Von Michael Horeni
11. September 2007 Ein Erfolgsrezept der deutschen Nationalmannschaft bei der WM 2006 war ihre Fitness, und als langjähriger Berichterstatter über die Nationalelf wage ich den Selbstversuch. Der amerikanische Fitnesstrainer Shad Forsythe und sein deutscher Kollege Oliver Schmidtlein arbeiten für mich einen persönlichen Fitnessplan aus, der nach denselben Tests erstellt wird, die auch die Nationalspieler für die EM im Sommer 2008 absolvieren müssen.
Das Ziel ist: Wie fit kann in der EM-Saison ein 42 Jahre alter, sportentwöhnter Sportreporter werden, der sich mit Problemzonen und anderen Tücken herumschlagen muss, die der moderne Großstadt-Familienalltag so bereithält. Nächste Woche beginnt der harte Weg zurück zum alten Körpergefühl - dokumentiert von FAZ.NET. Der zweite Teil der Serie erscheint am Dienstag, den 18. September.
Früher war es irgendwie anders
Dass mein trainingsentwöhnter Körper zu einer Belastung geworden ist, ahnte ich schon länger. Dass er über die vielen faulen Jahre aber auch noch die hinterhältige Fähigkeit angenommen hat, meine soziale Kompetenz in unakzeptabler Weise einzuschränken, hat sich mir erst beim Treffen mit meiner Freundin Katja offenbart. Viele Jahre sind wir schon befreundet; seit sie Frankfurt verlassen hat und in Hamburg lebt, sehen wir uns vielleicht noch ein- oder zweimal im Jahr. Eine Verabredung ist nicht ganz leicht. Denn meine Freundin ist wohl das, was man heute eine Powerfrau nennt. Sie arbeitet im Vorstand eines großen Unternehmens, ihr Terminkalender ist randvoll.
Zu allem Überfluss ist Katja auch noch verdammt sportlich. Früher war sie Leistungssportlerin. Sie hat es bis in den Nationalkader gebracht. Jetzt geht sie jeden Morgen joggen. Das gehört zu ihrem ganz normalen Tagesablauf. Jedes Mal erinnert mich diese Selbstverständlichkeit, mit der sie Sport treibt, daran, dass es früher bei mir auch einmal so war. Sport gehörte untrennbar zu meinem Leben, vier-, fünfmal die Woche. Fußball, Tennis, Laufen, im Winter Ski fahren.
Dem Kollaps nahe
Auch jetzt ist Sport noch ein wichtiger Teil meines Lebens, aber seit einiger Zeit in einer ziemlich schizophrenen Weise. Ich treibe selbst fast keinen Sport mehr, ich befasse mich nur noch professionell mit ihm. Ich schreibe darüber, ich führe Interviews mit Weltmeistern und Olympiasiegern, diskutiere mit Bundestrainern und Sportpsychologen. Ich weiß mittlerweile, was einen Champion ausmacht. Aber ich weiß nicht mehr, wie es sich anfühlt, zehntausend Meter zu laufen, ohne dem Kollaps nahe zu sein.
Katja aber hielt mich immer noch für fit. Sie machte den Vorschlag, gemeinsam zu joggen. Dabei könne man doch so gut miteinander reden, meinte sie. Ich glaubte, davon in einem anderen Leben schon mal gehört zu haben. "45 Minuten laufe ich gerne mit, aber nicht länger. Ich laufe zu Hause immer nur eine halbe Stunde. Ich hab dafür einfach keine Zeit, die Kinder, der Job, du weißt", log ich.
Viele kleine Not-Lügen
Um ehrlich zu sein, konnte ich mich überhaupt nicht mehr erinnern, wann ich das letzte Mal eine halbe Stunde gelaufen war. "Ich habe meine Laufschuhe zu Hause vergessen", log ich weiter. Es war gleich eine doppelte Lüge. Ich hatte die Joggingschuhe natürlich gar nicht vergessen. Ich habe gar keine mehr. Die letzten sind schon seit zwei, drei Jahren durch. "Macht nichts", entgegnete Katja. Sie war so nett, mir welche zu besorgen.
Katja suchte für mich die Touristenstrecke aus, von Eppendorf einmal rund um die Alster. Es hätte herrlich sein können. Die Sonne schien, und ich tat so, als passten mir die geliehenen Schuhe. Bis wir in die Nähe der Alster kamen, dauerte es zehn Minuten. Es war der Zeitpunkt, an dem ich zum ersten Mal ans Umdrehen dachte. Zwanzig Minuten hätten mir locker gereicht, ich hatte alle medizinischen und trainingswissenschaftlichen Argumente auf meiner Seite. Aber ich schwieg.
Der Blick auf die Alster war ein Schock. Vor mir tat sich in Erwartung baldiger Atemlosigkeit ein gigantisches Gewässer auf. Wir liefen in Richtung Jungfernstieg. Mit entsetztem Blick hielt ich nach einer nahen Brücke Ausschau, die den Weg hätte verkürzen können. Aber da war nichts. Außer einer einzigen Brücke weit weg. Die kann ich vielleicht noch in menschenwürdiger Verfassung erreichen, dachte ich. Aber das war nicht einmal die Hälfte des Wegs, und dann? Einfach sagen: "Mir reicht's" und ein Taxi rufen? Eine Verletzung vortäuschen? Ich war ratlos - und konzentrierte mich auf meine Atmung.
Puterrotes Gesicht, Schmerzen überall
Katja begann zu erzählen, das war ja der Grund, weshalb wir laufen gingen. Aber von Schritt zu Schritt verabschiedete ich mich als ernstzunehmender Gesprächspartner. Als sie von der letzten Krise ihres Unternehmens sprach, von den Intrigen und der üblen Rolle der Medien dabei, hätte ich nur zu gerne eloquent eingehakt, investigativ nachgefragt oder ein paar lässig-ironische Bemerkungen über meine Firma fallenlassen. Aber ich bekam keinen einzigen Satz mehr raus. Nur einzelne Worte. Ich hörte mich "Ja, wirklich" keuchen, kurz vor der Apathie ein "So?" raunen und als Höhepunkt meiner verbliebenen intellektuellen Leistungsfähigkeit den Zwei-Wort-Satz rauspressen: "Und dann?"
Ich hielt das für eine übermenschliche Anstrengung, denn ich war schon vollkommen damit ausgelastet, meine Atmung nicht aussetzen zu lassen, das Kreislaufsystem halbwegs stabil zu halten, die brennenden Oberschenkel und den schmerzenden rechten Fuß in den drückenden Schuhen zu ignorieren. Nach einer halben Stunde rettete ich mich auf die Toilette eines Cafés. Ich sah im Spiegel in ein puterrotes, von Strapazen gezeichnetes Gesicht. Ich begann mir Fragen zu stellen.
Über meinen Körper, mein bisheriges Leben und wie ich jetzt am besten nach Hause komme. Nach zehn Minuten mit den Handgelenken unter erlösend kaltem Wasser war ich wieder zu einem Menschen geworden, den vollständige Sätze zu bilden nicht weiter überforderte. Ich sagte ihr, dass es nun genug für mich sei, dass sie nicht zu warten brauche und ich den Weg auch gut alleine fände. Ich war stolz auf mich. Ich beschloss, wieder Sport zu treiben.
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 09.09.2007, Nr. 36 / Seite 18
Bildmaterial: F.A.Z. / Wonge Bergmann
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