WM-Qualifikation

Über Russland zur Endrunde ans Kap

Von Roland Zorn, Durban

25. November 2007 Der Weg nach Südafrika ist weit. Er scheint aber nicht allzu beschwerlich für die deutsche Fußball-Nationalmannschaft, die seit dem frühen Sonntagabend weiß, gegen wen sie sich qualifizieren muss, um bei der Weltmeisterschaft 2010 dabei zu sein.

In Durban fiel das Los der Woche, das dem dreimaligen Weltmeister für die Zeit vom September 2008 bis zum November 2009 zuteil wurde, auf Russland, Finnland, Wales, Aserbaidschan und Liechtenstein - allesamt lösbare Aufgaben in der Europa-Gruppe 4 gegen Gegner ohne die ganz große Zugkraft. Da war das Geraune im International Convention Centre schon viel größer, als die soeben mit einer 2:3-Niederlage gegen Kroatien aus der Europameisterschafts-Qualifikation gefallenen Engländer aufs neue mit diesem Gegner konfrontiert wurden.

Löw: „Gruppenerster werden“

Bundestrainer Joachim Löw sah von daheim in Freiburg aus zu, welche Gegner der deutschen Nationalelf den Weg nach Südafrika versperren wollen. Ihm war am Donnerstag ein Weisheitszahn gezogen worden. Löw ging es am Sonntagabend schon wieder erheblich besser - auch wegen der Ziehung von Durban, die sein Assistent Hans-Dieter Flick nicht unter dem Sammelbegriff „Glückslos“ zusammenfassen wollte. „Es ist eine interessante Gruppe“, sagte Löw am Telefon, „in der es ganz klar unser Ziel sein muss, Gruppenerster zu werden.“

Die Russen unter dem welterfahrenen Trainer Guus Hiddink, der in Durban ebenfalls, wegen einer Grippe, fehlte, schätzt nicht nur Löw als „unseren schwersten Gegner“ ein. Dass die Waliser unangenehm werden können, haben die Deutschen erst am vergangenen Mittwoch zum Ende der erfolgreichen EM-Qualifikation beim öden 0:0 in Frankfurt zu spüren bekommen. Finnland habe, so der Bundestrainer, „eine ganz starke EM-Qualifikation gespielt“ und dabei um ein Haar den Sprung in die EM-Endrunde 2008 geschafft.

Gruppenzweite müssen in Relegation

Wolfgang Niersbach, der Generalsekretär des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), freut sich auch auf Aserbaidschan - eine Mannschaft, auf die Deutschland erstmals trifft. Pikante Note am Rande: Die Aserbaidschaner hatten erst vor kurzem beim DFB nachgefragt, ob es nicht einen deutschen Trainer gebe, der die Nationalelf trainieren wolle. „Das“, sagte Niersbach gewohnt humorvoll, „müssen wir uns jetzt natürlich genau überlegen.“ Auf jeden Fall werde sich die Nationalmannschaft, so Flick, „auf jeden Gegner gewissenhaft vorbereiten“.

Deutschland ist beim ersten WM-Turnier auf afrikanischem Boden als Gruppenerster auf jeden Fall und als Gruppenzweiter dann dabei, wenn es sich in einem der vier für diesen Fall ausgetragenen Relegationsspiele durchsetzt. Nur der schlechteste Gruppenzweite aus den neun Europa-Gruppen scheidet umstandslos aus. Nationalmannschafts-Manager Oliver Bierhoff fasste die sportlichen Aussichten für die WM in der Qualifikationsphase so zusammen: „Wenn man auf die anderen Gruppen sieht, können wir sehr zufrieden sein.“

