Schweizer Nationaltrainer

Köbi Kuhn - Trainerfuchs oder Auslaufmodell?

Von Oliver Trust, Basel

26. März 2008 Köbi Kuhn hört im Sommer nach sieben Jahren als Schweizer Nationaltrainer auf und übergibt an Ottmar Hitzfeld. Er lächelt, wenn er Pläne schmiedet. Bevor er seine Frau im Spätsommer mit einem Opernbesuch als kleinem Dankeschön beglückt und sich vielleicht wieder der „Bauernmalerei“ widmet, gibt es reichlich für ihn zu tun. Als erste Aufgabe liegt das Testländerspiel gegen Deutschland an diesem Mittwoch vor ihm, als letzte, im Juni, die Europameisterschaft.

Kuhn hat klare Vorstellungen für sein letztes großes Turnier. Es wird schließlich sein Abgang als Nationaltrainer. Der ist ihm bei aller zur Schau gestellten Gelassenheit so wichtig wie die Zukunft danach und noch ein Stückchen mehr. „Ich bin nicht Mutter Teresa“, sagt er. „Ich schaue schon, dass es gut für mich ausgeht. Aber es war mir ein großes Anliegen, Ottmar eine Mannschaft zu übergeben, mit der er etwas anfangen kann. Ich wollte nie ein Team hinterlassen, das am Ende steht. Wir haben heute eine Mannschaft, die auch für die Zukunft einiges verspricht“, sagt er und schwärmt vom „perfekten Fußball“, einem „optimistischen Fußball“, für den die Schweiz stehe, seinem Fußball.

Mal „Trainerfuchs“, mal „Auslaufmodell“

Seit ihm diese Gedanken durch den Kopf gehen, ein Team mit Zukunft zu kreieren, predigt er vom „Teamgeist“. Dafür geht er an Grenzen. Seinem langjährigen Mannschaftskapitän Johann Vogel teilte er am Telefon mit, dass er nicht mehr auf ihn zählt. „Es braucht im Fußball den Geist, der sich frei entfalten kann. Aber irgendwann muss man entscheiden, wo die Schädigung des Kollektivs größer ist als der Gewinn.“ Es sei richtig gewesen, einen Schnitt zu machen, der erfahrene Individualisten nicht mehr berücksichtigt.

Über Köbi Kuhn, der mit Vornamen Jakob heißt, ist so viel gesagt worden, dass es ihn selbst nicht mehr interessiert. Das sagt er jedenfalls. Man müsse selbst seine Mitte finden, sagt er, ohne „alles zu lesen“. Das fällt in den Monaten vor der Europameisterschaft besonders schwer. In diesen Tagen ist der Nationaltrainer des EM-Gastgebers Schweiz mal „Trainerfuchs“, wie ihn der deutsche Bundestrainer Joachim Löw respektvoll nannte, mal „Auslaufmodell“, der die Nation ins Verderben führt. „Ich bin weder Depp noch Held. Es ist beides nicht die Wahrheit“, sagt er und spricht von „Gruppe überstehen“ und „das Viertelfinale erreichen“. Offiziell haben sein Team und er den EM-Titel zum Ziel erklärt.

„Köbi“ hilfte gegen den Komplex

Die Werbeindustrie der Schweiz kämpft mit weniger Zweifel, was den Schweizer Nationaltrainer angeht. Für sie ist Kuhn eine Art Star. „Köbi“ heißt es, sei kein „Bluffer“, sondern authentisch und echt. Einer, der den Menschen als Abbild ihres Lebens tauge, der ein paarmal hinfiel, sich aber stets aufrappelte. 1966 vor dem 0:5 der Schweiz gegen Deutschland bei der WM wurde der Mittelfeldspieler zum Beispiel suspendiert, weil er den Zapfenstreich überzog. 1990 erlitt er Schiffbruch als Versicherungsmakler, weil er auf falsche Freunde hörte. Erst „mit 50 machte ich alle Trainerdiplome“.

In diesem Beruf fand er seine Berufung. Kuhn war „Schweizer des Jahres“ und „Trainer des Jahres“. Als U-21-Trainer 2001 zum Chef befördert, qualifizierte er die Schweiz 2004 für die EM in Portugal und 2006 für die WM in Deutschland. Er half dabei, den „Minderwertigkeitskomplex“ abzulegen, „den wir mit vielen kleinen Fußballnationen geteilt haben“.

„Sport wird eine größere Rolle spielen“

Trotz seiner Erfolge verführt Kuhn die Leute dazu, ihn zu unterschätzen. Er kommt bieder und bescheiden daher. Wer Kontakt zu ihm aufnimmt, bekommt seine Frau ans Telefon, „sie macht meine Termine seit 40 Jahren“. Es gibt keinen Manager, nur einen Berater in Werbefragen. Kuhn wohnt in einer Mietwohnung in Zürich und wundert sich über die, die das wundert.

„Ich wollte das gar nicht anders“, sagt er. Wenn er dem Stress des Fußballtrainers entfliehen will, schnallt sich Kuhn die Inliner unter die Füße. Er setzt den Helm auf, legt die Schützer für Ellenbogen und Knie an und geht genießen. Zur Erinnerung: Er ist 64. „Ich kann dabei auf die Gelenke aufpassen, es gibt keine Schläge. Vor allem, es ist eine wunderbar fließende Bewegung“, sagt er. „Sport wird nach der EM eine größere Rolle in meinem Leben spielen.“



Text: F.A.Z., 26.03.2008, Nr. 71 / Seite 32
Bildmaterial: AFP

 
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