Chelseas Didier Drogba

Der genervte Solist und die gestohlene Kreditkarte

Von Christian Eichler, London

30. April 2008 Trainer müssen viele Rollen beherrschen. Vor dem Rückspiel im Champions-League-Halbfinale beim FC Chelsea an diesem Mittwoch (20.45 Uhr / Live bei Premiere, Sat.1 und im FAZ.NET-Liveticker) hat Rafael Benitez die des Theaterkritikers übernommen. Der Boss des FC Liverpool tat das, ohne verbotene Wörter wie „Schauspieler“ in den Mund zu nehmen. Er sagte nur: „Mit Didier Drogba ist es wichtig, einen guten Schiedsrichter zu haben.“

Er deutete an, dass er manch seltsamen Schwächeanfall des wuchtigsten Stürmers der Welt dokumentieren könne: „Von jedem meiner 19 Spiele gegen Chelsea habe ich ein paar Szenen mit Drogba aufgehoben. Sie sind sehr eindrucksvoll.“ Der Frontmann von der Elfenbeinküste steht im Ruf, schwer wie kein anderer Stürmer vom Ball zu trennen zu sein - und leicht wie keiner dahinzusinken.

Erst der Aufschrei, dann der taktvolle Rückzug

Am Samstag etwa, beim 2:1-Sieg in der Premier League gegen Manchester United, zeigte die Zeitlupe eine Szene, in der Drogba, Rücken zu Tor und Gegenspieler, das Bein hochreißt, um an den Ball zu kommen, dabei mit dem Knie mit etwas zusammenstößt, sofort mit einem Aufschrei und schmerzverzerrten Zügen ansetzt, zu Boden zu sinken - bis er merkt, dass das, was da mit seinem Bein zusammenkrachte, das Gesicht von Verteidiger Nemanja Vidic war, dem das eine blutende Lippe und einen verlorenen Zahn eintrug.

Für so was kriegt man als Stürmer beim besten Willen keinen Elfmeter, eher eine Gelbe Karte. Augenblicklich tat Drogba nichts mehr weh, sein Gesicht entspannte sich, und taktvoll zog er seine Klage zurück.

„Wie bei jemandem mit schwerem Sonnenbrand“

Auch andere Fußballspieler lassen sich fallen, teils aus Selbstschutz, teils um dem Schiedsrichter zu helfen: Die Wahrheit muss ihm ja sichtbar gemacht werden. Aber manche können es besser als andere. Drogba etwa schaffe es (ebenso wie der Manchester-Kollege Cristiano Ronaldo), stürzend den Eindruck zu erwecken, man habe ihm „während des Anschlags auf seine Person auch noch die Kreditkarten gestohlen“, so schrieb der „Telegraph“ über die Ausdruckskunst des Angreifers. In anderen Fällen lasse sein Gesicht einen Schmerz zutage treten „wie bei jemandem mit schwerem Sonnenbrand“.

Dass sich Drogba in seiner Haut nicht mehr wohl fühlt, jedenfalls in seiner zweiten Haut, dem blauen Trikot, mag er es nach seinen selten gewordenen Torerfolgen noch so demonstrativ küssen, ist offensichtlich. In der letzten Saison war er noch überragend, wurde Torschützenkönig. Dann aber entließ der Klub Trainer José Mourinho. Drogba war wütend, dann verletzt, dann müde vom Africa Cup, dann legte er sich mit dem ungeliebten Nachfolger Avram Grant an, und immer wieder kokettierte er mit einem Wechsel zu den üblichen Verdächtigen: Barcelona, Inter, Milan.

Hat Drogba mit Chelsea „Frieden“ gechlossen?

Aktueller Favorit ist Real Madrid. Der „Mirror“ berichtete, Reals Sportdirektor Predrag Mijatovic sei mit den Agenten des Spielers einig, und Drogba habe einen „Friedensvertrag“ mit Chelsea geschlossen, wonach der Klub einwillige, ihn im Sommer für 15 Millionen Pfund ziehen zu lassen - wofür der Torjäger bis Saisonende im Kampf um Meisterschaft und Champions League voll mitziehen und keine Schwierigkeiten machen solle. Gerade vor dem Duell mit Liverpool, in dem Chelsea dank des Eigentor-Geschenks zum 1:1 durch Riise in der Nachspielzeit des Hinspiels die große Chance hat, erstmalig das Finale um Europas Fußballgipfel zu erreichen, kann man keinen neuen Ärger gebrauchen.

Drogba sieht aus wie einer, der einen Wechsel dringend braucht. In dieser Saison wirkt er ungeduldig, spielt oft eigensinnig, will Tore erzwingen, statt sie zu erspielen, und sucht auch häufiger den unfeinen Umweg des geschundenen Elfmeters oder Freistoßes. Das Maß seiner Gereiztheit demonstrierte der bizarre Streit mit Michael Ballack um das Recht, einen Freistoß gegen Manchester ausführen zu dürfen. Drogba gewann den Ball - und verlor Sympathien.

Dogba fehlt mehr als ein einzelner Buchstabe

Selbst die eigenen Fans haben ihn in dieser Saison schon ausgepfiffen, wenn er allzu stur den eigenen Erfolg suchte. Doch wer die Lücke füllen soll, wenn er geht, ist unklar. Eine Zweitbesetzung von Weltklasse für den genervten Solisten hat Chelsea nicht. Sein erwarteter Weggang im Sommer könnte die unterschwelligen Spannungen im Star-Gefüge zum Ausbruch bringen. Keiner der vielen Versuche, neben dem 30-jährigen Ivorer einen zweiten Weltklassestürmer einzukaufen, ging bisher auf. Ob Mutu, Kezman, Crespo, Schewtschenko, Kalou, Anelka, alle waren sie woanders Torjäger und blieben bei Chelsea Randfiguren.

Vielleicht aber gibt es ja den „neuen Drogba“? Er kommt ebenfalls von der Elfenbeinküste, ist 17 Jahre alt, Junioren-Nationalspieler und auf dem Sprung in die Premier League, wo Portsmouth und Birmingham Interesse zeigen. Bullig und schnell, erinnert er an das große Vorbild. Aber noch fehlt Gnagbo Dogba vieles zu seinem berühmten Landsmann, nicht nur ein einzelner Buchstabe. Es ist ein langer Weg, bis er das ganze Schauspiel des Strafraums beherrscht - bis aus einem Dogba ein Drogba wird.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP, AP, dpa, REUTERS

Rubriken

Fußball-Übertragungen

Bundesliga scheitert mit TV-Plänen am Kartellamt

 
Video in voller Größe

Sollte im TV mehr „Randsport“ gezeigt werden?

Ergebnis
FAZ.NET Suchhilfe
F.A.Z.-Archiv Profisuche