Von Oliver Trust, Sinsheim
26. Februar 2008 Es gab ein paar Dinge im Berufsleben von Ralf Rangnick, die würde er heute anders lösen. Dazu gehört sicher die als provokantes Schaulaufen empfundene Ehrenrunde als Trainer des FC Schalke 04, die zu seiner vorzeitigen Entlassung im Dezember 2005 führte. Der 49 Jahre alte Schwabe hatte zuvor angekündigt, er werde seinen Vertrag zum Saisonende keinesfalls verlängern. Es ist ebenfalls davon auszugehen, dass Rangnick sich nicht mehr ins Fernsehstudio stellt und die Viererkette erläutert, was ihm im Dezember 1998 den zweifelhaften Ruf des Fußballprofessors einbrachte.
Und schließlich wunderten sich einige, als er im Juni 2006 beim Regionalligaklub TSG 1899 Hoffenheim anheuerte, was andere wie Klaus Toppmöller mit dem Hinweis ablehnten, nicht auf Platz zwei im Schatten des Fritz-Walter-Stadions in den Niederungen der Regionalliga gegen die Amateure des 1. FC Kaiserslautern spielen zu wollen.
Die Anfangszeit war am schwierigsten
Ich, sagt Ralf Rangnick, der mit Hoffenheim mittlerweile in der zweiten Liga zum Kreis der Aufstiegskandidaten gehört und an diesem Dienstag im Viertelfinale des DFB-Pokals bei Borussia Dortmund stand (Siehe auch: DFB-Pokal-Viertelfinale: Dortmund stoppt Hoffenheims Höhenflug), wusste, wie es auf Platz zwei hinter dem Betzenberg aussieht, ich war Trainer in der Regionalliga. Aber auch für den Mann, der als Aktiver nur in der dritten Liga spielte, galt es, emotionale Hürden zu überwinden. Erst spielst du vor 60.000 in der Bundesliga und dann in Elversberg. Ich habe mich lange gefragt, machst du das oder nicht? Als er zugesagt hatte, folgten die üblichen Urteile, er erliege dem schnöden Ruf des Geldes, das Mäzen und Milliardär Dietmar Hopp im Überfluss in sein Hobby TSG zu stecken bereit ist. Mancher sah die Entscheidung als Schritt ins Abseits des Trainerlebens an.
Die Anfangszeit war am schwierigsten, und vielleicht die am Anfang dieser Saison, sagt Rangnick. Er fing 2006 mit zwei Niederlagen in vier Spielen sowie jeder Menge Hohn und Spott an. Ich habe den Schritt bewusst gemacht, sagt er heute. So ein Projekt gab es noch nie in Deutschland, und ohne mich hätte es das vielleicht auch nie gegeben.
Die haben in der zweiten Liga nichts verloren
Der ehemalige Hoffenheimer Amateurkicker Hopp suchte eine ganze Weile den richtigen Mann und handelte sich Absagen ein. Zu gefährlich schien den meisten der kühne Plan, aus dem Dorfklub bei Heidelberg einen Bundesligaverein zu formen. Rangnick sah eine Chance darin und ignorierte die Gefahren oder glaubte, sie beherrschen zu können: Ich bin hier eine Art englischer Teammanager. Das gibt es in Deutschland nur noch in Wolfsburg. Die aber fangen damit in der Bundesliga an, wir kommen aus der dritten Liga. Die reichen Geldsäcke aus Hoffenheim, die sich jeden kaufen können, riefen bald Argwohn hervor - in der unmittelbaren Umgebung, in der Hopp vor allem als spendabler Förderer der Jugend auftritt, aber auch im Eishockey und Handball hilft, und in der gesamten Fußballbranche.
Das beruhigende Gefühl ausreichender Finanzmittel ist eine Sache, die andere, eine Mannschaft zu formen, die den Ansprüchen genügt. Bald war Rangnick klar, dass seine Mission nur mit Talenten aus der Region nicht zu schaffen sei. Trotzdem blieb man beim Konzept junger Spieler. Das Potential ist kaum zu halten, sagte neulich der Freiburger Trainer Robin Dutt über Rangnicks neue Angreifer. Die haben in der zweiten Liga nichts verloren, die gehören in die Bundesliga. Hoffenheim hat die Spieler entdeckt, die auch jeder Bundesligist hätte entdecken können.
Fünf Siege nach der Winterpause
Den Rekordbetrag von zwanzig Millionen Euro gab Rangnick aus und landete mit Ba, Obasi und Eduardo Volltreffer. Nun kommt die TSG mit ihrem Trainerteam vielleicht früher in die erste Liga als geplant. Man würde vorerst in Mannheim im Carl-Benz-Stadion spielen, weil das eigene Stadion erst im Januar 2009 fertiggestellt sein wird.
Rund 45 Minuten Fahrt über die Autobahn sind es vom Arbeitsplatz in Rangnicks Heimatort Backnang bei Stuttgart. Fährt er über die A6, kommt er am neuen Stadion vorbei, das direkt gegenüber dem Technikmuseum Sinsheim entsteht. Das Foto der 30.000 Besucher fassenden Arena hat der Coach neben die Kabine gehängt. Er erneuert es alle vier Wochen. Vor allem seinen Fußballkünstlern im Sturm will er damit zeigen, was auf sie wartet. Denen brachte er in der Winterpause auch die Notwendigkeit näher, mal gegen den Ball zu arbeiten. Das Trainingslager war entscheidend, sagt der Fußball-Lehrer nun. Fünf Siege nach der Winterpause ließen nicht nur Spaß und Teamgeist in seinem Kader wachsen, sie zauberten auch ein glückliches Lächeln in das Gesicht von Ralf Rangnick.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa, picture-alliance/ dpa, Rainer Wohlfahrt
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