hatte seinem Team zwei Matchbälle beschert. Dirk Kuyt verwandelte gleich den ersten, zum 4:1 im Elfmeterschießen. In diesem Moment zeigte Reina, ein eher kleiner, aber explosiver Torwart, der in seinen ersten hundert Spielen für Liverpool 55 mal ohne Gegentor blieb, dass er auch als Sprinter Karrierechancen hätte. Schneller als jeder Feldspieler legte der Spanier die hundert Meter bis zum Kop, der legendären Fantribüne, zurück. Und rutschte auf Knien einem Jubel entgegen, der an diesem vibrierenden Fußballabend alles verschlang.
Die Reina-Familiensaga und die höchste Klub-Trophäe
Torwart Reina im Endspiel um Europas höchste Klub-Trophäe - es ist ein Déja-vu. Reinas Vater Miguel stand 1974 im Europapokalfinale. Atletico Madrid führte bis in die letzte Minute der Verlängerung, Bayern München fiel nichts mehr ein. Weil er niemanden zum Anspielen fand, schoss der Ausputzer Katsche Schwarzenbeck aus über dreißig Meter aufs Tor. Und bezwang Reina, der zuvor 869 Minuten ohne Gegentor geblieben war. Bayern gewann das Wiederholungsspiel, wurde der erste deutsche Champion im Landesmeisterpokal - Atletico wurde es nie. Nun kann Reina junior die Familiengeschichte im Finale von Athen am 23. Mai geradebiegen.
Wir haben den besten Torwart der Welt, jubelte Kapitän Steven Gerrard, und das war eine von vielen kleinen Retourkutschen gegenüber den Neureichen aus Chelsea. Denn deren Trainer José Mourinho reklamiert sonst den weltbesten Torwart für seinen Mann, für Petr Cech, der aber keinen Elfer halten konnte.
Wir wussten vorher, wie gut er darin ist
Der Weltbeste ist Reina vielleicht in der Tat, wo es um diese Spezialübung geht. Wir wussten vorher, wie gut er darin ist, sagte Gerrard. Reina hat, bevor er 2004 nach England kam, für Villarreal sieben von neun Elfmetern in der Primera Division gehalten. 2006 packte er im englischen Pokalfinale im Shootout zu - was allerdings eine Spezialität des FC Liverpool ist: 13 von 14 Elfmeterschießen hat der Klub gewonnen. Einen Wermutstropfen musste der Held von Anfield dennoch verschmerzen. Während des Spiels raubten Einbrecher seine Wohnung im Stadtteil Woolton aus und nahmen Juwelen, persönliche Dokumente, ein Entertainment-System und einen grauen Porsche Cayenne mit. Der Sportwagen wurde mittlerweile ausgebrannt gefunden.
Während sich Reina noch unwissend vom Einbruch feiern ließ, schlich der in Schwarz wie bei einer Trauerfeier gewandete Mourinho vom Feld. Vor dem Elfmeterschießen hatte er jeden seiner Spieler geküsst, nun war er dabei, Tröstungen auszusprechen. Die Liverpooler Fans sangen ihren Klassiker You'll never walk alone, und nicht einmal der einsame Chelsea-Coach ging allein: Er wurde begleitet von einem Polizisten.
Kein Spielwitz, keine Finesse, kein Flair bei Chelsea
Einsam war er dafür in seiner Betrachtung des Spieles. Dass Chelsea die stärkere Mannschaft gewesen sei, mit den besseren Chancen, und überdies die einzige, die auf Sieg gespielt habe, das alles hatte Mourinho exklusiv. Dass Chelsea, nachdem der dänische Verteidiger Daniel Agger mit schönem Direktschuss den Hinspielrückstand ausgeglichen hatte, durch Kuyts Kopfball an die Latte oder durch einen zu Unrecht nicht anerkannten Treffer des Holländers in der Verlängerung mehrmals kurz vor dem K.o. stand; dass die Reds aus dem Gegner über weite Strecken alles Leben herauspressten, so wie es sonst Chelsea gern tut; dass beim Milliardärsteam aus London dort, wo die Kraft ausging, auch bedingt durch Verletzungen wie die von Ballack und Carvalho, kein Spielwitz, keine Finesse, kein Flair die Physis ersetzen konnten - davon redete Mourinho nicht.
In den letzten Wochen hat er wie gewohnt, wenn die großen Spiele kommen, verbal ausgeteilt, doch alles verpuffte. Oder ging gar nach hinten los, wie sein Spruch, als großer Klub müsse Chelsea in allen Wettbewerben alles geben - und könne sich nicht wie Liverpool auf einen, auf die Champions League, konzentrieren.
Das mit dem kleinen Klub hat uns angestachelt
Liverpool ein kleiner Klub? 18 Meistertitel, fünf Europapokale? Wir lachen meistens über ihn, sagt Gerrard über die Wirkung der Provokationen des Portugiesen, aber das mit dem kleinen Klub hat uns angestachelt. Das Resultat: Zweimal in drei Jahren im Champions-League-Finale, nicht schlecht für einen kleinen Klub.
Auch Mourinhos Selbstdarstellung als the special one, als der ganz Besondere, griff der stille, schlaue Trainerkollege Rafael Benitez geschickt auf, indem er den Fans sagte: You are our special ones - in diesem Klub seid ihr das Besondere. Sie bewiesen es ihm mit einer akustischen und emotionalen Wucht, wie sie kaum ein anderes Fußballpublikum erzeugt.
Selten schlug das Herz des Fußballs so voller Lust
Die neuen Klubbesitzer, die Amerikaner Hicks und Gillett, erfreuten sich auf der Tribüne ihres neuen Hobbys. Sie haben versprochen, beim Stadionneubau im Stanley Park alles zu tun, dass architektonisch der legendäre Roar, der Sound von Anfield, bewahrt wird. Chelsea-Eigner Abramowitsch ließ sich dagegen nicht blicken, was die Gerüchte nährt, dass er ein wenig den Spaß an seinem Spielzeug verloren hat.
Denn Spaß macht Chelsea nie, es ist eine Siegmaschine, und wenn sie nicht mehr siegt, verliert sie ihren Sinn - wie ein Investment, das keine Rendite abwirft. Liverpool hat andere Reichtümer zu bieten. Es hat ein Herz für den Fußball. Selten schlug es so voller Lust bis in den Hals wie in dem Moment, als Pepe Reina die Geschichte von Papa Reina fortschrieb.
FC Liverpool - FC Chelsea 1:0 (1:0, 1:0) n.V., 4:1 i.E.
Liverpool: Reina - Finnan, Carragher, Agger, Riise - Pennant (78. Xabi Alonso), Gerrard, Mascherano (118. Fowler), Zenden - Crouch (106. Bellamy), Kuyt
Chelsea: Cech - Paulo Ferreira, Essien, Terry, Ashley Cole - Makelele (118. Geremi), Lampard, Mikel, Joe Cole (98. Robben) - Kalou (107. Wright-Phillips), Drogba
Schiedsrichter: Manuel Enrique Mejuto Gonzalez (Spanien)
Tor: 1:0 Agger (22.)
Elfmeterschießen: 1:0 Zenden, Reina hält gegen Robben, 2:0 Xabi Alonso, 2:1 Lampard, 3:1 Gerrard, Reina hält gegen Geremi, 4:1 Kuyt
Zuschauer: 42.554
Gelbe Karten: Agger, Zenden - Ashley Cole
Text: F.A.Z. vom 3. Mai 2007
Bildmaterial: AFP, AP, REUTERS