Horrornachricht und Kleinkriminalität

Für Niersbach, vor allem aber für Nationalmannschafts-Manager Oliver Bierhoff begann der Tag von Durban mit einem großen Erschrecken und einem kleinen Schreck dazu. Zuerst verstörte die Horrornachricht vom Tod des Österreichers Peter Burgstaller, ermordet auf einem Golfplatz im nahen Pennington, viele der 3.000 Fifa-Delegierten in Durban (siehe auch: Südafrika: Freund Beckenbauers erschossen). Daran gemessen, wurde Bierhoff nur das Opfer der alltäglichen Kleinkriminalität in Südafrika: Ihm wurde beim Frühstück im Hotel eine Tasche gestohlen, in der sich unter anderem sein Pass und zwei Mobiltelefone befanden. „Ärgerlich“, sagte Bierhoff und fügte selbstkritisch hinzu, „man darf in diesem Land aber auch nicht nachlässig sein.“ Für die WM-Gastgeber in Südafrika war der Raubmord an dem Österreicher extra bitter, hatten sich doch die Organisatoren sehr viel Mühe gegeben für ihre Gala von Durban.

„Heute ist der Anstoß zur Weltmeisterschaft 2010“, hatte Fifa-Präsident Joseph Blatter gesagt, „heute öffnet Südafrika das Fenster zur Welt.“ Doch in dem schönen Land am Kap, viermal so groß wie Deutschland, herrscht auch ein hohes Maß an Gewalt, die sich unter anderem in überproportional vielen Mordfällen und Mordversuchen Bahn bricht. Im Convention Centre blieben vor den Augen der Landesprominenz, angeführt von Präsident Thabo Mbeki, die hässlichen Seiten des südafrikanischen Alltags am Sonntag natürlich außen vor. Hier wurde ein Ereignis mit Trommelschlägen, Tänzen und einheimischer Musik zelebriert, das einen ersten warmherzigen, anrührenden Eindruck für die Welt und für den Ehrgeiz Südafrikas hinterließ, stellvertretend für den ganzen Kontinent ein exzellenter Gastgeber der WM 2010 zu sein. Mbeki hieß die Welt willkommen, als er den programmatischen Satz formulierte: „Afrika ist bereit, Afrikas Zeit ist gekommen.“

Nach der Auslosung ist vor der Auslosung

Fifa-Präsident Blatter, von Mbeki schmunzelnd als „Mitafrikaner“ bezeichnet, erinnerte an den 15. Mai 2004, als die WM in Zürich an Südafrika vergeben wurde. „Das war nicht mehr als Gerechtigkeit für einen Kontinent, der dem Fußball in der Welt so viel gegeben hat. Jetzt gibt die Welt Afrika etwas zurück.“ 155 der 199 Fifa-Verbände, die sich nach dem gesetzten Gastgeberland für 2010 qualifizieren wollen, wurden am Sonntag, getrennt nach Kontinenten, ausgelost. Nicht im großen Topf waren die Länder Südamerikas und Ozeaniens, deren Qualifikationsmühlen schon mahlen. Es dauerte eine Weile, ehe die Deutschen, 2006 der letzte Ausrichter einer glanzvollen WM, bei diesem von fremder Hand geführten Glücksspiel mit weltweit 861 Partien bis zum November 2009 an der Reihe waren. Als schließlich feststand, wer gegen wen künftig zu spielen hat, sah man erleichterte Gesichter in der deutschen Delegation.

Die Deutschen besitzen nun eine gute Chance, auch bei der zweiten großen Fifa-Verlosung der Hauptgewinner aus der Qualifikation im Dezember 2009 dabei zu sein. Dann wird es in Kapstadt um die Gruppen der WM-Endrunde 2010 gehen. Wie es sich anfühlt, zu den auserlesenen Mannschaften zu gehören, wissen der bis dahin längst wieder gesunde Löw und seine Mitstreiter schon am kommenden Sonntag. Dann steht in Luzern die nächste Lotterie auf dem Programm: Auslosung der EM-Endrunde - ein Ereignis, auf das im Land des dreimaligen Welt- und Europameistermeisters mit noch mehr Neugier als auf die Zettelwirtschaft im fernen Durban geschaut werden dürfte.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: DPA, REUTERS

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