Uefa-Cup-Kommentar

Triple-Phantasten trippeln hinterher

Von Roland Zorn

02. Mai 2008 Schöne Bescherung! Sollten die Bayern am Sonntag in Wolfsburg das letzte noch fehlende Pünktchen auf dem Weg zur 21. deutschen Fußball-Meisterschaft einsammeln, wird so mancher auf die Schale für den Sieger wie auf einen Trostpreis herabblicken. Schlechte Terminplanung?

Wer drei Tage vorher bei dem vergeblichen Versuch, auf Triple-Jagd zu gehen, bei Zenit St. Petersburg 0:4 untergeht, kann kurz darauf auch beim besten Willen nicht schon wieder als Triumphator auftauchen. Deutschland und seine Bundesliga sind von Europa ziemlich weit entfernt, wenn es um die wichtigen Spiele und die großen Pokale geht. Die im national begrenzten Raum nahezu unangreifbaren Münchner haben während dieser internationalen Saison in der zweiten europäischen Liga, falls sie aufgepasst haben, zu spüren bekommen, dass ihnen inzwischen sogar die Konkurrenz im vermeintlichen Hinterland der europäischen Fußball-Schaubühne Beine macht.

Kahn und Hitzfeld dürften das Aus verschmerzen können

Gegen Getafe, einen Madrider Vorstadtklub, zweimal nicht gewonnen und mit viel Dusel weitergekommen, beim bisher mit Meriten nicht überhäuften russischen Meister Zenit St. Petersburg nach einem 1:1 im Hinspiel krachend zu Fall gebracht worden: Der deutsche Double-König trippelte seiner Triple-Phantasie schwachbrüstig hinterher.

Zum Kollateralschaden des 0:4-Desasters in Russland gehört auch, dass ein verdienter Meistertrainer wie Ottmar Hitzfeld und eine Fußball-Ikone wie Oliver Kahn ohne finalen Triumph in einem Europapokal-Endspiel, und sei es dem im Uefa-Cup, von ihrer Bundesliga-Laufbahn abtreten werden. Sie dürften es, reich an Lebenserfahrung und Titeln, verschmerzen können.

Hinweis auf Müdigkeit klingt nahezu wehleidig

Die manchmal von sich selbst geblendeten Bayern und die glänzend umrahmte, sportlich aber verbesserungsbedürftige Bundesliga müssen sich in Zukunft ohne Ausflüchte der Wirklichkeit im internationalen Vergleich stellen, wollen sie nicht überrannt werden von immer mehr Teams, die im Kollektiv auf Tempo, Antizipation, Mitarbeit ohne Ball und Zielstrebigkeit setzen.

Wie Karl-Heinz Rummenigge und Uli Hoeneß in St. Petersburg auf die Müdigkeit der Münchner zu verweisen klingt nahezu wehleidig und hilft niemandem weiter. Der FC Chelsea und Manchester United sind noch mehr und noch häufiger gefordert worden – und stehen dank geistiger und körperlicher Frische in den entscheidenden Augenblicken im Champions-League-Finale.

Fernglas - für den Fernblick auf Europas Fußball-Elite

Dass Zenit erst am Anfang der Saison sei und deshalb mit unverbrauchter Kraft habe drauflosstürmen können, wurde dazu als eigenes Entlastungsargument gebraucht. Bleibt zu hoffen, dass die Bayern nicht andersherum reden, falls es bei ihnen zu Beginn der neuen Spielzeit nicht rund läuft: Dann ist die Serie ja noch jung und man selbst noch nicht eingespielt.

Nur mit mehr Pep, mehr Power, mehr Dynamik kann der Rückstand zu den europäischen Rivalen aufgearbeitet werden. Eine ebenso reizvolle wie dankbare Aufgabe für den reformbeseelten Neutrainer Jürgen Klinsmann. Holen die Münchner ihre Defizite nicht auf, brauchte Uli Hoeneß schon wieder ein Fernglas – diesmal mit Fernblick auf Europas Fußball-Elite. Zu der gehören die Bayern derzeit nur dem Namen nach.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: REUTERS

 
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