18. Oktober 2005 Es gibt nicht viel, woran sich Jürgen Klinsmann in dieser schweren Zeit erfreuen dürfte. Aber vielleicht nimmt er eine kleine Randnotiz aus Hamburg mit Genugtuung zur Kenntnis, jetzt, wo alles schreit nach Korrekturen der Reformpläne. Daß nämlich tiefgreifende Veränderungen doch Anerkennung finden können, wenn sie zum Erfolg führen, zeigt eine Reaktion des niederländischen Fußballverbandes, der sich nach der Qualifikation für die WM-Endrunde in Deutschland gerade beim HSV bedankt hat, daß sich seine Hamburger Nationalspieler Rafael van der Vaart und Khalid Boulahrouz in einwandfreiem körperlichen Zustand befänden. Ein dickes Lob an Trainer Thomas Doll, der wie Klinsmann viele neue Elemente in die Arbeit beim Bundesligaklub eingebracht hat und der zu den Verfechtern der Fitness-Doktrin des Bundestrainers gehört.
Nach einer turbulenten Woche mit der Nationalmannschaft will sich Fußball-Deutschland aber nicht beruhigen. Die Meinungen driften weit auseinander, und die Front gegen einen auf seinen Grundsätzen beharrenden Klinsmann wächst unvermindert (Siehe auch: Hockey-Bundestrainer Peters im Interview: Die Kritik ist scheinheilig). Die sportlichen Testresultate der Nationalelf, die viele Kritiker acht Monate vor dem WM-Turnier nicht zufriedenstellen, haben den schwelenden Konflikt zwischen Traditionalisten und Modernisten zum Ausbruch gebracht. Die Fußball-Nation weiß nicht, wo sie steht - und streitet. "Wir brauchen jetzt wieder Vertrauen", sagt Uwe Rapolder, der Trainer des 1. FC Köln, dessen Ansichten über Fußball denen der Generation Klinsmann, Doll oder Klopp (Mainz 05) sehr ähneln.
Kritische Phase erreicht
Seit der Bundestrainer von den Wortführern aus München, Schalke, Bremen oder Berlin hart angegangen wird und vehement prinzipielle Veränderungen seiner Arbeit gefordert werden, ist eine kritische Phase erreicht. Die harte, manchmal ins Persönliche abgleitende Diskussion wirft vor allem einen dunklen Schatten auf die Mannschaft, deren meist unerfahrene Spieler dem Stress wohl nicht gewachsen sind. "Wenn es so weitergeht, sind das sehr pessimistische Aussichten. Unter diesen Bedingungen hat das junge Team eine schlechte Entwicklungschance", sagt der Sportpsychologe und Unternehmensberater Ulrich Kuhl.
Der Versuch, den Fußball deutscher Prägung stark zu reden, wie ihn der Bundestrainer unternommen hat, um dann aufzutrumpfen, funktioniert nur bedingt. Das ist nun in den Spielen nach dem Confederations Cup deutlich geworden. Andererseits kann Klinsmann nicht mehr herausholen, als der heimische Talentschuppen hergibt. Über diese Ausgangsposition waren sich alle einig, als der Schwabe den Job im vergangenen Jahr übernommen hat, den damals keiner haben wollte.
Hausgemachte Probleme
Mit positiver Kraft und ungewöhnlichen Reformideen hat er seit seinem Amtsantritt die hausgemachten Probleme angenommen. Er muß sich dabei mit dem Input vieler Bundesligaklubs arrangieren, die seit Jahren nicht mehr den höchsten internationalen Ansprüchen genügen, in den Europapokalwettbewerben mehr durch schwächliche Fehlversuche als durch dominante Reife auffallen und junge deutsche Kräfte jahrelang in ihrer Auswahl gar nicht bevorzugten. Es überrascht deshalb, mit welcher Selbstüberzeugung der eine oder andere Vereinsvertreter vor diesem Hintergrund gegen Klinsmann argumentiert und sich recht oberflächlich über Trainings- und Führungsmethoden, Fitnesstests oder Aufstellungsvarianten der Mannschaft mokiert.
Es bleibt dabei: Veränderungen werden im deutschen Fußball nicht aktiv gefördert, sondern mit großem Mißtrauen bedacht. Dagegen anzutreten ist schwer, zumal die Opposition der Altvorderen vom wichtigsten Boulevardmedium flankiert wird. "Der Bundestrainer setzt konsequent auf Erneuerung. Jeder sollte sich jetzt zurücknehmen, weil die Durststrecke im Rahmen der Umstrukturierungen absehbar war", sagt Rapolder.
Soll ich quer durch die Republik reisen?
Klinsmann im Visier. Die Fronten stehen, aber es gibt auch interessante Wendungen im Machtspiel. Am Freitag ist der Vorstandsvorsitzende des FC Bayern, Karl-Heinz Rummenigge, dem Bundestrainer zur Seite gesprungen - ganz im Gegensatz zu Klubmanager Uli Hoeneß. Klinsmann selbst, der wieder zu Hause in den Vereinigten Staaten weilt, gibt sich weiterhin von der coolen Seite und blockt alle Forderungen ab, er solle sich mehr in Deutschland aufhalten: "Soll ich quer durch die Republik reisen und freundlich mein Gesicht zeigen? Wir haben eine klare Aufgabenteilung im Trainerstab vor Ort. Mein Job ist es, die Nationalmannschaft besser zu machen. Es geht um inhaltliche Dinge und nicht um Lobby-Arbeit. Dafür bin ich nicht zuständig." Klinsmann sieht seine Aufgabe mehr als unternehmerische Herausforderung mit Fachzuständigkeiten für ihn, seinen Assistenten Joachim Löw und Manager Oliver Bierhoff. Vielleicht eine zu distanzierte Sicht für Fußball-Traditionalisten, die durch seinen privaten Kalifornien-Rückzug symbolisiert wird.
Womöglich auf dem besten Weg
Um sich aus dem Stimmungstief zu befreien, könnte er seinen Kritikern ein Stück entgegenkommen. War es nicht der Bundestrainer, der immer wieder anmerkte, andere wichtige Meinungen in seine Entscheidungen einfließen zu lassen? Wollte Klinsmann von Liga-Größen wie Uli Hoeneß oder Rudi Assauer ernst genommen werden, dürfte sich diese wohlmeinende Absicht am Ende nicht als Phrase erweisen. So könnte sich Rapolder vorstellen, die Torwartdiskussion aufzulösen und Oliver Kahn wieder mehr in den Mittelpunkt zu stellen. "Jetzt ist es an der Zeit, zwei bis drei Führungsspieler stark zu machen", sagt der Trainer des 1. FC Köln.
Der Sportpsychologe Kuhl hält "eine konzertierte Aktion von Nationalmannschaft und Bundesligavereinen" für wünschenswert. Ein runder Tisch zur Bewahrung der deutschen WM-Träume? Wenn man weiß, wie sehr der französische Weltmeistertrainer Aime Jacquet bis in das WM-Turnier 1998 hinein unter Beschuß stand und trotzdem nicht von seiner Linie abwich, befindet sich Klinsmann womöglich auf dem besten Weg. "Die Kritik ist alles andere als schlimm", sagt der Mainzer Coach Jürgen Klopp. "Außerdem, in vier Wochen intensiven Trainings vor der WM kann man doch noch viel erreichen." Na dann, Herr Bundestrainer, keine Panik!
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 16.10.2005, Nr. 41 / Seite 17
Bildmaterial: AP, picture-alliance / dpa/dpaweb, picture-alliance/ dpa, picture-alliance/ dpa/dpaweb